Franz Xaver Rößle (70)

Der ehemalige langjährige Oberbürgermeister und jetzige Altoberbürgermeister Franz Xaver Rößle ist 70 Jahre alt geworden. Ehrensache, dass der landsbergblog da gratuliert, heute hier und morgen auch persönlich, bei einem eher kleinen aber feinen Empfang im Historischen Rathaus.

In seinen zwölf Jahren an der Spitze der Stadt stand Rößle für den Umbau Landsbergs in Richtung Industrie und Arbeitsplätze, für die Konversion von Kasernen zu Wohngebieten, für die Bewahrung und Erweiterung der Kultur, für die Ausweitung der Städtepartnerschaften und für eine mutige geschichtliche Erinnerungsarbeit. Durch ihn initiiert wurde Landsberg von der kaum beachteten Kleinstadt im Dornröschenschlaf zu einer der dynamischsten Großen Kreisstädte in ganz Bayern.

Im Rahmen der „Spaziergänge“ des KREISBOTEN bestand vor Kurzem Gelegenheit, mit Rößle einige Stunden Zeit zu verbringen. Den Text, der daraus entstanden ist, drucken wir mit freundlicher Genehmigung des KREISBOTEN im Folgenden noch einmal ab.

Herzlichen Glückwunsch, Franz Xaver Rößle!

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Augenhöhe war mein Ziel

KREISBOTEN-Serie: Spaziergang mit … –
Heute: Altoberbürgermeister Franz Xaver Rößle

Als wir telefonierten, lag die Frage auf der Hand: Können wir uns in Ihrem ehemaligen Amtszimmer im Schmalzturm treffen? Dort wo Sie von 1988 bis 2000 die Geschicke der Stadt gelenkt haben? So ein Eintauchen in die Vergangenheit würde Erinnerungen an seine Zeit als OB wecken, spekulierte ich. Nirgendwo sonst würde man so viel aus Franz Xaver Rößle herauslocken können wie dort. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Balken gemacht.

Tatsächlich kommt Rößle, der kürzlich den Titel „Altoberbürgermeister“ erhielt, sofort ins Erzählen, als wir sein ehemaliges Büro betreten. Nur nicht über sich. Mit einem raschen „Dann schauen wir mal“ lenkt er meinen Blick auf die Deckenbalken im Amtszimmer, wo die Namen vieler ehemaliger Bürgermeister und Oberbürgermeister der Stadt eingraviert sind. Rößle, der Jurist mit Hingabe zu Geschichte und Kultur, kann über jeden etwas referieren, über einige hat er selbst geforscht und publiziert.

Rößle spricht über Dr. Ottmar Baur, der nach mehrjährigem Planungsprozess 1931 den Bau der Neuen Bergstraße initiierte. Soghar in Schülerarbeiten werde zuweilen behauptet, die Ablösung der Alten Bergstraße sei von Adolf Hitler angeordnet worden, nachdem er dort im Stau gestanden habe; das sei reiner Unsinn. Die – im Stadtrat nicht vertretene – NSDAP sei vielmehr gegen die Maßnahme gewesen. Dr. Karl Linn, Hans Pfannenstiel, Hermann Überreiter, Ludwig Thoma, Dr. Rudolf Engelshuber und natürlich Hanns Hamberger sind die nächsten Themen. Über alle gibt es Berichtenswertes. Ich schöpfe Hoffnung: Nach Hamberger kommt in der Zeittafel Franz Xaver Rößle. Wir nähern uns dem Spaziergangszweck.

Buch und Masken

Dennoch sind die Balken ein guter Einstieg. Neben den Namen gibt es dort auch Symbole. Bei Rößle sind es das unter seiner Federführung entstandene Stadtlogo (das L, an dessen Fuß der Lech fließt) sowie ein geöffnetes Buch und drei Theatermasken. „Das steht für Kunst“, sage ich, „ja, aber auch für etwas Anderes“, antwortet Rößle und hofft, dass ich es errate. Nach kurzer Pause – ich errate es nicht – erklärt Rößle, das offene Buch stehe dafür, dass ihm jeder in die Bücher schauen konnte. Und die Masken, die stünden für Intrigen, die man als Oberbürgermeister so zu ertragen hat.

Das waren kurze Wege damals, stelle ich fest: Die Stadtverwaltung war nebenan, wo heute die Sparkasse ihren Sitz hat, das Historische Rathaus gegenüber. Das hatte Rößle von seinem Amtszimmer aus immer im Blick, ebenso wie den Hauptplatz. Der bereitete ihm freilich auch Kopfschmerzen: Sein erster Versuch, ihn umzubauen, scheiterte an einem Bürgerbegehren, das er gegen eine Dreiviertelmehrheit der Abstimmenden verlor – „ein Wermutstropfen“.

Dennoch klagte Rößle nicht; er gehörte selbst zur agilen Bürgerschaft. Gegen „Eli Lilly“, das geplante Chemiewerk im Industriegebiet, sammelte er in den 70er Jahren Unterschriften wegen der drohenden Industrie-Monokultur und des Flächenfraßes. In den 80ern war er Teil der Bewegung gegen die Nutzung des Lechwehrs als Wasserkraftwerk.

