Die Schlinge zieht sich zu

Wer die Haushaltsplanung der Kämmerei für 2018 analysiert und die erforderlichen Investitionen der Stadt Landsberg der nächsten fünf Jahre betrachtet, kommt zu einer bedrückenden Erkenntnis: Die Schlinge zieht sich zu.

Zwar erzielen wir im kommenden Jahr leichte Gewinne aus laufender Verwaltungstätigkeit und werden keine Neuverschuldung brauchen; die Liquiditätslage ist stabil. Aber die Stadt erzielt weniger Einnahmen, weil sie weniger Grundstücke verkauft. Und: Die Bindungswirkung früherer Beschlüsse ist enorm. Kämmerer Jung fordert sogar, „das bestehende Investitionsprogramm um mehrere Millionen Euro zu reduzieren“. Die Stadt müsse „Erwartungen und Wünsche priorisieren“, damit der Haushalt 2018 überhaupt genehmigungsfähig sei.

Finanzielle Bindung

Deutlich wird in Jungs Papier auch: Das ist noch nichts gegen die Probleme, die 2019 auf uns zukommen. Die frei werdende Schlossbergschule, die Nachnutzung des bisherigen Altenheims im Heilig-Geist-Spital und die Neukonzeption des Stadtarchivs sowie des Stadtmuseums binden finanzielle und personelle Ressourcen der Stadt, ebenso wie der Neubau des Lechstegs und die Schaffung der Infrastruktur für das Wohnquartier am Papierbach, schreibt Jung in seiner Vorlage für den Stadtrat.

Jungs Liste ist noch nicht einmal abschließend. Wir erwägen, unter dem neuen Jugendzentrum an der Lechstraße ein Parkdeck zu errichten. Können wir uns die fünf Millionen dafür leisten? Wir betonen, jetzt endlich Landsbergs Verkehrsprobleme lösen zu wollen. Glaubt jemand, das ginge zum Nulltarif? Wir erschließen Wohngebiete für Zuzügler. Wie finanzieren wir die dadurch entstehenden sozialen Kosten?

Hebelwirkung

Manchmal sind es nur kleine Maßnahmen, die Hebelwirkung haben. Der Stadtrat hat kürzlich beschlossen, dass eine Kommission über so etwas wie einen „Erinnerungsraum“ nachdenkt, der Besucher an die Stellen leitet, die Aufstieg, Schrecken und Fall des Nationalsozialismus dokumentieren. Die Gruppe hat ihre Arbeit inzwischen aufgenommen. Das ist gut – aber das Stadtmuseum ist noch nicht einmal konzipiert, die personelle und räumliche Ausstattung des Lagers Kaufering VII ungeklärt; noch sind Welfenkaserne und Gefängnis nicht einbindbar. Wohin leiten wir die Besucher bitteschön?

Ein weiteres Beispiel: Der Stadtrat soll heute zweimal über Stadtbusse und technische Veränderungen am Busbahnhof entscheiden. Das kann man machen, aber es sind zugleich Manifestierungen. Wir schaffen immer mehr Fakten, die nachher die Optionen eines Verkehrskonzepts einschränken. Müssten wir nicht einmal grundsätzlich über den Nahverkehr sprechen, auf den (und dessen Tarife) der Stadtrat offenbar momentan kaum Einfluss hat? Wird der Nahverkehr nicht im Rahmen des Verkehrskonzepts eine zentrale Rolle spielen?

Fünf virulente Themen

Natürlich: Alles hängt mit Allem zusammen, nirgendwo gilt das mehr als in einer Kommune. Man kann nicht alle Räder stillstehen lassen. Aber es wäre klug, sich die fünf virulenten Themen

  • Grundschulen (einschließlich Aufstockung, Umbauten und Sprengeländerung),
  • Verkehrsberuhigung (einschließlich Stadtbussystem, Fahrradnutzung und neue Verkehrsführungen),
  • Kultur (einschließlich Stadtmuseum, Volkshochschule und Tonröhrenbauten),
  • Wohngebiete (einschließlich Sozialer Wohnungsbau, Wohnungen für anerkannte Flüchtlinge und verträgliche Stadtentwicklung) sowie
  • Altstadt (einschließlich Vorderanger-Fußgängerzone und Hinteranger-Parkverbot)

im Zusammenhang vorzunehmen und eine Maßnahmenliste samt Zeitschiene zu formulieren. Natürlich mit Bürgerbeteiligung.

Ohne ein solches Konzept setzen wir immer wieder Hebel in Gang, deren Wirkung schwer zu stoppen ist. Wir binden liquide Mittel und personelle Kapazität, ohne das hinreichend abgewogen zu haben.

Das Strategiekonzept „Landsberg 2035“ hilft insofern nicht; wir brauchen eine kurzfristige Agenda, auf die sich alle politischen Gruppierungen verständigen. Alles Andere ist keine verantwortliche Politik. Wir können nicht in unsere Zukunft hineinstolpern. Geplant (und im Konsens) nach vorne gehen, das wäre schön. Schaffen wir das?

Wir leihen Dir was

Man kann diese Frage nur mit „ja“ oder „nein“ beantworten: Übernimmt die Stadt nun die Anwaltskosten von Ingo Lehmann im Zivilprozess gegen Hauck & Aufhäuser oder nicht?

Lehmann ist an dem Schadensersatzprozess gegen das Bankhaus beteiligt, weil die Stadt dem ehemaligen Kämmerer Manfred Schilcher in diesem (ersten) Verfahren den Streit verkündet hat. Damit wird bewirkt, dass dort getroffene Feststellungen im Fall eines späteren (zweiten) Rechtsstreits der Stadt gegen Schilcher verwendet werden können und über das Gleiche nicht nochmals Beweis erhoben werden muss. 

Schilcher reagierte darauf mit der Streitverkündung gegenüber seinem früheren Vorgesetzten, Ex-Oberbürgermeister Lehmann, damit der gleiche Effekt in einem etwaigen (dritten) Prozess Schilcher – Lehmann entsteht. Das ist kompliziert, aber nicht ungewöhnlich. 

Lehmann beantragte daraufhin zurecht die Übernahme seiner Anwaltskosten, denn er war ja unfreiwillig, aufgrund einer Handlung der Stadt, an dem aufwändigen und komplexen (ersten) Verfahren beteiligt, bei dem es um Millionenbeträge ging.

Die Stadt hat die Übernahme „jeglicher“ Kosten Lehmanns auch schriftlich zugesagt. Dabei hat sie zwar angenommen, die beteiligten Gerichte würden den Streitwert auf den Betrag reduzieren, worum maximal im zweiten und dritten Verfahren gestritten werden kann – das sind natürlich nicht Millionen, sondern allenfalls Hunderttausende Euro.

