Kein Schaden, keine Täuschung, kein Betrug

Zweimal beantragt das Jugendamt des Landkreises im Jugendhilfeausschuss vergeblich, die Zusammenarbeit mit dem Kinderbüro von „Frau & Beruf“ zu beenden. Zweimal holt sich die Verwaltung eine Abfuhr. Dann fährt sie schweres Geschütz auf. Kurz vor dem dritten Versuch stellt sie gegen die Geschäftsführerin Rosa Hochschwarzer Strafanzeige wegen Betruges. Der Ausschuss stimmt der Beendigung daraufhin zu. Eine Nachprüfung durch die Stadt Landsberg ergibt: Die Sache hatte von Anfang an keine Substanz. Von Betrug kann keine Rede sein.

Es gibt Vorkommnisse, die sind eher selten. Zu ihnen gehört, dass der Stadtrat in nichtöffentlicher Sitzung fast eine Stunde lang über eine hochbrisante Angelegenheit berät, bei der es um eine konkrete Person geht, und anschließend die Nichtöffentlichkeit aufhebt. Das zweite seltene Vorkommnis ist, dass der Rechnungspüfungsausschuss unter Vorsitz von Stefan Meiser anhaltenden Applaus und das Lob aller Stadtratsfraktionen erhält, Oberbürgermeister inklusive. Wenn das zusammenkommt, muss etwas aufgedeckt worden sein, das nicht aufgedeckt werden sollte. Und in einem solchen Fall kann man auch als Journalist nur sagen: Chapeau!

Die Tücke des Gesetzes

Das Kinderbüro hatte die Aufgabe, im Landkreis Landsberg die Kinderbetreuung durch Tagesmütter zu koordinieren. Die Kosten der Betreuung wurden in etwa zur Hälfte von den Eltern getragen. Der Landsberger Stadtrat beschloss im Jahr 2009, den Eltern, die im Stadtgebiet wohnen, einen Zuschuss in Höhe von 20 Prozent zu geben. Die Abrechnung erfolgte direkt mit dem Kinderbüro. Die Regelung galt von 2009 bis zum 31. August 2013. Dann wurde sie wegen der schlechten finanziellen Lage der Stadt wieder aufgehoben.

Die Abrechnugen dieser Zuschüsse im Gesamtwert von 20.000 Euro pro Jahr erfolgte von September 2009 bis Dezember 2012 ohne Komplikationen oder Beanstandungen. Dann stellte eine Änderung des Bayerischen Kinderbildungs- und betreuungsgesetzes im Dezember 2012 die Ermittlung der Elternbeiträge und damit auch etwaiger kommunaler Zuschüsse vom Kopf auf die Füße. Binnen zwei Wochen mussten die freien Träger eine erstmals eingeführte Deckelung der Elternbeiträge im Bereich der Tagespflege beachten. Dies führte zu einer sofortigen Pflicht zur Reduzierung der Einnahmen des Kinderbüros um 25 Prozent bei den Elternbeiträgen.

Merkwürdig: Der insofern doch eigentlich unverdächtige Bayerische Landtag beschneidet die familiärste und persönlichste Form der Kinderbetreuung drastisch, geradezu gezielt, denn die Regelungen für institutionelle Kinderkrippen blieben unverändert. Und diese Änderung nimmt er mit einem Vorlauf von nur zwei Wochen vor, mitten im „Kindergartenjahr“.  Niemand kann in zwei Wochen ein Viertel seiner Kosten einsparen. Verständlich ist das alles nicht.

Dennoch nahm die Geschäftsführerin von „Frau & Beruf“, Rosa Hochschwarzer, diese Gesetzesänderung sofort zur Kenntnis und zog Konsequenzen daraus.

Übrigens anders als das Landratsamt Landsberg: Das wies das Kinderbüro nämlich erst am 5. März 2013 auf die Änderung hin und bat darum, seine „Gebührensatzung“ zu aktualisieren sowie dem Amt die neuen Gebühren bis zum 31. Juli 2013 mitzuteilen. Wäre Rosa Hochschwarzer dem gefolgt, hätte sie monatelang gesetzeswidrig Gebühren kassiert. Sie hätte es tun können, aber sie hat es nicht getan. Nebenbei: Dass ein Kinderbüro, das von einer GmbH betrieben wird, keine Satzung erlassen kann, ist dem Landratsamt in der Hektik der Bearbeitung wohl durchgegangen.

Neue Gebührenberechnung

Rosa Hochschwarzer hätte also erstmal weitermachen können wie bisher. Aber das tat sie nicht. Stattdessen berechnete sie die Entgelte unaufgefordert neu und teilte sie am 15. Januar 2013, vierzehn Tage nach dem Inktrafttreten des Gesetzes und fast zwei Monate, bevor das Landratsamt aufwachte, in einem Schreiben der Stadt Landsberg mit. Denn für die Stadt ergaben sich neue Zuschussbeträge. Zahlte sie bislang für eine 40-stündige Betreuung pro Woche einen monatlichen Zuschuss von 80 Euro, ermäßigte sich der nun um fünf auf 75 Euro.

An dieser Stelle muss man kurz über Referatsleiter Gerhard Müller sprechen, der in der Stadtverwaltung die Kinderbetreuung verantwortet. Müller kennt das Gesetz natürlich in- und auswendig. Und ihm ist die Gesetzesänderung sicher nicht verborgen geblieben. Trotzdem passt er, als er den Brief von Rosa Hochschwarzer bekommt, offenbar nicht richtig auf. Die Senkung der Elternbeiträge war ja massiv und betrug fast durchgängig 25 Prozent – wieso führte das nur zu einer Reduzierung des städtischen Zuschusses um fünf Euro?

Außerdem bemerkte Müller offenbar nicht, dass die Liste des Kinderbüros insgesamt nicht stimmig war. Früher lautete die Rechnung: Maximaler Elternbetrag minus 20 Prozent. Plötzlich berechnete das Kinderbüro den maximalen Elternbetrag plus 20 Prozent. Das führte dazu, dass die Stadt, die eigentlich nur noch 59,84 Euro hätte zahlen müssen, 15,16 Euro pro Monat und Kind zu viel ausgab. Wenn auch fünf Euro weniger als eigentlich geplant.