Ebenso wie Rainer Kuchinke (CSU), mit dem Rößle, wie es heißt, kongenial zusammenarbeitete. Kuchinke war es auch, der gemeinsam mit Norbert Kreuzer beim Geburtstag von Franz-Josef Strauß mit Finanzminister Max Streibl sprach und ihm das Zugeständnis abrang, es solle das Kraftwerk nicht gegen den Willen der Landsberger geben. Nachdem der Rechtsweg erschöpft war, hat Streibl, dann Ministerpräsident, als oberster Dienstherr der Bayerischen Wasserkraftwerke (BAWAG) Wort gehalten. Rößle wurde daraufhin zu Innenminister Gerold Tandler zitiert, der ihm die Entscheidung mitteilte, nicht ohne hinzuzufügen, er halte sie für falsch.

70 Prozent Wald

Die Landsberger Bürger wussten genau, was sie wollten, sagt Rößle und zählt Bürgerbegehren und -initiativen am Fließband auf. Schon vor seiner Zeit gab es die „Schutzgemeinschaft Landsberger Wälder“ gegen den geplanten Standortschießplatz im Oberen Stadtwald. Es gab das Bürgerbegehren für einen Kreisel an der Schwaighofkreuzung. Und es gab natürlich den Bürgerentscheid über die Nutzung des Frauenwalds für das Sägewerk Klausner, heute Ilim Timber. Bei der musste Rößle kämpfen; Tage vor der Abstimmung zeigte eine Umfrage, dass Stadtrat und Verwaltung verlieren würden. Erst mit einer eilig beschlossenen Plakataktion mit dem Versprechen „30 Prozent Gewerbe, 70 Prozent Wald“ kam das Vorhaben durch. Von dieser Formel ist man inzwischen weit weg; das Verhältnis hat sich fast umgekehrt.

„Auch der AKE-Kindergarten ist 1972 von engagierten Bürgern gegründet worden; das ist eine tolle Geschichte“, ergänzt Rößle. Ich muss aufpassen, nicht die Epochen zu verwechseln, sage ich. Sonst ordne ich Ihrer Amtszeit Themen zu, die zu anderer Zeit stattfanden. Rößle lacht und zeigt mir auf, wie schwierig die Abgrenzung ist. Das könne man gut an der B17 illustrieren. Als das Planfeststellungsverfahren 1988 begann und eine Trasse geplant war, die sehr nah an der Stadt war, habe es einen „berechtigten Bürgeraufstand“ gegeben. Stadtbaumeister Griesinger, Forstamtschef Dr. Gaudlitz und er hätten dann neue Schneisen gesucht und auch gefunden.

Dann aber kam das nächste Problem: Die Stadt hatte zum Schutz der westlichen Wohngebiete die Tieferlegung der Umgehung beschlossen und beantragt. 1999 erklärte das Bundesverkehrsministerium, auf dieser Basis nicht weiterarbeiten zu dürfen; die Immissionswerte reichten nicht aus. Rößle habe dann das Signal gegeben, die Planung ebenerdig fortzusetzen; die Forderung der Tieferlegung bleibe aber vorbehalten. Besser eine falsche Umgehungsplanung als gar keine Umgehungsplanung. Den Stadtrat habe er dabei nicht einbezogen; „er hätte das öffentlich so nicht beschließen können“. Rößle halte dieses Vorgehen nach wie vor für richtig. Sein Nachfolger habe die Tieferlegung auf der Grundlage der vorgenommenen Planung dann umsetzen können.

Die Stadt habe damals übrigens auch den großen Kreisel erfunden. Geplant war ein „vielblättriges Kleeblatt“ mit einer zusätzlichen Ausfahrt zum Krankenhaus, ein Konglomerat von Straßen, lauter Beton. „Ja muss das denn sein?“, habe Rößle den Stadtbaumeister gefragt. Letztlich sei mit Hilfe des städtischen Verkehrsgutachters Landbrecht die heutige Lösung entstanden.

19 Jahre von Planung bis Freigabe

„Es gibt offenbar wahrsinnig viele Dinge, die man in einer zweimal sechsjährigen Amtszeit nur auf den Weg bringt, aber nicht vollenden kann“, werfe ich ein. Tatsächlich seien in Sachen B17 vom Beschluss zur Planaufstellung 1988 bis zur Freigabe 2007 insgesamt 19 Jahre vergangen, sagt Rößle. Und mancher erinnere sich gar nicht mehr daran, wer eigentlich die Planungsarbeit gemacht habe. Als die B17 neu eröffnet wurde, habe man ihn noch nicht einmal als Teilnehmer begrüßt; „die Meisten hatten die Entstehungsgeschichte längst vergessen“.

