Nachplappern ist eine Gefahr

Eine Anmerkung von Werner Lauff

Wer die 1.600 Beiträge des landsbergblog in den vergangenen fünfeinhalb Jahren verfolgt hat, der weiß, dass wir hohe Ansprüche an Recherche stellen – bei uns selbst wie auch bei anderen Medien. Sie erstrecken sich naturgemäß zunächst auf Tages- und Wochenzeitungen sowie Radio und Fernsehen in unserer Region; das ein oder andere hiesige Medium hat daher schon Manches einstecken müssen. Manchmal fallen uns allerdings auch Berichte überregionaler Medien auf, die wir für zweifelhaft halten.

Im konkreten Fall ging es um einen Bericht der Tagesthemen der ARD am 25. September 2017. Darin gab es einen Beitrag, der zu ergründen versuchte, warum Menschen im Landkreis Sächsische Schweiz / Osterzgebirge (dem Wahlkreis von Frauke Petry) die AfD gewählt haben. Zunächst formulierte eine ältere Passantin Unverständnis, wieso die Ausländerfragen nicht gelöst seien. Weiter hieß es: „Das Wahlergebnis wundert auch Doreen Lucius nicht.“ Eine junge Dame äußerte sich dann wie folgt:

„Auf der Straße wo ich wohne, da gibt es halt schon mehrere Fälle, stand auch in den Zeitungen, dass halt Frauen vergewaltigt wurden. … Klar gibt’s das auch in unserem Land. Dass es von uns welche sind. Sagt ja auch keiner. Aber es wird halt immer mehr.“

Das kam uns merkwürdig vor. In der gleichen Straße mehrere Vergewaltigungen, der Formulierung nach zudem von Ausländern? Also riefen wir am nächsten Morgen sehr früh bei der Pressestelle der zuständigen Polizeidirektion Dresden an. Die beiden Pressesprecher waren beide anwesend. Keiner von ihnen konnte sich an Vorkommnisse dieser Art erinnern.

Unmittelbar danach schrieben wir eine E-Mail an den Chef von „ARD aktuell“ (gleich Tagesschau und Tagesthemen), Kai Gniffke. „Uns würde interessieren, ob denn die Redaktion diese Behauptung der Dame einfach gesendet oder vorher geprüft hat“, formulierten wir – und bekamen erst einmal keine Antwort.

Die kam allerdings letztlich doch. Vierzehn Tage später erhielten wir eine verklausulierte E-Mail des Zweiten Chefredakteurs von „ARD aktuell“, Marcus Bornheim. Er berichtete, dass die Redaktion der Tagesschau unabhängig von unserer Mail am kommenden Tag darüber diskutiert habe, ob man das so stehen lassen kann.

Unabhängig von unserer Mail darüber diskutiert, ob man das so stehen lassen kann? Ja, war denn die Redaktion bereits darüber informiert, dass es gar keine Vergewaltigungen in der Straße gegeben hat, weder von Aus- noch von Inländern, und hat es trotzdem gesendet?

Aber egal: Die Diskussion (vielleicht doch unsere Mail?) habe dazu geführt, dass man das Thema am nächsten Tag erneut in den Tagesthemen aufgegriffen habe.

In diesem zweiten Beitrag stellt zunächst die Polizei dar, dass es gar keine Vergewaltigungen gegeben hat. Der Reporter – übrigens der gleiche wie am ersten Tag – sagt dann aus dem „Off“: „Also keine Vergewaltigungen.“

„Wie kam es dann zu diesem subjektiven Gefühl?“, fragt er weiter. Der Reporter befragt erneut Doreen Lucius, die dieses Gefühl damit erklärt, ihre Eltern hätten ihr schon früh eingeschärft, nicht mit fremden Männern mitzugehen; daher resultiere ihre Angst.

Das Fazit: Die ARD sendet eine völlig falsche Behauptung, offenbar ohne sie vorher zu prüfen, und versucht das am Tag danach mit einem Bericht über das subjektive Angstgefühl abzumildern. Das ist ein schlechter Versuch, die Falschmeldung zu kaschieren.