Was ist da passiert? Hat sich Rosa Hochschwarzer verrechnet? Hat sie den „Prozentbeschluss“ aus dem Jahr 2009 falsch interpretiert? Oder hat sie versucht, die 25prozentige Kürzung wenigstens partiell aufzufangen?

Wenn die letzte Alternative zuträfe, hätte sie das einfacher haben können. Wäre sie zum Stadtrat gegangen und hätte gesagt: „Wir brauchen höhere prozentuale Zuschüsse, die Euch absolut gesehen aber weniger kosten als bisher“, dann hätte der Stadtrat „ja“ gesagt, meinte Oberbürgermeister Mathias Neuner am heutigen Vormittag bei einer Pressekonferenz, die er zusammen mit Stefan Meiser einberufen hatte. „Wir hätten das Problem gemeinsam gelöst“.

Festzuhalten bleibt: Die falsche Berechnung – warum sie auch immer erfolgt ist – führte dazu, dass die vom Gesetz initiierten Mindereinnahmen des Kinderbüros um 2.870,44 Euro niedriger ausfielen als zu befürchten war. Gezahlt hat das die Stadt. Aufgefallen ist das niemandem, auch dem Landratsamt nicht. Das ist der „Schaden“, um den es geht.

Strafanzeige wegen Betruges

Wegen dieses „Schadens“ hat das Landratsamt gegen Rosa Hochschwarzer Strafanzeige wegen Betruges gestellt. Es war aber nicht der Schaden des Landkreises, es war der Schaden der Stadt. Wenn jemand einen Vermögensnachteil erlitten hat, dann sie. In einer Stellungnahme, die der KREISBOTE vom Landratsamt erbeten hat, bestätigt das Landratsamt das heute Nachmittag ausdrücklich. Es gehe „im Wesentlichen um Mittel der Stadt Landsberg am Lech, die vermutlich nicht für den vereinbarten Zweck (Senkung der Elternbeiträge) verwendet wurden“.

Wenn 2.870,44 Euro die „wesentlichen“ Beträge sind, kann man etwaige unwesentliche ja getrost vergessen. Also: Der Landkreis erstattet Strafanzeige, obwohl er gar keinen Schaden hat. Welch väterliche Attitüde liegt denn diesem Schritt zugrunde?

Freilich ist einzuräumen: Die Leiterin des Rechnungsprüfungsamts des Landkreises hat Oberbürgermeister Mathias Neuner „ermuntert“, ebenfalls Anzeige zu erstatten. Doch der hat da nicht mitgespielt. Stattdessen hat er zunächst das städtische Rechnungsprüfungsamt und dann den städtischen Rechnungsprüfungsausschuss gebeten, die Vorwürfe zu überprüfen. „Ich erstatte keine Strafanzeige, wenn ich nicht weiß, ob an der Sache überhaupt etwas dran ist“, sagte Neuner heute. Er hat gut daran getan.

Diese Haltung hätte man eigentlich auch vom Landratsamt erwarten können. Ehe man jemandem aufgrund einer „Vermutung“ in ein Strafverfahren hineinzieht, sollte man abklären, ob die angedachte Straftat überhaupt begangen werden konnte. Alles andere verstößt gegen die Fürsorgepflichten, die eine Behörde hat. Man stelle sich vor: Jeder, der mit dem Landratsamt einen Vertrag macht, läuft bei einer einzigen falschen Berechnung Gefahr, angezeigt zu werden. Da muss man ja glatt einen Risikozuschlag einkalkulieren.

Diese Abklärung hat offenbar nicht hinreichend stattgefunden. Stattdessen hat es den Anschein, dass das Landratsamt die Staatsanwaltschaft als Rechnungsprüfungsausschuss ansieht. Rückforderungen will das Amt nämlich vom Abschluss des Strafverfahrens abhängig machen, erklärte es heute auf Anfrage. So versteht der Gesetzgeber Amtshilfe eigentlich nicht.

Hätte das Landratsamt die Sache detaillierter geprüft, hätte es erkennen müssen, dass der städtische Referatsleiter die neue Berechnung kannte, die Stadt also überhaupt nicht getäuscht worden sein kann. Es fehlt am Grundtatbestand des Betrugsvorwurfs.

Nicht amüsiert

Der Stadtrat war jedenfalls über diesen Vorfall nicht amüsiert, um es vorsichtig auszudrücken. Er hat die Mehrzahlung in seiner Sitzung am Mittwoch schlicht und einfach abgesegnet. Damit fehlt es nun nicht nur an der Täuschung; damit ist der sogenannte Schaden auch noch weg.

Rosa Hochschwarzer nahm’s zufrieden zur Kenntnis: “Ich bin dem Stadtrat dankbar, dass er eine Lösung gefunden hat, die der damaligen Situation gerecht wird. Und ich bin Oberbürgermeister Neuner dankbar, dass er sich nicht der Strafanzeige des Landkreises angeschlossen hat, obwohl ja die Stadt betroffen war. Nach intensiver Aufklärung zeigt sich jetzt, wie richtig dies war.“ Das erklärte sie heute Nachmittag gegenüber dem landsbergblog. Ihr Anwalt, der frühere Oberbürgermeister Ingo Lehmann, ist nun sicher, dass das Verfahren eingestellt wird. Rosa Hochschwarzer dürfte dann ein Stein vom Herzen fallen.

An einem aber wird sie wohl nichts mehr ändern können: Die Auflösung des Vertrages mit „Frau & Beruf“ ist wirksam. Das Landratsamt hat die Aufgabe inzwischen selbst übernommen und dafür eine Vollzeitkraft eingestellt.

Was wäre gewesen, wenn die Mitarbeiter der Verwaltung nicht wenige Tage vor der Sitzung des Jugendhilfeausschusses gegen das Kinderbüro einen Betrugsvorwurf erhoben hätten? Was wäre gewesen, wenn die Verwaltung im Ausschuss die ganze Geschichte, so wie sie jetzt bekannt ist, unter Einschluss der Kenntnisnahme der Neuberechnung durch die Stadt Landsberg, geschildert hätte? Hätte dann der Jugendhilfeausschuss trotzdem Rosa Hochschwarzer das Vertrauen entzogen oder hätte sich die Verwaltung zum dritten Mal eine blutige Nase geholt?