Doch diese Reduzierung ist bislang nicht erreicht. Sie würde wohl auch voraussetzen, dass die Stadt ihre mögliche Forderung gegenüber Manfred Schilcher begrenzt. Folglich hat Lehmann derzeit noch eine relativ hohe (nicht nur fällige, sondern überfällige) Rechnung auf dem Tisch, denn sein Anwalt darf nicht anders als nach der Gebührentabelle abrechnen. Diese Rechnung lag den Mitgliedern des Stadtrats am Mittwoch vor.

Klar war: Sollte der Streitwert noch reduziert werden, würde die Kanzlei den zu viel bezahlten Betrag an Lehmann zurückerstatten und der wiederum die Ersparnis an die Stadt weiterreichen. Alles andere wäre eine ungerechtfertigte Bereicherung. Aber dass erstmal gezahlt wird, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Doch der Stadtrat beschloss etwas Anderes. Er gewährte Ingo Lehmann zu dessen Überraschung ein zinsloses Darlehen. Dann könne man über die Angelegenheit später entscheiden.

Wie grotesk das ist, wird deutlich, wenn man den Fall auf einen normalen Lebenssachverhalt überträgt. Ihr Bruder fragt, ob er die defekten Fenster in Ihrem Haus erneuern lassen soll. Sie sind erfreut und sagen zu, die Kosten zu übernehmen. Ihr Bruder beauftragt daraufhin einen Fensterbauer. Als Ihr Bruder Ihnen die Rechnung vorlegt, sagen Sie ihm: Bitte zahle das Geld an den Fensterbauer, ich gebe Dir dafür ein zinsloses Darlehen in gleicher Höhe. Nach einiger Zeit kündigen Sie den Darlehensvertrag und verlangen das Geld zurück. Das Ergebnis: Sie haben die Fenster und das Geld, ihr Bruder aber hat den Schaden.

Der Denkfehler liegt darin, dass ein Darlehen im Dreiecksverhältnis nicht erfüllungshalber eingesetzt werden kann. Da werden Rechtsinstitute vermischt, die man nicht vermischen kann.

Jetzt mal vom Ergebnis her. Nehmen wir an, der Bruder, hier Lehmann, durchschaut die Masche und ist nicht einverstanden. Und der Fensterbauer, hier der Anwalt, will keinen Darlehensvertrag mit dem Bruder schließen. Dann ist das Ergebnis, dass gar keine Zahlung stattfindet. Das aufgedrängte Darlehen wirkt sich dann wie ein hartes Nein aus.

Das Vorgehen ist auch deswegen ungeschickt, weil die von Lehmann beauftragte Anwaltskanzlei drauf und dran war, auf eine Rechnungsstellung für die zweite Instanz (für die noch keine Rechnung geschrieben ist) ganz zu verzichten. Das dürfte man sich dort nun noch einmal überlegen.

Wer sich abschließend vorstellt, Ingo Lehmann hätte an der Stadtratssitzung teilgenommen, dem wird der Affront noch deutlicher. Du, Ingo, wir wollen Deine Kosten eigentlich nicht übernehmen, weil wir gedacht haben, es gehe um viel weniger Geld. Aber wir haben eine gute Nachricht für Dich: Wir leihen Dir was.

Bei diesem stilvollen Augenblick wäre man gerne dabei gewesen.

Unbeplant gleich Stadtverwaltung?

Von 1546 ist die Bauinschrift am Bachwirt. Das Gebäude wurde in diesem Jahr als Wohnhaus für den Salzstadelmeister errichtet. Die Größe des Hauses gibt eine Vorstellung von der Bedeutung dieses Amtes und des Salzstadels für die Stadt im 16. Jahrhundert.

Das schrieb der damalige Stadtheimatpfleger Anton Lichtenstern in der 109. Ausgabe der Landsberger Geschichtsblätter. Nachgeschlagen haben das die Stadträte Reinhard Skobrinsky (BAL) und Hans-Jürgen Schulmeister (Landsberger Mitte). Aus gegebenem Anlass: Das Gebäude am Infanterieplatz wird derzeit umgebaut und modernisiert.

Wenn in der Altstadt ein Gebäude verändert wird, ist ein Blick in die „Satzung über besondere Anforderungen an bauliche Anlagen im Altstadtgebiet von Landsberg“ hilfreich. Zum Beispiel wenn Bauherren über Solardächer, Mobilfunkantennen und Dachgauben nachdenken. Im vorliegenden Fall erreichten uns zunächst kritische Fragen der beiden Stadträte und anderer Bürger zu den Dachgauben. Das Gebäude hatte jahrhundertelang keine Gauben; nun entstehen beidseitig gleich zwölf Stück. Geht das denn? Und sind Gauben mit dem Denkmalschutz vereinbar? Immerhin ist das Bachwirt-Gebäude nicht nur Teil des Ensembles Altstadt, sondern auch ein Einzeldenkmal.

Wir erinnerten uns an einen KREISBOTEN-Spaziergang mit Kreisheimatpflegerin Heide Weishaar-Kiem. Denkmalschutz bedeute nicht, „die Käseglocke darüber zu tun“ und die Nutzung oder Weiterentwicklung von Gebäuden zu verhindern, hatte sie erklärt. Wenn einer ein Bauernhaus kaufe, das unter Denkmalschutz stehe, müsse er nicht wieder Kühe in den Stall stellen.

Tatsächlich erlaubt auch die Altstadtsatzung, Einzelgauben (nicht „einzelne Gauben“) in Dächern von mehr als 40 Grad Neigung zu errichten, wenn sie sich in Form, Farbe und Größe dem Ortsbild einordnen. Von den Giebelrändern ist ein Abstand von 1,50 Metern einzuhalten. Diese Voraussetzungen sind im Fall „Bachwirt“ erfüllt, zumal die Gauben über die Dachfläche verteilt sind, nicht aneinander anschließen und die untere Gaubenreihe größer als die obere ist – auf diese Anforderungen legt das Landesamt für Denkmalpflege besonderes Gewicht.

Skobrinsky und Schulmeister haben mit ihren Recherchen aber auch zwei weitere Themen auf die Tagesordnung gebracht, die in der Tat problematisch sind. Vom Infanterieplatz aus sind drei im Licht glänzende Kamine in beträchtlicher Länge zu sehen, die über den Dachfirst hinausragen; dafür fehlen zwei kürzere Kamine auf der anderen Dachseite – jedenfalls im Vergleich zu einer Planskizze, die dem landsbergblog vorliegt. Nach Informationen aus der Stadtverwaltung sind die Kamine so nicht beantragt und auch nicht genehmigt worden. Darüber wird in der jetzt beginnenden Woche zu reden sein.