Auch in Landsberg haben viele Menschen die AfD gewählt (in einer Probeabstimmung übrigens auch zehn Prozent der Schüler). Viele machen dies, weil sie Falschmeldungen glauben. Die Medien haben eine große Verantwortung dafür, sie nicht zu verbreiten. Ob lokal oder national, dabei gilt kein zweierlei Maß. Das ist der Grund, warum wir Landsberg an dieser Stelle ausnahmsweise verlassen und grundsätzlich werden: Behauptungen nachplappern ist journalistisch unkorrekt – und eine reale Gefahr.

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Von Landsberg hab ich schon gehört

Die Stadt Landsberg hat sich bei der BR-Radltour glänzend präsentiert. Die Landsberger haben die Radler jubelnd begrüßt. Organisation und Sicherheit haben reibungslos geklappt. Oberbürgermeister Mathias Neuner hat begeisternd mitgemacht. Großartig!

Uns stört ein wenig der Satz „Das kostet aber auch“, der morgen in einer Zeitung zu lesen sein wird. Ja, das kostet die Stadt eine fünfstellige Summe. Aber zücken wir doch mal kurz den Taschenrechner. Wer Max Giesinger live sehen will, zahlt 32 Euro für ein Ticket. Gestern war sein Auftritt gratis. 15.000 Besucher, die meisten davon Landsberger, sparten zusammen 480.000 Euro.

1.100 Radler kamen nach Landsberg; manche kommen wieder. Wie viel Geld kostet es, per Stadtmarketing 1.100 Besuche und Folgebesuche zu generieren? Wir ersparen Ihnen den Rechenweg aus Reichweite und Streuverlust: Dafür müsste man eine Drittel-Seite der ADAC-Motorwelt buchen; Kostenpunkt 66.000 Euro.

Wie viel Geld kostet es, 30-, 60- oder 90-sekündig ins Fernsehen zu kommen? Das ist eher eine theoretische Frage, denn Sie kommen trotz Zahlungsbereitschaft gar nicht in den Werbeblock; er ist voll. Wenn doch, halten Sie bitte 100.000 Euro bereit. Tatsächlich kämen dann ein paar Leute in unsere Stadt und würden sagen: „Von Landsberg hab ich schon gehört“.

Schön war’s. Und nützlich ist’s. So sehen wir das.

Die Nachricht aus dem Nichts

Am 28. Juni überraschte das Landsberger Tagblatt (LT) mit der Mitteilung, die Bundeswehr erwäge, in Penzing dreizehn Airbus A400M zu stationieren. Lesen Sie einfach selbst:

Wir kennen uns ein wenig mit den aktuellen Planungen zum Fliegerhorst Penzing aus. Unser Informationsstand ist: In Penzing war und ist eine „Stillstandswartung“ geplant, also bis auf Weiteres ein Fliegerhorst ohne Flugzeuge. Nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass das Gelände doch noch alsbald einer zivilen Nachnutzung zugeführt werden kann; das steht allerdings noch nicht fest. Aber die Stationierung von A400M war unseres Wissens nach in Penzing nie geplant. Die Örtlichkeiten sind zu klein, die Infrastruktur ist nicht ausreichend. Und unter Vollast auf 600 Meter Höhe mit einem A400M auf der Penzinger Startbahn abzuheben, wäre sportlich.

Wir fragten uns einen Moment, ob wir die Geschichte des LT nachrecherchieren sollten. Die Telefonnummern der Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums und des Presse- und Informationszentrums der Luftwaffe sind in unseren Smartphones gespeichert. Sollen wir anrufen oder blamieren wir uns?