Blutige Nasen tun weh. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Mitarbeiter des Landratsamts haben nachgeholfen, dass die Sache diesmal schmerzfrei verläuft. Aber da hat das Amt die Rechnung ohne die Stadt gemacht. Diesmal sind wir wirklich stolz auf sie.

Ein Lehrstück

Die Anwohner der Jahnstraße haben bis in die gestrige Nacht hinein unermüdlich auf ihre Ziele hingewirkt. Sie plädierten dafür, die Größe der vorgesehenen Notunterkünfte zu reduzieren, eine verbindliche Obergrenze von 25 Bewohnern festzulegen und über die soziale Betreuung durch die Herzogsägmühle hinaus abends und nachts eine Aufsicht zu gewährleisten. Das alles haben sie erreicht; man kann sie dazu beglückwünschen.

Zu einer Vereinbarung gehören freilich mindestens zwei. Diese zweite Seite ist der Landsberger Stadtrat. Es ist Ausdruck bemerkenswerter Souveränität, einen ursprünglich nahezu einstimmigen Beschluss am Ende einstimmig wieder zu kippen. Die Fraktionen haben zugehört, nachgelesen, die Lage vor Ort in Augenschein genommen und am Ende in diesem speziellen Fall den Bürgern Recht gegeben. Wichtig war, dass zwei Fraktionen – die Landsberger Mitte und die UBV – sich die Arbeit gemacht haben, einen konkreten Gegenvorschlag einzubringen. Letztlich war dieser Vorschlag die Vorlage, an der sich der Stadtrat orientieren konnte. Auch das verdient Respekt.

Weniger lobenswert ist, dass sich die Mehrheit des Stadtrats gegen die Stadtverwaltung und Oberbürgermeister Mathias Neuner durchsetzen musste, obwohl beide die Einwände kannten und natürlich auch verstanden hatten. Noch in der Montagsrunde versuchte Neuner, die ursprünglich vier Baufelder zu retten. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass die Verwaltung unverständlicherweise den Rohbau schon vor Abschluss der Bürgerbeteiligung ausgeschrieben hatte und nun befürchtete, dem Meistbietenden nicht den Zuschlag erteilen zu können. Auch war ihr daran gelegen, keine nennenswerte Verzögerung zu bekommen. Dennoch wäre es vertrauensbildender, auch die Verwaltung würde sich als Ansprechpartnerin positionieren, mit der man reden kann. Der Eindruck entsteht: Abläufe sind der Verwaltung wichtiger als Bürgerinteressen. Das ist kein gutes Zeichen; es muss sich ändern.

Aus diesem Vorgang wird dann ein Lehrstück, wenn man sehr genau hinschaut. Es gab (stadtprominente) Anwohner, die mit Macht agiert haben und dachten, ein Wort und ein Schreiben von ihnen würde wohl genügen. Da haben sie falsch gedacht. Die ganz überwiegende Mehrheit der Anwohner hat sich sehr sorgfältig organisiert. Einige von ihnen haben die Führung übernommen und das Verfahren klug gelenkt. Dazu gehörte, trotz verständlicher Empörung „Realpolitik“ zu betreiben: Was ist durchsetzbar, was nicht? Letztlich haben sie den Kompromiss, der jetzt erzielt wurde, von Anfang an ins Auge gefasst. Daher ist auch niemand mit hochrotem Kopf in die Gespräche gegangen, sondern mit guten Argumenten und akzeptablen Vorschlägen. Das wurde von vielen gelobt, selbst vom OB, der ein guter Verlierer ist.

Dieser Abend ist nicht ganz ungefährlich. Der ein oder andere könnte aus ihm falsche Schlüsse ziehen. Es reicht nicht, auf die Pauke zu hauen. Um in einer bereits auf den Weg gebrachten Planung eine neue Abwägung zwischen Allgemeinwohl- und Einzelinteressen zu erreichen, braucht es gute Argumente. Diese Argumente haben die Anwohner der Jahnstraße überzeugend eingebracht. Damit haben sie Maßstäbe gesetzt. Chapeau!

Nur drei Gebäude, nur je eine Person

Der Stadtrat hat am Abend einstimmig beschlossen, die Zahl der Gebäude an der Jahnstraße von vier auf drei zu reduzieren. Außerdem soll durch eine Satzung festgelegt werden, dass nur eine Person (bzw. eine Familie) pro Wohnung untergebracht werden.

Damit trug der Stadtrat den Anregungen der Anwohner nahezu vollständig Rechnung. Die Lösung entspricht auch weitgehend dem gemeinsamen Antrag von Landsberger Mitte und UBV.

Der Bebauungsplan wird nun noch einmal ausgelegt. Die ursprünglich vorgesehene Beauftragung der Baufirma zur Erstellung des Rohbaus wurde auf Antrag der SPD-Fraktion auf die nächstmögliche Sitzung vertagt – zunächst sollen etwaige weitere Einwände von Bürgern und Trägern öffentlicher Belange abgewartet werden.

(Die Sitzung dauert noch an; ein Kommentar folgt.)

Der Taschenspielertrick

Wie gehen Politik und Bürger in Landsberg miteinander um? Diese Frage stellen sich heute Abend viele Anwohner der Jahnstraße. Das, was sie in den vergangenen Wochen mit den Stadtratsfraktionen ausgehandelt haben, steht offenbar wieder zur Disposition. Am Mittwoch Abend könnte ihre berechtigte Hoffnung in die Vernunft der Stadtpolitik jäh ein Ende finden. Wegen eines Taschenspielertricks.

Der landsbergblog hat in den vergangenen Wochen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Anwohner der Jahnstraße, insbesondere die Bewohner der Reihenhäuser in der herangerückten Bebauung, von der Stadt unfair behandelt werden. Anstatt die Versprechungen in zwei Bebauungsplänen einzuhalten und das Lärm- und Exzess-Problem zu lösen, sollte den Bewohnern wenige Meter von ihren Häusern entfernt eine massive feste Obdachlosenunterkunft vor die Nase gesetzt werden, die nach dem Gesetz 144 Personen beherbergen könnte. Das ist aus unserer Sicht an diesem Ort ein Unding.