Das zweite Thema ist die grundsätzliche Frage der Zuständigkeit. Immer dann, wenn es um die Einpassung eines Vorhabens in einen unbeplanten Innenbereich geht, entscheidet die Stadtverwaltung ohne die Stadträte; der Bau-, Planungs- und Umweltausschuss wird mit der Sache nicht befasst. Auch die Frage, ob die Altstadtsatzung erfüllt ist oder nicht, wird von der Verwaltung beantwortet; lediglich bewusste Abweichungen müssen vorgelegt werden. Ist die Verwaltung einmal tätig geworden, lässt sich nichts mehr ändern, weil Bauherren sich (zurecht) auf die Bestandskraft von Verwaltungsakten verlassen.

Es sieht so aus, dass der Stadtrat durch eine Änderung seiner Geschäftsordnung einige Entscheidungen an sich heranziehen und sie dem Bauausschuss überantworten wird. Dieser Plan existiert bereits seit dem unglückseligen Projekt „Hopfengarten“ – dort hatte die Verwaltung die Einpassung bejaht, der Bauausschuss, ein externer Sachverständiger und das Verwaltungsgericht München kamen aber zum gegenteiligen Ergebnis (ohne lange diskutieren zu müssen). Der „Bachwirt“-Fall könnte nun den letzten Anstoß geben, die Änderung auch tatsächlich vorzunehmen. Ein Fortschritt.

Die Nachricht aus dem Nichts

Am 28. Juni überraschte das Landsberger Tagblatt (LT) mit der Mitteilung, die Bundeswehr erwäge, in Penzing dreizehn Airbus A400M zu stationieren. Lesen Sie einfach selbst:

Wir kennen uns ein wenig mit den aktuellen Planungen zum Fliegerhorst Penzing aus. Unser Informationsstand ist: In Penzing war und ist eine „Stillstandswartung“ geplant, also bis auf Weiteres ein Fliegerhorst ohne Flugzeuge. Nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass das Gelände doch noch alsbald einer zivilen Nachnutzung zugeführt werden kann; das steht allerdings noch nicht fest. Aber die Stationierung von A400M war unseres Wissens nach in Penzing nie geplant. Die Örtlichkeiten sind zu klein, die Infrastruktur ist nicht ausreichend. Und unter Vollast auf 600 Meter Höhe mit einem A400M auf der Penzinger Startbahn abzuheben, wäre sportlich.

Wir fragten uns einen Moment, ob wir die Geschichte des LT nachrecherchieren sollten. Die Telefonnummern der Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums und des Presse- und Informationszentrums der Luftwaffe sind in unseren Smartphones gespeichert. Sollen wir anrufen oder blamieren wir uns?

Wir riefen nicht an. Schon der Wortlaut des LT-Beitrags machte das deutlich. Da ist von „befassten Kreisen“ die Rede, die eine Information aus einer nichtöffentlichen Sitzung gegeben haben sollen, aus der hervorgehe, dass „offenbar“ eine „Weichenstellung“ erfolgt sei, die dazu führe, dass „offenbar“ auch der Fliegerhorst Penzing „im Gespräch“ sei. Zweimal „offenbar“, einmal irgendwelche „Kreise“, einmal „im Gespräch“ – das reicht nun wirklich aus, um den Verdacht auf eine Nullnummer aufkommen zu lassen.

Nicht-LT-Journalisten waren sich schnell einig: Das ist eine Nachricht aus dem Nichts. Und damit nichts für uns.

Heute löst das LT die Geschichte glücklicherweise auf. Lesen Sie einfach selbst:

Ach wie gut, dass sich in Berlin doch noch ein Militärexperte gefunden hat, der „unserer Zeitung“ etwas erläutert hat. Auch wenn er keinen Namen hat.

Nun haben wir recherchiert, wie es denn zu der Fehlmeldung des LT kommen konnte. Hier ist das Ergebnis unserer Nachforschungen:

Wie aus gut informierten Kreisen bekannt wurde, ist offenbar nach außen gedrungen, dass im Gespräch war, dass die erste Meldung des LT offenbar aufgrund der Weichenstellung erfolgt ist, die Achtung der Leser vor der Leistung des Blattes zu steigern. 

Das stimmt natürlich nicht. Wir machen gerade eine Satire draus. Kopf hoch, Kollegen, die Schmach ist nur temporär. Nächste Woche zitieren wir einen Medienexperten, der das alles richtigstellt.

Veröffentlicht unter Medien

Kleine Zahlen, viele Prozente

In der Sitzung des Landsberger Stadtrats am gestrigen Mittwoch wurde sie gleich mehrfach zitiert, die aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW): In der Lechstadt fehlten viele Wohnungen mit ein bis vier Zimmern, nur Häuser mit fünf Zimmern gebe es mehr als genug. „Wir müssen jetzt viele kleine Wohnungen bauen“, schlossen Teilnehmer daraus. Doch Vorsicht: Die Medien gehen mit der Untersuchung fahrlässig um.

Dazu beigetragen hat vor allem die Süddeutsche Zeitung, die am 20. Juni eine große Tabelle veröffentlichte. Darin heißt es, im Landkreis Landsberg sei der Bedarf an Ein-Zimmer-Wohnungen nur zu 70 Prozent gedeckt. Der Bedarf an Zwei-Zimmer-Wohnungen sei nur zu 56 Prozent erfüllt. Bei Drei-Zimmer-Wohnungen seien nur 61 Prozent der benötigten Wohnungen vorhanden. Bei Vier-Zimmer-Wohnungen sei nur 60 Prozent der Nachfrage gedeckt.

Das sind dramatische Werte: Wir sind offenbar in eklatanter Wohnungsnot. Nur bei Fünf-Zimmer-Wohnungen (zumeist in Form von Häusern) gebe es kein Defizit, im Gegenteil: Dort werde das Soll um 178 Prozent übererfüllt.

Viel Lärm um Nichts

Das klingt nach einer Titelseiten-Nachricht, aber wer sich die Studie anschaut, der sieht, dass hier viel Lärm um Nichts gemacht wird. Es geht nämlich um kleine absolute Zahlen; die Dramatik entsteht erst durch die Umrechnung in Prozent. Konkret „fehlen“ im ganzen Landkreis Landsberg nur sechs Ein-Zimmer-Wohnungen – 21 würden benötigt, 15 werden gerade gebaut. Man kann daraus einen Deckungsgrad von 70 Prozent und im Umkehrschluss einen Wohnungsfehlbestand von 30 Prozent konstruieren. Aber solche Umrechnungen ohne Nennung der absoluten Zahlen suggerieren eine Dimension, die es gar nicht gibt.

Grafik: Institut der Deutschen Wirtschaft

Das zweite Problem: Die Untersuchung bezieht sich auf den ganzen Landkreis. Welcher konkrete Bedarf in der Großen Kreisstadt, den Märkten und den Gemeinden besteht, ist daraus nicht abzulesen. In Dörfern ist es schwieriger, eine Zwei-Raum-Wohnung zu finden, weil es dort keinen oder wenig Geschosswohnungsbau gibt. Umgekehrt ist es in Landsberg äußerst schwer, einen Bauplatz für ein Einfamilienhaus zu ergattern. Wer daraus konstruiert, dass insgesamt zu wenig Geschosswohnungsbau und insgesamt zu viel Einfamilienhausbau erfolgt, erliegt dem Fluch des Durchschnitts und vergisst, dass Stadt und Land nur selten vergleichbar sind.