Wir riefen nicht an. Schon der Wortlaut des LT-Beitrags machte das deutlich. Da ist von „befassten Kreisen“ die Rede, die eine Information aus einer nichtöffentlichen Sitzung gegeben haben sollen, aus der hervorgehe, dass „offenbar“ eine „Weichenstellung“ erfolgt sei, die dazu führe, dass „offenbar“ auch der Fliegerhorst Penzing „im Gespräch“ sei. Zweimal „offenbar“, einmal irgendwelche „Kreise“, einmal „im Gespräch“ – das reicht nun wirklich aus, um den Verdacht auf eine Nullnummer aufkommen zu lassen.

Nicht-LT-Journalisten waren sich schnell einig: Das ist eine Nachricht aus dem Nichts. Und damit nichts für uns.

Heute löst das LT die Geschichte glücklicherweise auf. Lesen Sie einfach selbst:

Ach wie gut, dass sich in Berlin doch noch ein Militärexperte gefunden hat, der „unserer Zeitung“ etwas erläutert hat. Auch wenn er keinen Namen hat.

Nun haben wir recherchiert, wie es denn zu der Fehlmeldung des LT kommen konnte. Hier ist das Ergebnis unserer Nachforschungen:

Wie aus gut informierten Kreisen bekannt wurde, ist offenbar nach außen gedrungen, dass im Gespräch war, dass die erste Meldung des LT offenbar aufgrund der Weichenstellung erfolgt ist, die Achtung der Leser vor der Leistung des Blattes zu steigern. 

Das stimmt natürlich nicht. Wir machen gerade eine Satire draus. Kopf hoch, Kollegen, die Schmach ist nur temporär. Nächste Woche zitieren wir einen Medienexperten, der das alles richtigstellt.

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Fake News

Jetzt machen wir doch mal (wieder) eine kleine Gemeinheit. Seit Jahren ärgert uns Google damit, bei der Bilder-Suche Menschen zu zeigen, die mit den Gesuchten nicht die geringste Ähnlichkeit haben. Durchstöbern wir zum Beispiel das Netz nach Fotos von Christian Hettmer, finden wir auf der Ergebnisseite auch Portraits von Til Schweiger, Erich Püttner und Hubert von Herkomer, ohne dass dort auch nur Spuren von Hettmer zu finden sind. Verwandtschaftsverhältnisse wie beim Bürgermeister von Krün liegen soweit ersichtlich auch nicht vor.

Irgendwie scheint das mit den von der Kanzlerin entdeckten „Algorithmen“ zumindest bei Fotos nicht so recht zu klappen. Jetzt kommt eine kleine Rache des landsbergblog. Da Google uns immer nett durchsucht, wird es sicher nicht lange dauern, bis dieses Foto in den Suchergebnissen nach Oberbürgermeister Mathias Neuner oder Kommodore Oberst Daniel Draken erscheint:

 Oberbürgermeister Mathias Neuner (links) und Oberst Daniel Draken (rechts)

Oberbürgermeister Mathias Neuner (links) und Oberst Daniel Draken (rechts)

Und jeder, der das sieht, wird sagen: Google kann es immer noch nicht. Google verbreitet sogar Fake News. Niemand außerhalb Landsbergs wird glauben, dass der Herr links nicht der Kommodore und der Herr rechts nicht der Oberbürgermeister ist. Zumal der Herr links eindeutig wie ein Soldat aussieht und der Herr rechts eindeutig wie ein Oberbürgermeister. Der Herr links trägt ja auch eine Uniform mit dem Wappen des LTG 61. Und der Herr rechts hat ein Namensschild der Stadt Landsberg am Lech am Anzug und – natürlich – jetzt ist alles klar: Er trägt die Landsberg-Krawatte, ein untrügliches Zeichen, denn dieses geschmackvolle Arrangement trägt keiner ohne Grund. Links Neuner, rechts Draken? So ein Unsinn. Hat Google denn keine Menschenkenntnis?

Ha, das wird ein Spaß. Vielleicht findet das Bild ja sogar Eingang in die Trumpsche Dokumentation über falsche Darstellungen in den Medien. „Sie betrügen. Sie verfälschen. Sie erfinden. Look what happens at Google!“ Das wär doch mal was. We keep you informed.