Wir hätten es daher sehr gut verstanden, wenn die Anwohner heftig protestiert, lautstark demonstriert und eine Bürgerinitiative gegründet hätten. Aber: Sie sind ganz anders vorgegangen. Sie haben mit allen Fraktionen das sachliche und konstruktive Gespräch gesucht. „Das hatte Substanz und Qualität“, sagte uns noch am Wochenende der Vorsitzende einer Stadtratsfraktion, „es war vorbildlich. Wenn alle Gespräche so ablaufen würden, dann wäre ich froh.“

Die Anwohner hatten von vornerein eine Kompromisslinie vertreten: In Ordnung, wir pochen nicht auf die Zusagen, die man uns noch vor Kurzem gemacht hat. In Ordnung, wir akzeptieren dauerhafte feste Obdachlosenunterkünfte auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Aber bitte: maximal 50 Prozent mehr Bewohner als bisher. Keine derartige Blockbebauung. Und bitte mit einer Betreuung am Abend, damit das nächtliche Chaos reduziert wird.

Alle Fraktionen haben dem nun in Anträgen und internene Gesprächen Rechnung getragen. Die „Notunterkünfte Jahnstraße“ können daher im Konsens mit den Anwohnern gebaut werden. Aber es gibt weniger Gebäude und nur eine begrenzte Personenzahl. Bürger und Politik haben die Sache gemeinsam gestemmt. Da kann sich manch andere Stadt, die mit unabgestimmten Vorhaben tiefe Verletzungen geschaffen hat, eine Scheibe von abschneiden.

Doch nun? Oberbürgermeister Mathias Neuner schlägt in letzter Minute vor, die Unterkunft doch in der geplanten Größe zu errichten. Nur mit einem Unterschied: Neben den Wohnungen für Obdachlose sollen (in den eigentlich bereits gestrichenen Gebäuden) Sozialwohnungen entstehen. Und zwar behindertengerechte barrierefreie Sozialwohnungen. Sein Kalkül wird uns so übermittelt: „Da können die Anwohner nichts gegen sagen — sie würden sich ja dann gegen  Menschen mit Behinderungen stellen“.

Neuner zieht das zwei Tage vor der Abstimmung „wie ein Kaninchen aus dem Hut“.  Und zwar so spät, dass die Bürger ihre Meinung in erneuten Gesprächen dazu nicht mehr äußern können. Heute Abend haben sie uns erklärt, was sie davon halten: Es wäre ja wieder die „große“ Bebauung, es wären ja wieder die „vielen“ Untergebrachten. Ganz abgesehen davon: Schon jetzt werden Obdachlose in Sozialwohnungen untergebracht. Und da sollen sie ja nach drei Monaten auch hin. Sie ziehen dann einfach von Gebäude 1 in Gebäude 2. „Für wie dumm hält man uns eigentlich?“.

Oberbürgermeister Mathias Neuner hofft offenkundig darauf, dass niemand den Mut hat, behindertengerechte barrierefreie Sozialwohnungen in Frage zu stellen. Aber: Das selbe zu bauen, es aber nur anders zu nennen, ist ein Taschenspielertrick. Und: In letzter Minute einen geradezu vorbildlichen Konsens von Politik und Bürgern wieder in Frage zu stellen, hinterlässt dauerhaft Wunden. Bitte einen Schritt zurück!

Die Verwaltung spricht von „Lagegunst“

Landsberg – Die geplanten Wohnungen für Obdachlose an der Jahnstraße sind Hauptthema der Stadtratssitzung am Mittwoch. Schon jetzt zeichnet sich ab: Pressekritik und Bürgerprotest haben bei den Fraktionen etwas bewirkt. Geht es nach ihnen, soll die Gebäudegröße reduziert und die Zahl der Bewohner durch eine Satzung begrenzt werden. Auch ist ein Ordnungsdienst am Abend im Gespräch. Die Stadtverwaltung zeigt sich hingegen von den Einwänden von 49 Bürgern gegen den Bebauungsplan „Notunterkünfte“ unbeeindruckt. Sie verfolgt offenbar eine harte Gangart und hält an den Plänen fest.

Die Verwaltung greift in ihrer Sitzungsvorlage erneut auf das Standortgutachten von 2009 zurück, obwohl es von gleichbleibender Größe der Unterkunft ausging und lange vor dem Heranrücken der Reihenhaus-Bebauung erstellt wurde. Die damals festgestellte „Lagegunst“ sei jetzt „in einer überschlägig durchgeführten Standortprüfung“ bestätigt worden. Hinzu komme: „Weitere stadteigene Grundstücke, die gleichermaßen geeignet sind, stehen im Stadtgebiet nach wie vor nicht zur Verfügung“.

Der kritisierte Innenhof trägt nach Meinung der Stadtverwaltung zur Lärmreduzierung bei, „gewährt den untergebrachten Personen ein Mindestmaß an Privatsphäre“ und garantiere „gutes Zusammenleben“. Wer Experten der Herzogsägmühle bei einem Treffen mit den Anwohnern der Jahnstraße genau zuhörte, weiß allerdings, dass gerade diese Zwangsbegegnung für lautstarke Auseinandersetzungen sorgen könnte. Wer sich mit der Unterbringung von Obdachlosen auskennt, versucht, sie möglichst zu trennen und ihnen individuelle Lebensweisen zu ermöglichen; daher hatte sich die Herzogsägmühle auch eigene Zugänge zu jeder Wohnung gewünscht.

Derzeit 54 Obdachlose

Zur Größe der Unterkunft führt die Verwaltung aus, es gebe derzeit in Landsberg 54 Obdachlose, davon wohnten 37 in dreizehn über das Stadtgebiet verteilten Wohnungen. Es sei also „ein erweiterter Bedarf gegenüber der Bestandssituation gegeben“. Im Rahmen der Neuplanung solle „darüber hinaus“ ein Kontingent an Unterbringungsmöglichkeiten als „Potential für zukünftige Erfordernisse vorgehalten werden“.

Die Vorlage unterstreicht damit die Bedenken der Bewohner, die eine Maximalbelegung mit mehr als den angekündigten 39 Personen befürchten. Unter diesen Voraussetzungen sind auch Zweifel an der Bestandskraft einer Begrenzung auf 25 Personen angebracht, wie sie in Stadtratskreisen erwogen wird – dann müsste die Stadt eigentlich gleich eine zweite Unterkunft in Auftrag geben. Offenbar ist die Grenze „25“ auch insofern ein Problem, als öffentliche Zuschüsse für eine Halbtagsstelle zur Re-Integration der Bewohner wohl nur ab 40 Personen gezahlt werden.