Wirtschaftliche Betrachtung

Nächstes Thema: Die Studie ermittelt einen abstrakten Bedarf und stellt ihn der aktuellen konkreten Bautätigkeit gegenüber. Sie sagt sinngemäß: Eigentlich würden (unter Berücksichtigung der Familiengröße) im Landkreis Landsberg nur 150 Einfamilienhäuser mit fünf Zimmern benötigt, gebaut werden aber 268. Daraus folge, dass die jetzigen Bauherren bei einem späteren Verkauf ihrer Immobilie Probleme haben könnten, den gewünschten Preis zu erzielen.

Diese wirtschaftliche Betrachtung mag richtig sein; wer heute „groß“ baut, muss wissen, dass ein Weiterverkauf zu gleichen Preisen schwierig wird. Doch dieser Gedanke ist für viele Bauherren nachrangig; die meisten denken nicht investiv, sondern erfüllen sich mit dem Hausbau einen Lebenstraum. Bei nahezu jedem Domizil, das zurzeit gebaut wird, stehen bereits die künftigen Bewohner fest; entweder die Bauherren ziehen selbst ein oder das Haus ist verkauft, bevor der Aushub erfolgt. Es werden also nicht zu viele Häuser gebaut, sondern genau die richtige Zahl.

Im Übrigen bildet die Studie nur die Baugenehmigungen ab, nicht die Bauleitplanung. Selbst wenn allein in Landsberg tatsächlich 50 Drei-Raum-Wohnungen fehlen würden: Beim Urbanen Leben am Papierbach entstehen sie demnächst allemal.

Natürlich ist der Haus- und Wohnungsmarkt permanent in Bewegung und viele Faktoren prägen ihn, auch Mobilität, Migration, alternde Gesellschaft und der Trend zu kleineren Haushalten. Kein Stadt- und Gemeinderat kann sich zurücklehnen und das Thema abhaken. Aber dieser Studie, vor allem den Prozentsätzen, sollte niemand aufsitzen. Sie ist politisch gesehen eine von den Medien aufgebauschte Nullnummer. Die Empfehlung kann nur heißen: Genau hinschauen und ruhig bleiben. Werner Lauff

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Der Beitrag stammt aus dem KREISBOTEN.

Nur im Gleichklang

Weitere Baugebiete in Landsberg? Bitte nur entsprechend der Binnen-Nachfrage und mit weniger Verkehr, meint Werner Lauff.

Am Wiesengrund, Reischer Talweg, Staufenstraße, Pfettenstraße, Ahornallee: Die Stadt Landsberg ist drauf und dran, nach dem Mega-Projekt „Am Papierbach“ weitere Wohngebiete zu schaffen. Ist das eigentlich vernünftig?

Ohne Zweifel: Die zunehmende Wohnbebauung bringt Vorteile.

• Die Stadt erzielt Verkaufserlöse für städtische Grundstücke; sie trägt damit zur Finanzierung allgemeiner kommunaler Aufgaben bei.

• Handelt es sich um privaten Grund, schöpft die Stadt nach der SoBoN-Richtlinie den größeren Teil des entstehenden Wertzuwachses des Grundstücks ab. Sie bewirkt damit den Bau von geförderten, preisgünstigen Wohnungen und finanziert die projektnotwendige Infrastruktur.

• Mit der Ausweisung neuer Wohngebiete steigert die Stadt das Angebot an Wohnungen, reduziert den Nachfragedruck und dämpft Preissteigerungen für Wohnraum (ohne sie allerdings aufzuhalten).

• Die Stadt schafft durch die Baugebiete Wohnungen für Neubürger, die bei Unternehmen in der Region arbeiten, und für Migranten mit Bleiberecht.

• Sie ermöglicht ihren Einwohnern, entsprechend ihrer Lebenssituation Wohnraum zu wechseln und Eigentum zu erwerben.

• Sie reduziert die Notwendigkeit zur kleinflächigen Nachverdichtung innerhalb bestehender Siedlungen.

• In einigen Fällen (beispielsweise bei der Pflugfabrik) bewirkt die Stadt deutliche städtebauliche Verbesserungen.

Die geplante Wohnbebauung hat aber auch Nachteile.

• Neue Wohnbebauung heißt auch mehr Straßenverkehr.

• Wohngebiete, die an bestehende Siedlungen anschließen, wirken großflächig nachverdichtend und sind oft mit dem Verlust von Grünflächen, Sichtabständen, Parkplätzen und Ruhe verbunden.

• Siedlungsferne neue Wohngebiete vermeiden diese Nachverdichtung, führen aber zu Zersiedelung, Bodenversiegelung und Flächenfraß. Sie programmieren unnötige Verkehrsbewegungen.

• In Städten der Metropolregion München bewirkt mehr Wohnraum automatisch mehr Zuzug; das Angebot löst Nachfrage aus. Das unterscheidet Landsberg von Städten in anderen Landstrichen.

• Wirtschaftlich anlasslose Zuzüge führen vor allem zu neuen öffentliche Lasten (Kinderkrippen, Schulen, Straßen …) und machen eine Stadt langfristig zur Schlafstadt.

Hinzu kommt: Der Zeitpunkt ist nicht gerade günstig.

• Die niedrigen Zinsen für Baudarlehen und die verfügbaren Vermögen der Erbengeneration führen zu großer Nachfrage (Zeitfenster fürs Bauen, Geldanlage) und damit hohen Grunderwerbskosten.

• Die Baukosten werden durch regulatorische Einflüsse (zum Beispiel EnEV) in die Höhe getrieben.

• Dies führt dazu, dass Bauträger stark kostenorientiert bauen müssen, um die Mieten nicht in die Höhe zu treiben. Manche Häuser und Wohngebiete dürften den Anforderungen an das wohnliche Umfeld dann irgendwann nicht mehr genügen.

• Aus der allgemeinen Kostenentwicklung folgt auch ein eklatanter Mangel an preisgünstigen Wohnungen – trotz des Baubooms.

• Hinzu kommt: Bund und Länder haben den Sozialen Wohnungsbau unattraktiv werden lassen. Und die Finanzlage der Kommunen erlaubt kaum eigene Ersatz-Wohnbautätigkeit.

Kein Baustopp, aber …

Die Stadt Landsberg sollte nicht – wie andere Kommunen im Speckgürtel Münchens – einen bauplanungsrechtlichen Baustopp vornehmen. Das wäre aus mehreren Gründen verfehlt:

• Generell haben Eigentümer das Recht, Bau-Investitionen vorzunehmen; es muss gute Gründe geben, Vorhaben im Innenbereich zu verweigern.