Es wird mir zugetragen

„Ich lese die Presse nicht“, sagte Reinhard Steuer (UBV) heute Abend im Verwaltungs- und Finanzausschuss des Landsberger Stadtrats, „aber der Inhalt wird mir zugetragen“.

Nach dieser Vorbemerkung bat Steuer um die Erläuterung zweier Zahlen, die der KREISBOTE in seiner Ausgabe vom Mittwoch und im Internet veröffentlicht hatte. Sie stammten aus dem Grußwort von Oberbürgermeister Mathias Neuner beim IHK-Empfang am Montag. Woher denn diese Angaben kämen, wollte Steuer von Neuner wissen. Aus einer Broschüre der Stadt, antwortete der OB. Deren Inhalt war Steuer offenbar nicht zugetragen worden. Der OB versprach aber, ihm die Broschüre zu übergeben. Besser gesagt: sie ihm zuzutragen.

Lieber Herr Dr. Steuer, danke für diese Offenbarung. Ehrlich gesagt hatten auch wir schon den Eindruck, dass Sie die Presse nicht lesen. Und auch sonst nicht so viel von ihr halten. Zurufe wie „Nochmal langsam für die Presse“ hatten uns schon auf diese Spur gebracht. Merkwürdig eigentlich: Als Anwalt würden Sie in einer Verhandlung  nicht erklären, Sie hätten die Schriftsätze nicht studiert; das Gericht fände das nicht systemkonform.

Im politischen Diskurs, als Stadtrat, kann man mit dem Axiom „Ignoranz“ aber ebenso wenig brillieren. Es mag ja sein, dass Sie manches Informationsdefizit mit hoher Intelligenz und 20jähriger Stadtratserfahrung ausgleichen. Aber was in dieser Stadt vorgeht, was Bürger denken, was andere sagen und was die Menschen bewegt, das erschließt sich nicht durch In-sich-Gehen. Da muss man tatsächlich mal in eine Tages- oder eine Wochenzeitung schauen und auch ein Blick in den landsbergblog kann dazu nicht schaden. Medien sind für eine Demokratie „schlechthin konstitutiv“ hat das Bundesverfassungsgericht formuliert. Das war nicht abstrakt gemeint. Die Richter dachten dabei auch an Kommunalpolitiker wie Sie.

Dies gilt um so mehr, als wir so gerne mit Ihnen über Linien, Konzepte, Ideen und Visionen diskutieren würden. Heute Abend haben Sie doch wieder gezeigt, dass Sie eine Million Zahlen gut auf ein paar Grundsätze reduzieren können. Als andere das Detail sezierten, bewiesen Sie den Überblick. Das ist auch unser Anspruch. Lassen Sie uns doch gegenseitig ergänzen. Wir, die Journalisten, recherchieren und reportieren, analysieren und illustrieren. Und Sie machen was daraus. Das wäre eine Symbiose, die uns wohl gefiele. Deswegen appellieren wir: Bitte lassen Sie nicht lesen, bitte lesen Sie!

Aber wie erreichen wir Sie? Hallo, Zuträger, könnten Sie mal eben tätig werden? Wir wären dankbar dafür.

So geht Politik

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Jennifer Lübcke nach der Stadtratssitzung mit Oberbürgermeister Mathias Neuner. (Handy-) Foto: landsbergblog

Junge Erwachsene protestieren gegen das Gastspiel eines Zirkusses mit Wildtierdressur. Der aus elf gewählten Mitgliedern bestehende Jugendbeirat der Stadt greift diesen Protest auf. Er recherchiert, sammelt Fakten, erstellt eine Argumentation. Dann beschließt er einen Antrag an den Stadtrat: Die Widmung der öffentlichen Veranstaltungsplätze „Waitzinger  Wiese“ und „Schlüsselanger“ wird dahingehend geändert, dass Gastspiele von Zirkussen, welche Wildtiere mitführen und/oder zur Schau stellen, aus Gründen des Tierschutzes, künftig nicht mehr zugelassen werden.