Aufgabe der Polizei

Zu den Bedenken der Anwohnern in Sachen Lärm, Gewalt und Drogenkonsum stellt die Stadtverwaltung fest, es sei Aufgabe der Polizei, sich darum zu kümmern. In anderen Städten sieht man das offenbar anders: In Freising gibt es einen hauptamtlichen Hausmeister mit „Feldwebel-Qualität“, der sich vor allem abends auf Ruhe hinwirkt. Dass es an der Jahnstraße bereits jetzt Probleme gibt, spielt die Stadtverwaltung herunter: „Laut Polizei besteht keine Gefahr für Leib und Leben für die Bevölkerung“. Es lägen daher „keine Beeinträchtigungen“ vor.

Zum Bebauungsplan „Altöttinger Weiher“ aus dem Jahr 2004 bestätigt die Verwaltung, dass dort tatsächlich festgelegt ist, dass „die Baracken abgebrochen werden und als öffentliche Grünfläche dem angrenzenden Naherholungsgebiet zugeführt werden“. Aber es bestehe „kein Rechtsanspruch auf den unbefristeten Fortbestand von bestehenden Festsetzungen eines Bebauungsplans“. Außerdem nehme die Unterkunft nur 2,1 Prozent des gesamten Naherholungsgebiets ein. Zu den Versprechungen, die im Bebauungsplan Jahnstraße im Jahr 2013 enthalten waren, nimmt die Verwaltung damit implizit ebenfalls Stellung. Auch hier sieht sie offenbar „keinen Rechtsanspruch auf Fortbestand“.

Geringe Verweildauer?

Nicht Gegenstand der Vorlage ist die in Aussicht gestellte geringe Verweildauer der Bewohner der Unterkunft. Oberbügermeister Mathias Neuner war hier von drei bis sechs Monaten ausgegangen. Die Experten der Herzogsägmühle sahen das in ihrem Gespräch mit dem Anwohnern, an dem der KREISBOTE teilnahm, ganz anders. Der Markt gebe eine schnelle Vermittlung von Wohnraum nicht her, erklärten sie: „Wer hier reinkommt, geht so schnell nicht wieder raus“. Zwar wies Stadtrat Stefan Meiser (ÖDP) bei diesem Treffen darauf hin, dass die Stadt ja für neue Sozialwohnungen sorge; dass die Verwaltung sie leerstehen lässt und auf Obdachlose wartet, ist allerdings nicht zu erwarten.

In der Stadtratssitzung steht der gemeinsame Antrag von Landsberger Mitte und UBV zur Änderung der Gesamtplanung zeitlich vor der Behandlung des Bebauungsplans auf der Tagesordnung. Es könnte sein, dass der Stadtrat bei diesem Punkt bereits anderweitige Entscheidungen trifft. Dann bliebe den Verwaltungsamitarbeitern erspart, die hier zitierten Ausführungen auch noch mündlich vortragen zu müssen. Werner Lauff

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Der Beitrag ist ein Vorab-Druck aus der Print-Ausgabe des KREISBOTEN vom kommenden Mittwoch.

Die Stadt vergisst, was sie zugesagt hat

Landsberg – Die Stadt hat den Bewohnern der Schwaighofsiedlung, dem Bauträger und den Interessenten für die 23 Reihenhäuser an der Jahnstraße im Jahr 2013 durch Ausführungen im Bebauungsplan Zusicherungen gemacht, die mit der jetzt zur Debatte stehenden Errichtung einer großen Obdachlosenunterkunft unvereinbar sind. Dies ergaben Recherchen des KREISBOTEN.

Erklärtes Ziel der Aufstellung des Bebauungsplans „Jahnstraße“ war es, den Bürgern der Stadt sowie Neuansiedlern, insbesondere Familien mit Kindern, den Wunsch nach einem eigenen Haus mit Garten zu ermöglichen. Die Planer gingen dabei davon aus, dass „der hohe Freizeitwert der näheren Umgebung und des Altöttinger Weihers“ erhalten bleibt (Begründung, Unterpunkt 4.2). Auf dieser Prämisse beruht der gesamte Bebauungsplan.

Die Planer machten deutlich: Nur die „direkte Nachbarschaft zu den angrenzenden Grünflächen“ lasse die kompakte Reihenhausbebauung vertretbar erscheinen, da „die Dichte durch die Nähe zur Natur kompensiert wird“ (5.2). Nur das bestehende naturnahe Umfeld rechtfertige es auch, auf die Anlage eines Spielbereichs im Plangebiet zu verzichten (4.2), die Häuser befänden sich ja „in nächstliegender Umgebung zu Grünflächen“ (9.1).

Die Planer, das Büro Daurer aus Wiedergeltingen, hatten keinen Verdacht, dass wenige Meter entfernt vier neue Gebäude für Obdachlose errichtet werden könnten. Im Gegenteil: Sie wiesen ausdrücklich darauf hin, dass die Fläche östlich der Jahnstraße „mittel- bis langfristig“ vollständig zur öffentlichen Grünfläche werde (7.2). Dies entnahmen sie dem Bebauungsplan „Kleingartenanlage Altöttinger Weiher“, der für das Gebiet bislang gilt. „Das Gebiet um den Altöttinger Weiher stellt ein wertvolles landschaftliches Strukturelement von hoher Erlebnisqualität dar“, heißt es in den Unterlagen der Planungsmaßnahme aus dem Jahr 2003.

Kein Beherbergungsbetrieb

Aus diesen Annahmen heraus legten die Planer des Jahres 2013 besonders strenge Regeln für die Art der Nutzung für den Bereich westlich der Jahnstraße fest. Sie schufen nicht nur ein „Allgemeines Wohngebiet“, sondern schlossen weitergehende Nutzungen ausdrücklich aus (5.1).

Zu diesen theoretisch möglichen weiteren Nutzungen gehören nach § 4 der Baunutzungsverordnung Läden, Wirtschaften, Betriebe des Beherbergungsgewerbes und Anlagen für soziale und gesundheitliche Zwecke. Schutzzweck des Ausschlusses ist nicht nur das Wohngebiet selbst, sondern auch und vor allem die gegenüber liegende Naturfläche. Dass genau in dieser Fläche plötzlich eine soziale Beherbergungs-Einrichtung entstehen könnte, hielten die Planer erkennbar für völlig ausgeschlossen.