• Landsberg ist noch eine Einpendlerstadt – und selbst im Landkreis sind die Pendlerströme nicht übermäßig in Richtung München orientiert.

• Manche Kritik an Bauvorhaben ist egozentrisch motiviert (Schutz des eigenen Wohngebiets, freie Fahrt und einfaches Parken, Erhaltung des Status quo).

• Wer benötigte Wohngebiete nicht schafft, verstärkt unerträgliche Verdichtung in vorhandenen Strukturen.

Stadtrat und Verwaltung müssen aber auch die Risiken der Bebauung, die Manchen bereits zügellos erscheint, in den Griff bekommen – und zwar bereits in der Planungsphase.

Den Bestand erhalten

Zunächst gilt: Neue Bebauung sollte sich auf den notwendigen Umfang beschränken.

• Der Erhaltung des Wohnbestands (vor allem auch des kommunalen Wohnbestands) muss größere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

• Wohnen in der Altstadt sollte attraktiver werden.

• Beratungsangebote der Stadt sollten (analog dem Denkmalschutz) intensiviert werden, etwa durch einen „Wohnraumkümmerer“, der gleichzeitig Marktbeobachter, Fördertopf-Scout und Ratgeber ist.

Preisgünstige Wohnungen präferieren

Der aktuelle Schwerpunkt beim Wohnungsbau muss auf preisgünstigen Wohnungen liegen. Da die Stadt selbst nicht als Bauherrin auftreten kann und will, muss sie einfache Modelle entwickeln, die dazu führen, dass Dritte kostengünstig bauen, sich zu bestimmten Mietpreisen verpflichten und der Stadt das Belegungsrecht einräumen.

Solange der Fehlbestand an Sozialwohnungen nicht gedeckt ist, sollte – selbst in einer SoBoN-Stadt – die weitere Planung von hochpreisigen Wohngebieten mit Zurückhaltung betrieben werden.

Quartiere schaffen

Sofern neue Wohngebiete erforderlich ist, müssen sie lebenswerte Quartiere sein.

Dazu gehören Angebote zur Nahversorgung, Gastronomie sowie Flächen und Räume mit mehr als nur theoretischer Aufenthaltsqualität. Außerdem sind Wohnen, Fachgeschäfte, Dienstleister und emissionsarme Gewerbe miteinander zu verbinden. Beispiele dafür gibt es genug, künftig mit dem „Urbanen Leben am Papierbach“ selbst in der eigenen Stadt.

Kindertageseinrichtungen und Grundschule müssen fußläufig erreichbar sein. Parkmöglichkeiten sind an den Wohnhäusern zu schaffen (bei Geschosswohnungsbau in Tiefgaragen); Zweit- und Drittwagen können in Quartiersparkhäusern untergebracht werden, in denen auch Besucher-Parkplätze zur Verfügung stehen. Parallel muss dafür gesorgt werden, dass Wohnquartiere eine praktikable Anbindung mit Bus und Fahrrad an die Innenstadt erhalten.

Erst Arbeit, dann Wohnraum

Neue Wohngebiete sollten vor allem dann geplant werden, wenn die Binnen-Nachfrage nicht mehr zu angemessenen Preisen gedeckt werden kann. Mit Binnen-Nachfrage ist die Nachfrage von Personen gemeint, die im Landkreis oder der Stadt Landsberg erwerbstätig sind. Es kann nicht die Aufgabe der Stadt Landsberg sein, das Wohnungsdefizit von München zu mildern.

Verträgliche Mobilität herstellen

Weitere Voraussetzung für die Erschließung neuer Wohngebiete ist die Verwirklichung eines Konzepts „verträglicher Mobilität“. Damit ist eine Situation gemeint, in der alle Bürger (unter Berücksichtigung des geplanten Bevölkerungszuwachses und der generierten zusätzlichen Verkehrsströme) kostengünstig und umweltschonend beweglich sind und ohne unzumutbare Wartezeiten an ihr Ziel kommen.

Verträgliche Mobilität ist auch ein Hebel für die aktive Nutzung der Innenstadt. Nur wenn der „Preis“ (die Kombination aus Fahrzeit und Parkkosten) gering ist, fällt der Entschluss zum Besuch der Innenstadt leicht.

Die Lage hat durchaus Dramatik. In Landsberg gibt es neuralgische Stellen, die immer wieder zu Verkehrsproblemen führen. Diese Probleme werden sich mit zunehmender Bebauung zwangsläufig verstärken. Es handelt sich insbesondere um

• Behinderungen durch Staus auf der Neuen Bergstraße, der Katharinenstraße, am Hauptplatz und der Augsburger Straße,

• Parksuchverkehr und Lärmbelastung an Vorder- und Hinteranger

• komplizierte und überlastete Kreuzungen an der Schwaighofstraße / von-Kühlmann-Straße, Postberg, Königsberger Platz, Danziger Platz, Spöttinger Straße / Katharinenstraße und Spöttinger Straße / Hindenburgring.

• Außerdem gibt es eine Reihe von Fehlnutzungen, unter anderem der Iglinger Straße durch LKW,

• der Iglinger Straße zwischen Augsburger Straße und Lechwiesenstraße zur Vermeidung der Augsburger Straße und der Kreuzung Augsburger Straße / Carl-Friedrich-Benz-Straße

• sowie die Nutzung der Ahornallee zur Vermeidung der Strecke Holzhauser Straße / Augsburger Straße.

Einige der Probleme lassen sich dadurch mildern, dass man, wie bereits geplant oder erwogen,

• den Vorder- und Hinteranger nur noch zum Halten freigibt, was den Parksuchverkehr vermeidet,

• Kreisverkehre einrichtet (Schwaighofkreuzung, neuer Spöttinger Kreisel, Augsburger Straße / Carl-Friedrich-Benz-Straße)

• den LKW-Verkehr an der Iglinger Straße ausschließt – aufgrund eines dann umfassenden Verkehrskonzepts, das verkehrsrechtliche Einschränkungen zur Unterstützung einer geordneten städtebaulichen Entwicklung ermöglicht (§ 45 Absatz 1b Satz 1 Ziffer 5 Alternative 2 der StVO)

• vom Krankenhaus zu den Lechwiesen am gesamten existierenden und geplanten Wohngebiet Ahornallee vorbei einen Bypass baut.

Denkbar ist auch, die Nutzung des letzten (südlichen) Stücks der Lechwiesenstraße zu sperren, um Fahrten durch das Gewerbegebiet bzw. die Augsburger Straße zu erzwingen. Letztlich geht aber kein Weg daran vorbei,

• Anreize zur stärkeren Nutzung des Fahrrads zu schaffen

• die Innenstadt für Fußgänger vom Osten leichter zugänglich zu machen (Schrägaufzug?)