Mitglieder des Jugendbeirats nehmen an der Stadtratssitzung teil. Sie warten fast zwei Stunden geduldig, bis ihr Thema, ganz zum Schluss, aufgerufen wird. Unter ihnen ist Jennifer Lübcke, die neben Ernst Müller, dem Ordnungsamtschef, Platz nehmen muss. Das ist der Mann, der gegen ihren Vorschlag ist. Das sind schon mal erschwerte Bedingungen.

Aber dann begründet sie den Antrag souverän. Und erntet damit nicht nur großen Respekt, sondern erreicht auch das Ziel. 14 von 21 anwesenden Stadträten stimmen zu. Das „Wildtierverbot“ ist beschlossen.

Lübcke und die anderen Mitglieder des Jugendbeirats zeigen damit allen: Nicht ärgern, nicht klagen, nicht resignieren: Von den Möglichkeiten Gebrauch machen, die die Demokratie bietet. So geht Politik. Klasse gemacht. Bitte mehr davon.

Dabei lagen sogar noch ein paar Steine auf dem Weg. Die Vorlage der Stadtverwaltung war nicht gerade durch Neutralität geprägt; dies kritisierten auch Stadträte in der Sitzung, ebenso wie zuvor der landsbergblog. Ernst Müller muss man freilich zugute halten, dass er heute das gesamte Beamtentum, das ihm sonst innewohnt, für eine halbe Stunde ad acta gelegt hat. Obwohl er nicht dafür sei, könne mit dem beantragten Beschluss durchaus leben – notfalls werde man auch eine Klage überstehen.

Bei diesem Punkt war das Klima im Sitzungssaal gegenüber den vorangegangenen Thema „Neuer Flächennutzungsplan“ übrigens komplett verändert. Die Stadträte hörten konzentriert zu, fragten sorgfältig nach und legten ihre Argumente respektvoll dar. Jeder erkannte die Bedeutung des Augenblicks. Es war ein würdiger Moment.

Jennifer Lübcke und die anderen Mitglieder des Beirats haben einem langen Tag ganz zum Schluss eine tolle Wendung gegeben. Die Stadträte jedenfalls verließen den Sitzungssaal an diesem Abend mit einem richtig guten Gefühl.

Die Versuchung „Schlagzeile“

In Zeiten des Internet hat sich der Kampf der Medien um Aufmerksamkeit verschärft. Das betrifft auch die Süddeutsche Zeitung (SZ), die in den letzten fünf Jahren 12,5 Prozent ihrer Auflage verloren hat (Q1/11 zu Q1/16, Quelle: Statista). Plakative Schlagzeilen sind da eine nahe liegende Versuchung. Davon machte die SZ auch in ihrer gestrigen Online-Ausgabe Gebrauch:

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Ausgangspunkt war die Verhandlung vor dem Oberlandesgericht München, die am Montag damit endete, dass der Senat zwar für den 28. November ein Urteil ankündigte, aber dringend einen Vergleich der beiden Parteien empfahl. Einen Bericht dazu finden Sie hier; mit einer Kommentierung lassen wir uns noch ein wenig Zeit.

Dass die Aussage „Landsberg hat sich verzockt“ nur Spekulation ist, hätte der Autor des Beitrags wissen können. Wer bei Google „Landsberg“ und „Derivate“ eingibt, stößt nahezu zwangsläufig auf den Beitrag „Ausreißer Doppelswap“ des landsbergblog vom 30. März 2016. Kurzgefasst stand dort: Ein Gutachten für die Staatsanwaltschaft Augsburg hat feststellt, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Bankhaus Hauck und Aufhäuser und der Stadt jahrelang regelkonform war, bis die Beratungstochter der Bank völlig überraschend – als Ausreißer – einen gefährlichen „Doppelswap“ vorschlug.