Das Fazit der KREISBOTEN-Recherche: Wer diesen Bebauungsplan samt Begründung studierte und sich daraufhin entschloss, eines der neuen Häuser in der Jahnstraße zu erwerben, musste nicht damit rechnen, dass die Stadt kurz darauf in unmittelbarer Nachbarschaft vier feste, dauerhafte Gebäude zur Unterbringung von Obdachlosen bauen würde. Diese Vorstellung war angesichts des Flächennutzungsplans, des Bebauungsplans Jahnstraße und des Bebauungsplans zum Altöttinger Weiher geradezu absurd.

Es gab sogar Anlass zur Hoffnung, dass die aufgrund von Alkohol- und Drogenkonsum problematische Unterbringung von Obdachlosen in den Baracken in unmittelbarer Nachbarschaft zur Wohnbebauung bald beendet sein würde. Schon die Begründung des Bebauungsplans aus dem Jahr 2003 erwähnte die Baracken nicht mehr; dort ist nur noch von „öffentlicher Grünfläche“, „Wasserfläche“, dem „Vereinsheim“ und PKW-Stellplätzen die Rede. Schon damals war also klar: Die „Jahn-Baracken“ kommen weg.

Gutachten aus 2009

„Gesetz“ war das zwar nicht. Eines allerdings wussten die Anwohner bestimmt: Sollten die Baracken einmal entfernt werden, dann wird die bestehende öffentliche Grünfläche komplettiert, dann erfüllt sie vollständig den Zweck der Naherholung, die den neuen Eigentümern als Ersatz für fehlende Kinderspielflächen und Kompensation für verdichtete Bauweise zugeordnet wurde. Das steht so in ihrem Bebauungsplan. Worauf sonst soll man sich noch verlassen, wenn nicht darauf?

Das nun aus der Tasche gezogene „Standortgutachten“ aus dem Jahr 2009 – es soll darlegen, dass der alte Standort auch der beste Platz für eine neue Obdachlosenunterkunft ist – findet in der Begründung zum Bebauungsplan übrigens keine Erwähnung. Die Annahme liegt nahe, dass die Stadt es dem beauftragten Planungsbüro gar nicht zur Verfügung gestellt hat.

Dass ein acht Jahre altes Gutachten fortgelten soll, obwohl sich die Stadtstruktur inzwischen verändert hat, liegt ohnehin nicht auf der Hand. Für die Obdachlosenunterkunft kommen inzwischen weitere Liegenschaften in Frage, die man im Rahmen der Suche nach Standorten für Sozialwohnungen und Asylunterkünften identifiziert hat. Wer diese Standorte nicht in die Prüfung einbezieht, übt sein Ermessen wohl nicht umfassend aus.

Das Thema „Jahnstraße“ birgt Sprengstoff. Nach den Recherchen des KREISBOTEN dürfte die Diskussion noch eine weitere Facette bekommen. Nun geht es nicht mehr nur um die Geeignetheit des Standorts. Es geht auch um die Frage, ob Alt-Anlieger und Eigenheim-Käufer den Ausführungen der Stadt Vertrauen schenken können oder nicht.

Werner Lauff


Der Beitrag erscheint morgen in der gedruckten Ausgabe des KREISBOTEN und ist auch online unter www.kreisbote.de/lokales/landsberg abrufbar.

Das „aliud“ an der Jahnstraße

Es geht kein Weg daran vorbei: Der Stadtrat wird noch einmal über den Standort der neuen Obdachlosenunterkunft beraten müssen. Dies gebietet nicht nur der Respekt vor den rund 50 Anwohnern der Schwaighofsiedlung, die in dieser Woche deutlichen Widerspruch gegen die Pläne geäußert haben (siehe den Bericht Nicht in dieser Dimension, der vorab in der Online-Ausgabe des KREISBOTEN abrufbar ist). Auch die Informationen, die Oberbürgermeister Mathias Neuner bei der Anwohnerversammlung im Jahn-Stüberl gab, machen noch einmal nachdenklich.

Die Kernfrage ist, was auf dem Grundstück am Altöttinger Weiher eigentlich genau geplant ist. Dabei gibt es vier Aspekte.

auf Dauer angelegt

Der erste Aspekt bezieht sich auf den Baukörper, wie er im Bebauungsplanentwurf beschrieben ist, der bis heute im Rathaus auslag. Schon in dieser Hinsicht gibt es Fragezeichen. Ja, die Stadtväter vergangener Zeiten haben die Abwägung getroffen, den naturnahen Platz an der Jahnstraße der Allgemeinheit zu entziehen, um dort Wohnraum für Wohnungslose zu schaffen. Aber das war nicht auf Dauer angelegt. Der OB räumt selbst ein: Die eilig herbeigeschafften Baracken sollten ein Provisorium sein. Wenn der Stadtrat beschließt, den Platz dauerhaft für eine feste Obdachlosenunterkunft zu nutzen, knüpft er zwar räumlich und sprachlich an das Vorhandene an, schafft aber einen anderen Tatbestand. Entscheidungen wie diese, die Jahrzehnte nachwirken, müssen sorgfältig abgewogen werden. Zu dieser Abwägung gehört auch, alle in Frage kommenden Standorte zu prüfen, so wie man das 2016 beim Thema „Asylunterkünfte“ getan hat. Der Rekurs auf ein Standortgutachten aus dem Jahr 2009 reicht dazu wohl nicht aus.

weit größeres Potential

Beim zweiten Aspekt geht es um die Frage, wie die jeweils 25 Quadratmeter großen Räume genutzt werden sollen, was der Bebauungsplan nicht regeln kann. Natürlich will Oberbürgermeister Mathias Neuner keine unvernünftige Belegung mit bis zu vier Obdachlosen pro Zimmer – er plant die Unterbringung von 39, durchschnittlich sogar nur von 30 Personen. Er räumt allerdings ehrlich ein, dass es auch Situationen geben kann, in denen die volle Kapazität ausgeschöpft werden muss – und nennt ausdrücklich die nicht ganz abwegige Vorstellung, dass wieder deutlich mehr Asylbewerber nach Landsberg kommen (und das Landratsamt sowie die Regierung von Oberbayern in den Asylunterkünften keine Fehlbeleger mehr dulden). Anders ausgedrückt: Die neue Unterkunft soll zwar nur 39 Bewohner haben, aber sie hat das Potential, 144  aufzunehmen. Ob gewollt oder nicht: Das ist, verglichen mit der bisherigen Zahl von 16 Bewohnern der Baracken, bei denen das Potential praktisch ausgeschöpft ist, etwas Neues – auch darauf muss sich die Abwägung des Stadtrats erstrecken.