• den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern

• einfache Carsharing-Konzepte zu verwirklichen

• leicht nutzbare Parkplätze für Einpendler und Besucher zu schaffen

• und – letztlich, nach allen anderen Maßnahmen – die Fahrt mit dem eigenen Auto unattraktiver zu machen.

Dabei werden Kombinationen aus der Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel maßgeblich zur Lösung beitragen. So ist beispielsweise die Abfolge „Kurzstrecke Fahrrad bis zur Bushaltestelle, Langstrecke (oder Bergstrecke) Bus“ unter bestimmten Bedingungen attraktiv – dann nämlich, wenn an Haltestellen Fahrradstellplätze vorhanden sind, der Takt des Busfahrplans hoch genug ist und der Fahrpreis die Parkgebühren deutlich unterschreitet.

Das Fazit

Mit dem Areal der Pflugfabrik hat die Stadt Landsberg ein atypisches Gelände überplant. Die Industriebrache war ein Fremdkörper in der Stadt. Der Investor verwirklicht hohe Stadtplanungsqualität. Die Infrastruktur (Lechsteg) ist per se fußgänger- und fahrradorientiert. Und zentrumsnahe Wohngebiete sind immer besser als zentrumsferne.

Zwar sind an einigen Stellen zusätzliche Verkehrsbelastungen zu erwarten; sie gibt es aber schon lange und man hätte die Probleme schon früher angehen müssen. Dennoch war es legitim, das Papierbach-Areal so zu überplanen, wie es geschehen ist – mit unerledigten Aufgaben im Gepäck.

Auf vollständigen Konsens kann die Stadt dabei freilich nicht setzen, auch wenn das zuweilen den Anschein hat. Es gibt durchaus selbst beim Papierbach-Projekt Kritiker und Skeptiker, die sich eine gleichzeitige Behandlung aller Themen gewünscht hätten.

Bei anderen Baugebieten lässt sich diese Abfolge aber nicht wiederholen.

In diesen Fällen gilt es, die Themen im Zusammenhang und umfassend zu betrachten. „Mehr bauen“ muss mit den Parametern „Binnen-Nachfrage“ und „Verkehrsreduzierung“ im Gleichklang sein.

Wiesengrund, Reischer Talweg, Staufenstraße, Pfettenstraße, Ahornallee, das ist nur eingebettet sinnvoll. Ohne komplette Folgenabwägung und ohne Berücksichtigung des städtischen „Ökosystems“ geht die Stadt bei der Planung neuer Baugebiete ein hohes Risiko ein – und läuft in ein Akzeptanzproblem.

Die zweite Hälfte

Die Pfingstferien sind zu Ende; der Stadtrat nimmt seine Arbeit wieder auf und startet in die zweite Hälfte seiner Amtsperiode. Die Agenda ist gefüllt: Neben den Mega-Themen Stadtstrategie, Wohnungsbau, Umsetzung der Papierbach-Planung, Verkehrskonzept und „Nachnutzung in Penzing“ sind Grundsatzentscheidungen zu treffen. Wie nutzen wir den Schlossberg? Soll das Stadtmuseum bleiben, wo es ist? Halten wir Wirtschaft und Wohnen in Balance? Wie kann man das gespannte Verhältnis von Kreis und Stadt verbessern? Diese und andere Themen werden für volle Tagesordnungen sorgen.

An diesem Mittwoch geht es im Stadtrat zunächst um die Vorschläge, die vor der Pfingstpause noch nicht entscheidungsreif waren. Kann man in der Nähe der Hubschrauberlandestelle am Krankenhaus per Bebauungsplan Villen genehmigen, ohne öffentlich-rechtlich sicherzustellen, dass spätere Eigentümer keine Einschränkung des Rettungsbetriebs fordern können? Ist es eine gute Idee, neu entstehende Straßen im Papierbach-Areal nach Heinrich dem Löwen und Ludwig dem Bayern zu benennen? Muss man den Preis für die Mittagessen an den Landsberger Grundschulen und der Mittelschule wirklich erhöhen, obwohl die Stadt durch die Beauftragung eines Dienstleisters doch Einsparungen erzielt? Allerdings: Ist es überhaupt zulässig, über das gleiche Thema ohne Sachverhalts-Änderung zweimal zu beraten und zu beschließen?

Beim Thema „sozialer Wohnungsbau“ besteht unstreitig Handlungsbedarf; hier kann man sogar von einer Hängepartie sprechen. Zwar hat der Stadtrat mit der Regelung der Sozialen Bodennutzung (SoBoN) den Bau geförderter Mietwohnungen angestoßen. Das allein reicht aber nicht, um den Bedarf zu decken. Daher hat die Stadt bereits ein Grundstück (das südliche Baufeld des Gebiets „Am Wiesengrund“) für Sozialwohnungen vorgesehen. Offen ist aber noch, wer es bebaut. Einigkeit besteht lediglich dahingehend, dass die Stadt wegen der entstehenden Kapital­bindung und der notwendigen Kreditaufnahme nicht selbst als Bauherrin auftreten soll.

Drei Lösungsvorschläge stehen im Raum: Die Landsberger Mitte (vertreten durch Wolfgang Weisensee) befürwortet, das Grundstück an denjenigen zu vergeben, der die meisten Wohneinheiten zum geringsten Mietzins erstellt und der Stadt die längste Belegungshoheit einräumt. Die ÖDP (vertreten durch Stefan Meiser) regt an, mit dem Augsburger St. Ulrichswerk „oder einem anderen interessierten Wohnungsbauunternehmen“ einen Vertrag zu schließen, in dem sichergestellt wird, das nach den Vorgaben des bayerischen Wohnbauprogramms Wohnungen mit gedeckelten Mieten und einem Belegungsrecht der Stadt entstehen. Die dritte (grundsätzlichere) Idee stammt von der UBV, vertreten durch Christoph Jell. Die UBV will sozialen Wohnungsbau sowie den Erhalt von Sozialwohnungen in einer neu zu gründenden kommunalen Wohnungsbaugesellschaft bündeln.

Alle drei Ideen werden in der Stadtratssitzung an diesem Mittwoch beraten, aber sicher noch nicht entschieden. Dazu kommt, dass Sozialwohnungen am Wiesengrund wohl nur mit Befreiungen vom planerisch anspruchsvollen Bebauungsplan realisierbar sind. Solche Befreiungen hatte der Stadtrat bei den angrenzenden Baufeldern aber abgelehnt, worauf wbl und Acredo Rückzieher gemacht hatten. Wie die Stadt aus diesem Dilemma herauskommt, ist bislang ungeklärt.