Bis dato hatte die Stadt normale Zinsabsicherenungen vorgenommen, die von der Politik und der kommunalen Rechtsaufsicht generell als zulässig und sogar wünschbar angesehen wurden. Derivative Finanzierungsinstrumente „gestatten es, die Unwägbarkeiten bestimmter Zinsvereinbarungen anfänglich oder nachträglich einzugrenzen oder auch umgekehrt langfristige Bindungen im wirtschaftlichen Ergebnis kurzfristig anzunähern“, heißt es in einem Erlass des Bayerischen Innenministeriums aus dem Jahr 1999.

Allerdings ergäben sich klare rechtliche Schranken aus dem Spekulationsverbot. So sei den Kommunen untersagt, als Anbieter oder Nachfrager von Instrumenten aufzutreten, die von zugrunde liegenden Kreditgeschäften losgelöst sind. Derivate seien auch keine Geldanlageform – sie dürften nicht dazu dienen, unter Inkaufnahme von spekulativen Verlustrisiken Gewinne zu erzielen.

Legt man diese beiden Maßstäbe an die Vereinbarungen zwischen der Stadt und der Bank an, stellt man fest, dass die meisten Abschlüsse unproblematisch waren; die Voraussetzungen des Bayerischen Innenministeriums wurden dabei eingehalten. Die Verträge dienten tatsächlich der Absicherung der Zinsen konkreter Kreditgeschäfte. Allerdings versäumte die Kämmerei zuweilen, Absicherungen aufzulösen, wenn sie nicht mehr notwendig waren, so dass sie sich ab diesem Zeitpunkt wie Wetten auf steigende Zinsen auswirkten und in den Bereich der spekulativen Instrumente abglitten. Das ist aber nicht der Kern der Vorwürfe.

Wirklich problematisch waren nur sehr wenige Geschäfte und die kamen erst auf die Tagesordnung, nachdem die beiden Vertragspartner bereits drei Jahre zusammengearbeitet hatten. Ein einziger Vertrag im Juni 2008 brachte das größte Unheil für die Stadt; er führte zu einem Einzelverlust von rund fünf Millionen Euro.

Betrachtet man das Zustandekommen dieses Vertrages, erkennt man dabei viele ungewöhnliche Umstände. Die Stadt argumentiert, der Doppelswap sei „überfallartig“ verkauft worden; zwischen Angebot und Annahme hätten nur zwei Tage gelegen. Außerdem habe die Bank das Geschäft bewusst kompliziert konstruiert. Die Mitarbeiter der Bank hätten wohl verschleiern wollten, dass hier der doppelte Abschluss ein und desselben Geschäfts angestrebt werde, was das Risiko extrem erhöhe.

Informierte Kreise berichten, dass das Gutachten für die Staatsanwaltschaft Augsburg die Einschätzung des spekulativen, aber auch des singulären Charakters dieses Konstrukts bestätigt. Es sei „vollkommen aus dem Rahmen gefallen“, heißt es.

Dass die Bank bei diesem Doppelswap-Deal so aufs Tempo drückte, hat sie offenbar damit begründet, dass sie ein korrespondierendes Gegengeschäft mit einem anderen Geschäftspartner abgeschlossen hat, der Nutznießer der städtischen Verluste war. Ob die Kämmerei in diesen zwei Tagen einfach unaufmerksam war oder tatsächlich, wie die Bank unterstellt, nach dreijährigem „normalen“ Einsatz von Derivaten plötzlich auf „Hochrisiko“ umgeschaltet hat, ist ungeklärt.

Genau das wird gerade von der Staatsanwaltschaft geprüft. Sie ermittelt mit anderen Worten, ob sich der Kämmerer bei diesem Ausreißer Doppelswap „verzockt“ hat oder ob er nicht gewusst hat, was er in diesem konkreten Fall tat. Darauf kann auch die Süddeutsche Zeitung keine hellseherische Antwort haben. Deswegen ist die Überschrift reißerisch, vorverurteilend und fahrlässig. Man könnte auch sagen: Schlechter, boulevardesquer Journalismus. Auflagensteigernd ist das sicher nicht.