ein Durchgangsort

Der dritte Aspekt: Auch funktional gesehen soll an der Jahnstraße ein „aliud“ entstehen – das ist das juristische Wort, das verwendet wird, wenn etwas Anderes geschaffen wird, auf das man bisherige Regelungen oder Entscheidungen nicht anwenden kann. Es geht ja nicht darum, die eher langfristig angelegte wohnliche Nutzung zu verlängern, sondern es entsteht nach Angaben von Mathias Neuner eine Unterkunft, die als Durchgangsort definiert werden kann. Dort sollen Obdachlose im Durchschnitt nur drei Monate lang wohnen; „das soll hier kein Zuhause sein“. Wir reden also diesmal über eine stark wechselnde Belegung. Vom Charakter her handelt es sich nicht etwa um ein Heim mit Heimleiter und Hausmeister – es geht um einen Wohnkomplex, in dem die Bewohner auf sich gestellt sind. Dieses Auf-Sich-Gestellt-Sein hat zumindest in der aktuellen Lebensphase der betroffenen Personen nicht wirklich gut funktioniert und allein das Dach über dem Kopf ist keine Garantie für einen Wandel. Dass die Dreiviertel-Stelle der Herzogsägmühle Heimleitung und Hausmeister nicht ersetzen kann, ergibt sich bereits aus der Aufgabe und den Anwesenheitszeiten, denn die Probleme treten, wie die Anwohner darlegten, vor allem abends und nachts auf.

ein unfreundlicher Akt

Der letzte, vierte, Aspekt bezieht sich auf das Thema der Verdichtung. Der Stadtrat soll und will Flächenfraß vermeiden, was zwingend zu einer Verdichtung im Innenstadtbereich führt. Demzufolge hat der Stadtrat die an die Obdachlosenunterkunft heranrückende Bebauung befürwortet. Dort wohnen nun vor allem junge Familien mit Kindern. Darf eine Stadt kurz danach auf benachbartem öffentlichen Grund eine Veränderung mit derartigen Auswirkungen herbeiführen? Rechtlich mag das zulässig sein. Politisch ist das ein unfreundlicher Akt, den man nur dann vornehmen sollte, wenn es keine Alternative gibt.

jahnstrasse
Ziemlich nah dran: Neubausiedlung und Altbestand in der Jahnstraße. Foto: Lauff

Noch einmal: Als Landsbergs Stadtväter diesen Platz für eine Unterkunft für Notleidende vorsahen, planten sie ein Provisorium. Und es war weit und breit kein anderes Wohnhaus in Sicht. Heute geht es nicht um eine Aufrechterhaltung, noch nicht einmal nur um einen Ausbau trotz neuer Bebauung: Es geht um ein auf Dauer angelegtes Vorhaben mit anderen Schwerpunkten als bisher. Mit Vokabeln wie „modernisieren“ und „ersetzen“ hat das wenig zu tun. Es geht um ein „aliud“.

Ja, richtig, eine Obdachlosenunterkunft muss gebaut werden. Aber es spricht einiges dafür, dass sie am falschen Platz entsteht.

Dankbar, kritisch, analytisch

Ein Kommentar von Werner Lauff

Wenn Journalisten am Ende eines Jahres Bilanz ziehen, neigen sie dazu, das Geschehen chronologisch zu repetieren. Das mag Erinnerungen auslösen und Geschichtsschreibung vereinfachen. Es wird aber selten dem gerecht, was sich verändert hat.

Welche Aufgaben haben wir nicht gelöst? Auf welche Herausforderungen haben wir keine Antwort? Welche Antworten sind nur Polemik? Und welches Ende nimmt gerade jetzt seinen Anfang? Dies sind die vier wichtigsten Fragen, die zu besprechen sind.

Bei allem Lichterglanz: Wir sollten, Tage nach dem Anschlag von Berlin, auch in Landsberg den Jahreswechsel nutzen, über diese Fragen nachzudenken und in der Familie und im Freundeskreis darüber zu diskutieren. Wer das nicht tut, riskiert, dass immer mehr Menschen den Verführern folgen und Personen wählen, die Trittbrettfahrer sind. Zu denen, die das riskieren, gehört leider auch der bayerische Ministerpräsident.

Bei dieser Debatte ist Differenzierung Pflicht. Es gilt zu unterscheiden: Zwischen Menschen, die Terror ausüben, und solchen, die Asyl suchen. Zwischen der Absicht des Staates, Taten zu verhindern, und seiner Unfähigkeit, das auch zu tun. Zwischen notwendigem Verwaltungshandeln und kontraproduktivem Verwaltungsgestrüpp.

Nur so kann man eine Agenda entwickeln. Ihre Verwirklichung ist übrigens nicht Sache ferner Organisationen in Europa oder der Bundeshauptstadt. Für die Umsetzung von Bundesgesetzen sind fast immer die Länder zuständig. Manchmal entsteht der Eindruck, Bayern sei bundesweit gesehen in der Opposition. In Wirklichkeit steht Bayern vollständig in der Verantwortung; es ist nicht zuletzt Bayerns Sache, ob und wie unser Staat funktioniert.

Zu der Diskussion über die Fragen, die uns in diesen Tagen bewegen, gehört auch die perspektivische Betrachtung, wie wir mit Menschen umgehen wollen, denen wir das Recht auf ein Leben in Deutschland rechtswirksam attestiert haben. Nehmen wir das ernst oder unterlaufen wir es? Setzen wir uns genug für den Spracherwerb, für berufliche Integration, für Teilhabe ein, oder schaffen wir das Ghetto im Kopf? Unterstützen wir diejenigen hinreichend, die ehrenamtlich helfen? Wir haben – auch im Landkreis Landsberg – Zweifel. Wir hätten sie 2017 gerne ausgeräumt.