Ebenfalls schon lange schwelt das Thema des Straßenausbaus. Auslöser ist massiver Protest an der Max-Friesenegger-Straße gegen die dortigen Planungen. Die Anwohner befürchten eine Verschlechterung (insbesondere durch den letztlich drohenden Wegfall von Parkmöglichkeiten), den sie auch noch bezahlen sollen. Die Stadtverwaltung greift das Thema nun generell auf und stellt im Stadtrat zur Debatte, in welcher Form Bürger (die bislang nach den Beschlussfassungen nur informiert wurden) künftig von vorneherein in die Planungen einbezogen werden sollen. Davon würden auch die Anlieger der Altöttinger Straße, von-Eichendorff-Straße und Pössinger Straße profitieren. Ein spannender Mittwoch-Abend ist garantiert.

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Der Artikel erscheint auch im KREISBOTEN.

Urbanes Leben am Heinrich-der-Löwe-Weg?

Es könnte eine Quizfrage bei „Wer wird Millionär“ sein: Wer kurz hintereinander Wege durchschreitet, die nach Heinrich dem Löwen und Ludwig dem Bayern benannt sind, befindet sich (a) in der Ausstellung „Welfen und Wittelsbacher“ (b) im Freilichtmuseum „Die Salzstraße Europas“ (c) beim Kaltenberger Ritterturnier oder (d) im modernen Wohngebiet „Urbanes Leben am Papierbach“. Oberbürgermeister Mathias Neuner wäre da ein guter Telefonjoker. Er weiß: Tatsächlich sollen vier Baufelder im ULP-Areal historische Adressen erhalten. Ist das sinnvoll?

Östlich der Bahnlinie ist alles klar: Aus der Altstadt kommt man (zu Fuß oder mit dem Fahrrad) über den „Herkomer-Steg“ auf den „Johnny-Cash-Platz“. Rechts biegt man ab in „An der Pflugfabrik“, links in „An der Schmiede“. Am Ende dieses Wegs, „An der Papiermühle“, ist das Boarding-Haus und das vorgeschlagene Belvedere. Die Namen von-Kühlmann-Straße und Margaret-Herkomer-Weg bleiben. Das alles kann man positiv abhaken.

Westlich der Bahnlinie geht der „Johnny-Cash-Platz“ dem Plan zufolge in den „Oberbürgermeister-Hamberger-Platz“ über. Das ist die erste, wenn auch kleine Ungereimtheit: Hamberger würde durch die Bezeichnung „Hanns-Hamberger-Platz“ nicht weniger Ehre zuteil. Dann aber wird’s diffus: Da erhalten auch Wege (nicht nur Plätze) die Namen von Personen. Da wird die Anspielung an die Industrie nicht weitergeführt. Und da springen wir ganz weit in der Geschichte zurück. Johnny Cash starb 2003, Hanns Hamberger 2013. Heinrich der Löwe ist schon 822 Jahre tot, Ludwig der Bayer verließ uns vor 670 Jahren. Wenn das kein Zeitsprung ist.

Ohne Frage: Heinrich und Ludwig machten sich um Landsberg verdient. Lechbrücke und Landesburg gehen auf den Welfen, Rechte und Privilegien auf den Wittelsbacher zurück. Aber passen diese Namen zu den vier modernen Baufeldern, die da entstehen? Daran hatten einige Stadträte in der Sitzung am vergangenen Mittwoch Zweifel. Die neuen Namen seien aber doch im Ältestenrat vorbesprochen worden, wandte der OB ein, doch zum einen klappt der Wissenstransfer von diesem Gremium in die Fraktionen öfters nicht, zum anderen sei es „immer wieder hin- und hergegangen“, merkte Andreas Hartmann (Grüne) an.

Das nun beschlossene erneute Nachdenken könnte man auch auf den „Sommerweg“ erstrecken, der vom „Heinrich-der-Löwe-Weg“ erreichbar sein soll. Nein, da geht es nicht um den bayerischen SPD-Abgeordneten Alfred Sommer, den Maler Georg Sommer oder das Bravo-Pseudonym Dr. Sommer, sondern um die Wiederaufnahme von Herbstweg, Sonnenstraße und Frühlingsstraße am Nord­ende des Baugebiets. Das ist, so könnte man sagen, „weit hergeholt“.

Ewig verschieben kann man die Namensgebung nicht: Investor ehret + klein würde gerne schon in den ersten Verkaufs­prospekt die richtigen Adressen aufnehmen. „An der Schmiede 6“ klingt viel schöner als „Baufeld B2“. Die Abstimmung des Stadtrats soll nun am 21. Juni stattfinden. Nach Vorberatung am 19. Juni, im, raten Sie: Ältestenrat.

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Dieser Beitrag erscheint auch im KREISBOTEN. Dort finden Sie eine Weg-Skizze, damit Sie sich zurechtfinden …

Anfang gesucht

Stadtratssitzung, heute Abend. Auf der Tagesordnung steht das Henne-und-Ei-Problem. Nicht explizit, aber faktisch. Das Henne-und-Ei-Problem heißt in diesem Fall: Gebe ich 50.000 Euro aus, um zu prüfen, ob ich fünf Millionen Euro investieren soll? Oder muss ich erst wissen, dass ich die fünf Millionen investieren will, bevor ich die 50.000 für die Prüfung ausgebe?

Darum geht es konkret: Wir bauen, das steht fest, an der Lechstraße ein neues Jugendzentrum. Schon vor vielen Jahren gab es Pläne, genau an dieser Stelle die Lechgarage zu erweitern. Jetzt ist die letzte Chance, das Vorhaben zu verwirklichen und 200 zusätzliche Parkplätze zu schaffen. Erstens als Dauerparkplätze für Anwohner. Und zweitens als temporäre Parkplätze für Einwohner und Besucher. Wir müssen uns entscheiden: Tiefgarage oder nicht? Lange zögern können wir nicht, denn das Jugendzentrum wird ja am Papierbach abgerissen, an seiner Stelle wird eine Kindertagesstätte gebaut. Zuwarten bedeutet: Wir haben entweder irgendwann kein Jugendzentrum mehr oder die Kinder werden nicht betreut. Keine dieser Varianten ist intelligent.

Warum könnten wir diese Parkplätze, vom Bevölkerungswachstum abgesehen, überhaupt benötigen? Ein Auslöser ist der Wunsch von vielen Anwohnern des  Vorder- und des Hinterangers, das Parken (nicht das „Halten“ im Landsberger Sinne) in beiden Straßen abzuschaffen. Das würde den Parksuchverkehr drastisch reduzieren und damit den Lärm. Die Wohnqualität nimmt zu. Gleichzeitig steigt auch die Aufenthaltsqualität für Besucher. Das ist noch lange nicht beschlossen. Natürlich geht so etwas nur mit Bürgerbeteiligung. Und vor allem nur dann, wenn man alternative Parkmöglichkeiten zur Verfügung stellen kann. Wir wollen ja nicht weniger Anwohner und Besucher in der Altstadt, sondern mehr.