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Breitband (fast) überall

Es wird zwar wie ein großes Geheimnis behandelt. Aber es sieht so aus, als würde Landsberg in Sachen „Breitband-Internet“ einen Sprung nach vorne machen. Im Rahmen einer offiziellen „Markterkundung“ hat die Deutsche Telekom angekündigt, in der Kernstadt einen „eigenwirtschaftlichen Ausbau“ durchzuführen. Das würde bedeuten, dass dort, wo bisher sechs bis 16 Megabit pro Sekunde über die Kupferdoppelader ankommen, künftig mindestens 30 Megabit angeboten werden. Und zwar nach Angaben von Mitgliedern des Stadtrats, die (anders als wir) die Unterlagen einsehen durften, auch im Gewerbegebiet Lechwiesen, wo schnelles Internet sehnlichst erwartet wird. Das ist für heute Abend erst einmal eine gute Nachricht. Freilich bedarf das nun der Manifestierung. Darüber hat der Stadtrat in nichtöffentlicher Sitzung beraten; das Ergebnis ist uns zur Stunde nicht bekant.

Bei allen Maßnahmen zum Thema Breitband gibt es allerdings „Einödlagen“, die auf der Strecke bleiben. Meist sind dabei „Deckungslücken“ im Millionenbereich zu verzeichnen. Zwar würde die Stadt Landsberg 60 Prozent dieser Kosten erstattet bekommen. Allerdings müsste sie für wenige Haushalte tief in die Tasche greifen. Das hat der Stadtrat in nichtöffentlicher Sitzung heute Abend mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit abgelehnt. Wer durchs Rost gefallen ist, dem sei eine Suche nach Internet über Satellit empfohlen. Das funktioniert tatsächlich gar nicht schlecht, wenn man nicht gerade online spielen und den gegnerischen Panzer als erster treffen will.

Für alle anderen gilt: Wer keinen Kabelanschluss hat und auf die Telekom angewiesen ist, darf Hoffnung schöpfen. Der Fortschritt zieht auch in Landsberg ein.

Heit zahl i

Das Bayerische Fernsehen war heute Abend in Landsberg und hat aus der Eissporthalle live eine Folge von „Jetzt red i“ ausgestrahlt. Gäste waren Theo Waigel (CSU), Roland Tichy (früher: WirtschaftsWoche) und – zugeschaltet über Satellit – Alexander Graf Lambsdorff (FDP), der stellvertretende Präsident des Europäischen Parlaments.

jetztredi

Dass uns die Sendung bei den angerissenen Themen Milchquote, europaweite Ausschreibungen, Asylpolitik, Bankenkrise, EU-Kulturzuschüsse oder Engagement für die politische Notwendigkeit der Staatengemeinschaft weitergebracht hat, darf bezweifelt werden. 45 Minuten sind schnell vorbei, einige Fragen wirkten einstudiert und wurden aufgerufen, Nachfragen und Gegenargumente waren bis auf eine Ausnahme nicht möglich und so richtig umfassend antworten konnte niemand: Das Medium fordert seinen Tribut.

Vielen Zuschauern – übermäßigen Andrang gab es übrigens nicht – mag es Spaß gemacht haben, einmal an einer Live-Sendung des Fernsehens teilzunehmen. Diese Erfahrung wollen wir nicht trüben. Dennoch waren wir, obwohl in Sachen Fernsehen nicht ganz unerfahren, einigermaßen entsetzt darüber, was für einen Aufwand der Bayerische Rundfunk für eine Dreiviertelstunden-Sendung mit einstelliger Einschaltquote betreibt. Allein mit dem Aufbau des Rondells in der Eishalle müssen ziemlich viele Bühnenbauer beschäftigt gewesen sein. Rund um diese Arena waren Dutzende – wirklich Dutzende – von Mitarbeitern im Einsatz. Draußen vor der Halle standen zwei riesige Übertragungswagen, ein SNG (Satellite News Gathering-Fahrzeug), mehrere LKW und Kombis, die Tonnen von Equipment nach Landsberg gebracht haben müssen. Mehrere Kameras, Licht, Ton, Maske, Assistenz, Aufnahmeleitung – wir haben Berufe wiederentdeckt, die wir im Fernsehen seit 1980 ausgestorben glaubten.