Auch in Landsberg können wir die Chronologie des Jahres 2016 getrost einmal beiseiteschieben. Viel wichtiger ist dies: Die Stadt hat sich den Problemen in den vergangenen Jahren mit bemerkenswerter Akribie gestellt. Die Finanzen sind in Ordnung gebracht. Die Weichen für mehr Wohnungen, auch Sozialwohnungen, sind gestellt. Die Umwidmung der Pflugfabrik geschieht konzentriert und behutsam. Die Stadt erarbeitet sich Zukunftsdaten und entwickelt eine Zukunftsstrategie.

Dabei hat sich die Methode geändert. Der Stadtrat ist inzwischen so intensiv involviert, dass er fast überlastet ist. In Montagsrunden finden interfraktionelle Gespräche statt. Mehrheitliches Durchsetzen von Interessen gehört der Vergangenheit an. Oberbürgermeister Mathias Neuner wird immer stärker zum Moderator. Der Dialog mit den Medien klappt exzellent. Das Camouflieren und Taktieren ist auf ein Minimum reduziert. Die Zufriedenheit der Landsberger, geborener wie zugezogener, wie sie in der Umfrage „Landsberg 2035“ zum Ausdruck kommt, spricht Bände. Sie ist berechtigt. Es macht Spaß, in dieser Stadt zu leben.

Auch dies darf und sollte in diesen ruhigen Tagen Gesprächsthema sein. „Count your blessings“, sagt man in englisch und meint: Freue Dich an dem, was Du hast. Wir Deutschen zählen oft nur die Blessuren. Wir vom landsbergblog werden auch 2017 kritisch bleiben und wachsam sein. Aber wir werden auch hervorheben, was erreicht und was gelungen ist.

In diesem Sinne: Seien Sie an diesen Feiertagen dankbar, kritisch und analytisch! Wir wünschen Ihnen alles Gute dazu.

Die erste Vernissage

Was verbinden Kinder, die eine der Kindertagesstätten des Kreisverband Landsbergs des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) besuchen, mit dem Begriff „Rotes Kreuz“? Die Antwort kann man seit dem gestrigen Abend im Landratsamt sehen. Betreutes Wohnen, Bergrettung, Wasserwacht, kein Thema fehlt auf den 40 farbenfrohen Kunstwerken, die jetzt vor dem großen Sitzungssaal ausgestellt sind. Das BRK verhalf den Kindern damit zur ersten Vernissage ihres Lebens – und den Besuchern zu der Erkenntnis, dass die Organisation mit Krippen, Kitas und Horten in Thaining, Hofstetten, Lengenfeld, Weil, Schwabhausen, Prittriching, Scheuring und Landsberg vertreten ist und dort derzeit 620 Kinder betreut. Man konnte also nicht nur staunen , sondern auch noch etwas lernen.

vernissage

Im Bild: Die jungen Künstler, deren Werke im Foyer des Landratsamts zu sehen sind, im Gespräch mit Marianne Asam vom Bayerischen Roten Kreuz. Foto: landsbergblog

Von denen, die selbstlos sind

Ein Kommentar von Werner Lauff

Die ehrenamtlich Tätigen, die sich in ihrer Freizeit um Asylbewerber und Flüchtlinge mit Bleiberecht kümmern, leisten eine unverzichtbare Arbeit für uns alle. Sie initiieren Verständigung und Teilhabe, sie schaffen erste Pfade in Richtung Integration. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Umso trauriger ist es, dass man ihr Engagement immer wieder unnötig erschwert.

Falsche Fürsprecher sind da noch das geringste Problem. Dennoch: Es hat viel zu lange gedauert, bis auch das Landratsamt erkannt hat, dass lautes Auftreten und gut klingende Vereinsnamen in die Irre führen können. Es musste erst lernen, Selbstverwirklicher und Trittbrettfahrer von uneigennützigen Helfern zu unterscheiden.

Völlig unnötig war auch die von falschem Sparwillen getriebene restriktive Ausschreibung der Betreuung der Asylbewerber, die dazu führte, dass niemand mehr ein Angebot abgab und das Bayerische Rote Kreuz seine anerkannt gute Arbeit einstellen musste. Der Landkreis hat sich und vielen anderen das Leben damit schwer gemacht – von der politischen Blamage mal ganz abgesehen.

Seit einiger Zeit operiert das Landratsamt, das insoferen als „Staat“ agiert und der Kontrolle durch die Gremien entzogen ist, nun auch noch mit dem Instrument der „Verlegung“. Flüchtlinge werden kurzfristig und ohne vorherige Beratung mit den Helferkreisen in andere Orte gebracht. Funktionierende Betreuungsstrukturen werden so auf einen Schlag zerstört. Im Grunde fängt dann alles wieder von vorne an.

Der Landrat entspricht damit ohne Zweifel der aktuellen politischen Diktion im Freistaat Bayern. In fast jedem Satz zum Thema Asyl lassen CSU-Politiker ihre Abneigung gegen die Menschen durchblicken, die bei uns Schutz und Chance suchen. Sicher wäre es besser gewesen, die Politik hätte die Fluchtauslöser Krieg, Korruption und Gewaltherrschaft vor Ort gelöst. Aber das hat sie nicht getan.

Ehrenamtler stehen aufgrund dieser stetigen unterschwelligen Agitation immer wieder unter Rechtfertigungsdruck. Manchmal hat man den Eindruck, die Politik wünscht sich überall ehrenamtliche Betätigung. Aber beim Thema Asyl hätte sie es lieber nicht.

Stattdessen demonstriert unsere Verwaltung, vom BAMF bis zu den Landratsämtern, wie hilflos unser Staat ist, wenn es um unvorhergesehene Herausforderungen geht. Lange Wartezeiten auf Integrationskurse, Verhinderung von kostenlosem Internet-Zugang, umständliche und zeitraubende Antragswege, unsensible Belegung von Unterkünften. Das sind nur einige von vielen Beispielen. Die Verwaltung blamiert sich, aber es macht ihr nichts aus.

Das ist der Widerspruch am heutigen Samstag: Tatsächlich gäbe es Vieles zum Thema Ehrenamt zu sagen. Aber bitte von den Richtigen – von denen, die selbstlos sind.