Die Frage lautet also: Würde das funktionieren? Wäre eine erweiterte Lechgarage das passende Angebot dafür? Wenn eine solche Tiefgarage fünf Millionen Euro kostet, fast halb so viel wie die Mittelschule, müssen wir ja sicher sein, dass das auch funktioniert. Auch darf es keine negativen Wirkungen, zum Beispiel Staus, an anderer Stelle geben. Die Stadtverwaltung hatte daher den Stadtrat gebeten: Gebt uns bitte 50.000 Euro, um diese Fragen in den kommenden sechs Monaten klären zu lassen.

Falsch herum, sagten andere Stadträte. Wir müssen uns erst entscheiden, ob wir die fünf Millionen überhaupt ausgeben wollen und wer sie ausgibt. Bauen die Stadtwerke? Baut die Stadt? Wenn letzteres, sind die Stadtwerke dann Pächter oder übernehmen sie das Eigentum? Nein, es ist schon richtig herum, sagen wiederum die einen, wir brauchen doch erst ein Konzept, eine Entscheidungsgrundlage. Moment mal, sagen die anderen wieder, die 50.000 sind doch zum Fenster rausgeworfen, wenn wir anschließend meinen: Fünf Millionen sind uns doch zu teuer. Sehen Sie, das ist das Henne-und-Ei-Prinzip, heruntergebrochen am 24. Mai 2017 auf Landsberg am Lech.

Wer hat Recht? Niemand. Das ist ja das Dilemma. Man kann sich so oder so entscheiden. Dennoch können Dilemmata dieser Art etwas Positives bewirken. Hier war es die Tatsache, dass die Prüfung auf Anregung mehrerer Stadträte auch auf das mögliche Parkhaus am Bahnhof und die erwogene Freigabe der Waitzinger Wiese zum kostenfreien Parken ausgedehnt wird. Damit wird die Prognose zwar 70.000 Euro kosten, aber wir haben noch mehr Szenarien abgedeckt und können die Wirkungen der möglichen Optionen besser einschätzen. Übrigens soll die Stadtverwaltung Angebote einholen, damit nicht allein das Institut Fahrnberg zur Auswahl steht (wobei: niemand hat schon so viele Daten über Landsberg wie dieses Verkehrsplanungsbüro).

Letztlich ist das alles nach langer Diskussion mit nur wenigen Gegenstimmen verabschiedet worden. Über drei Viertel der Stadträte konnten mit der nun gefundenen (teureren) Lösung aber besser leben. Ein Paradoxon? Ein klassisches Beispiel für Kostenmehrung durch Stadtratssitzung? Nein, eher ein Beleg für das harte Ringen um den richtigen Anfang. Dass wir einen solchen Anfang brauchen, ist unstreitig. Deswegen: Egal wie, lasst uns beginnen. Hauptsache die neue Landsberger Verkehrsplanung geht endlich los.

Ehrensache

Das Triple in Penzing steht bevor: 60 Jahre LTG 61, der Tag der Bundeswehr, der Abschied aus der Region. Heute gab es einen wunderbaren Anfang: Das ganze Geschwader war dabei, als die Transall, die zur Feier des 10. Juni 2017 eine Sonderlackierung bekam, den Hangar verließ. Sie sieht farbmäßig jetzt fast so aus wie vor 45 Jahren, als sie von VFW Fokker ans LTG ausgeliefert wurde. Silber, monochrom und wirklich majestätisch.

Die Feier hat begonnen. Und gefeiert wird zurecht. Das LTG 61 hat in den vergangenen 60 Jahren eine herausragende Leistung erbracht. Obwohl die Transall maximal für die Mittelstrecke gedacht war, war sie von Penzing aus in der halben Welt unterwegs. Manchmal zur Versorgung der Truppen in El Paso und Südafrika. Oft in humanitärer Funktion, zum Beispiel in Äthiopien. Später dann auch in militärischen Missionen, etwa in Afghanistan. Die Soldaten, die die Flugzeuge auf den Weg brachten, ob im Cockpit oder am Boden, haben dem LTG einen Teil ihres Lebens gewidmet. Sie sind Risiken eingegangen. Sie haben dem Frieden gedient.

Man hätte Verständnis für Resignation. Es ist ja nicht so, dass die Transall zugunsten eines shooting stars der Luftfahrttechnik aufgegeben wird. Werden die Soldaten und Mitarbeiter nicht zu früh in alle Winde zerstreut? Doch bei den Betroffenen ist vor allem konzentrierte Professionalität zu spüren; die Vorbereitung auf den 10. Juni dominiert. Danach geht es Schlag auf Schlag. Am 28. September ist der Flyout. Am 14. Dezember gibt es einen letzten Appell. Er findet auf dem Landsberger Hauptplatz statt. Dann ist Schluss.

Ähnlich professionell ist die Vorbereitung der Nachnutzung. Wieso Nachnutzung? Hat die Bundeswehr nicht beschlossen, den Fliegerhorst zu behalten und ihn der „Stillstandswartung“ zuzuführen? Inzwischen wissen wir, dass hierüber gerade eine Abwägung stattfindet. Was bringt es, den Fliegerhorst zu behalten? Welche Nachteile entstehen dadurch für die Gemeinden ringsum? Um es zu wiederholen: Kasernen ohne Soldaten sind das Schlimmste, was einer Gemeinde passieren kann. Aber es besteht Hoffnung. Wer in Kreisen des Ministeriums genau hinhört, spürt die Erkenntnis, dass der nicht expandierbare Fliegerhorst vielleicht doch besser anderweitig genutzt werden sollte. Oberst Daniel Draken, der Kommodore des LTG 61, stünde dieser zivilen Nutzung nicht im Weg. Ganz im Gegenteil. Sein Engagement über den militärischen Horizont hinaus ist vorbildlich.

Der 10. Juni 2017 ist ein Tag der offenen Tür auf dem Fliegerhorst. Es ist ein Tag, um Flugvorführungen mit der Transall und ihren Vorgängerinnen, Düsenjets (Sie hören sie schon proben) und Hubschraubern zu sehen. Es ist ein Tag, bei dem Sie die Vielfalt der Bundeswehr und der unterstützenden Unternehmen erkennen können. Es ist aber auch ein Tag, um mit Ihrer Teilnahme den Soldaten und Mitarbeitern des LTG 61 eine Ehre zu erweisen. Sagen Sie Dank und nehmen Sie Abschied. 10. Juni? Penzing. Ehrensache.

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Wenn Sie mehr über das Mega-Event am 10. Juni von 9 bis 17 Uhr im Fliegerhorst erfahren wollen, sollten Sie sich in den nächsten drei Wochen die gedruckten Ausgaben des KREISBOTEN besorgen oder das E-Paper online abrufen. Besonders würden wir Ihre Aufmerksamkeit gerne auf die Ausgabe von Mittwoch, dem 31. Mai, richten.

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