Redi2

Rund neun Euro Rundfunkbeitrag erhält der Bayerische Rundfunk pro Monat von jedem bayerischen Fernsehhaushalt. Das summiert sich auf eine Milliarde Euro pro Jahr. Wenn der BR für solche Sendungen mit begrenztem Nutzen und programmierter Oberflächlichkeit derartig viel Aufwand betreibt, wundert es uns nicht, wenn die Anstalten behaupten, das Geld reiche nicht. Uns jedenfalls fiel während „Jetzt red i“ immer wieder „heit zahl i“ ein. Dieser begrenzte Fernsehgenuss hat richtig Geld gekostet.

Und noch etwas zum Schluss, aber das ist jetzt wirklich so was von kleinlich: Angesichts des enormen redaktionellen Aufwands, den der BR im Vorfeld betrieben hatte, hätte man doch eigentlich feststellen können, dass Landsberg nicht 20.000 Einwohner hat. Aber: Ist das nicht deutlich zu viel verlangt?

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Jetzt red i aus Landsberg

Tilmann Schöberl und Franziska Storz diskutieren mit Ihnen in der Sendung Jetzt red i am Mittwoch, dem 13. Juli, in der Eissporthalle am Hungerbachweg über das Thema: Frust in Europa: Was muss sich ändern? Gast ist unter anderem der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU). 

Der Brexit hat dramatische Folgen – nicht nur für die Wirtschaft. Die Unzufriedenheit mit den Politikern in Brüssel wird in den einzelnen EU-Staaten immer lauter. Klar ist: So kann es nicht weitergehen, schreibt der Bayerische Rundfunk dazu in einer Pressemitteilung. Die Liste der EU-Frustrierten sei lang. Abstruse Verordnungen wie Glühbirnenverbot oder Ölfläschchenparagraph – die EU mische sich in beinahe sämtliche Alltagsbelange ein. Ob Handwerksbetriebe oder Gemeinden, beim Beantragen von Fördergeldern kämpften viele mit dem Bürokratiemonster. Bei wichtigen politischen Themen wie der Flüchtlingsfrage oder der Agrarpolitik versage die EU hingegen. Nach einer aktuellen Emnid-Umfrage sprächen sich 62 Prozent der Deutschen dafür aus, dass die EU Zuständigkeiten an die Mitgliedsstaaten zurückgeben solle. Das werde auch in anderen Ländern so gesehen. „Das Vertrauen in Brüssel und Straßburg ist tief erschüttert.“

Der Euro-Vater Theo Waigel (CSU) habe dazu kürzlich gesagt: „Bei diesen unaufhörlichen Konferenzen in Brüssel haben die Menschen den Eindruck, dass das Kerosin-Vernichtungsveranstaltungen sind. Da muss man auch mal etwas delegieren statt einen Sondergipfel nach dem anderen einzuberufen, bei denen dann nichts rauskommt. Das hat zur Missstimmung gegenüber Europa geführt.“

Was erwarten die Bürger von einer funktionierenden EU? Hat der Geist von Europa noch eine Chance? Oder siegt Egoismus über Wertegemeinschaft? Was müssen unsere Abgeordneten aus dem Brexit lernen? Denn eines ist klar: Weitermachen wie bisher geht jedenfalls nicht, meint der BR.

Einlass: 19.15 Uhr, Sendungsbeginn: 20.15 Uhr. Kostenlose Karten reservieren Sie via E-Mail an jetztredi@br.de oder unter 089/5900-25299 (Montag – Freitag von 9:00 bis 17:00). Sie können sich auch online an der Diskussion beteiligen. Sagen Sie dem BR Ihre Meinung unter www.facebook.com/BR24 oder schreiben Sie eine Mail an jetztredi@br.de.