Stadttheater, Neues Stadtmuseum, Herkomermuseum, Rathaussanierung, Stadtbücherei, VHS-Umzug, Jugendzentrum, Stadtbusse, Wasserentsorgung, Städtepartnerschaften, Fußgängerzone Ludwigstraße, Schloßberggarage, Übergabe des Krankenhauses an den Landkreis, Erwerb der Kasernengelände, Gewerbegebiet nördlich der A96, Anrufsammeltaxi, Todesmarsch-Denkmal, wir könnten noch über viele Maßnahmen sprechen, die Rößle initiiert und gemeinsam mit dem Stadtrat erreicht hat.

Warum sind Sie trotz all dieser Erfolge im Jahr 2000 nicht wiedergewählt worden? will ich wissen. „Diese Frage habe ich erwartet“, sagt Rößle. Das habe viele Gründe gehabt. Es sei damals die Zeit gewesen, als lange Amtszeiten öffentlich in Frage gestellt wurden. Daher kam dann auch der Slogan der SPD „Zwölf Jahre sind genug, 18 wären zu viel“. Aber es habe natürlich auch inhaltliche Gründe gegeben. „Der Hauptplatz hat mir sicher nicht genutzt. Mir hat auch nicht genutzt, dass ich mich so sehr um die Erinnerungsarbeit gekümmert habe. Und dass ich ein neues Verwaltungsgebäude bauen wollte.“ Das Poesiefestival mit dem Poesieautomaten von Hanns Magnus Enzensberger falle auch in diese Gruppe.

Außerdem: „Die Stadt war verschuldet, denn wir mussten dem Bund die frei werdenden Kasernen abkaufen.“ Rößle habe ehrlich gesagt: Die nächsten sechs Jahre müssen wir Ausgaben reduzieren. „Wissen Sie“, sagt Rößle, „wenn so viele Dinge zusammenkommen und zwei große Parteien, die CSU und die SPD, einen Kandidaten gemeinsam unterstützen, nämlich Ingo Lehmann, dann sind Sie als Unabhängiger immer in der Defensive.“

So ganz hat Rößle seinen Frieden damit noch nicht gemacht: Lehmann habe gegen das Fachmarktzentrum argumentiert und es dann gebaut, sagt er. Ähnlich verhalte es sich mit dem Verwaltungsgebäude. Nach der Verkündung des Ergebnisses der Stichwahl war sein Zorn jedenfalls spürbar: „Dieses Ergebnis entspricht nicht meinen Leistungen“, sagte er in die Kameras.

Nachverdichtung zum Siedlungsbrei

„Das hat Sie getroffen, aber nicht umgebracht“, sage ich. „Nein“, sagt Rößle, „die Entscheidung der Landsberger war für mich persönlich nicht falsch“. Die folgenden Jahre als Anwalt seien für ihn nochmal ein Stück beruflicher Erfüllung gewesen.

Wie sehen Sie Landsberg heute? „Es ist eine tolle Stadt. Aber wir müssen aufpassen, dass wir sie nicht durch blinde Nachverdichtung zum Siedlungsbrei machen.“ Rößle erinnert an den Vortrag von Dr. Busse, der im Stadtrat gegen die Aufhebung von Bebauungsplänen und Baugenehmigungen nach dem „Einpassungsgebot“ des Baugesetzbuchs plädiert hatte („Lassen Sie doch den Leuten ihr kleines Glück“). „Als ich das las, habe ich Hoffnung geschöpft: Vielleicht ist jetzt die größte Gefahr vorbei.“

Damit meinen Sie nicht die Pflugfabrik? frage ich vorsichtshalber. Rößle verneint. Er habe ja den ersten Wettbewerb zur Neugestaltung des Areals selbst initiiert, berichtet er. Aber die Gebrüder Pöttinger hätten damals noch nicht verkaufen wollen, weil sie keinen Pfeiler aus ihrer Unternehmensstruktur herausnehmen wollten – „sie brauchten einfach Zeit“.

Der Titel „Altoberbürgermeister“ – freut der Sie nun oder erinnert er sie eher daran, dass sie älter geworden sind? frage ich. „Ach, das Wort alt hat viele Bedeutungen. Mein alter Freund zum Beispiel. Nein, es ist ein im Kommunalrecht enthaltener Ehrentitel. Ich bin jetzt 17 Jahre aus dem Amt. Nach so einer Zeit sieht man, losgelöst von Wahlkämpfen und dem politischen Wettbewerb, ob jemand etwas geschafft, etwas bewegt hat oder nicht. Meine Zeit war die Zeit der Weichenstellung. Mein Vater war immer der Meinung: Landsberg ist zurückgeblieben. Das konnte man in der Tat mit den Händen greifen. Hanns Hamberger hat die Stadt schon aus dem Dornröschenschlaf erweckt; das war ein richtiger erster Schub. Aber im Jahr 2000, am Ende meiner Amtszeit, hatten wir Augenhöhe mit den anderen großen Kreisstädten. Und das war mein Ziel.“

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Das Gespräch führte Werner Lauff

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Screenshot von www.ampapierbach-landsberg.de

Wer am Fortschritt des Abbruchs der Pflugfabrik Interesse hat kann auf der Website von ehret + klein einzelne Aufnahmen (in HD-Qualität), Archivbilder und Zeitraffer-Filme aufrufen. Der nordwestliche Teil der Gebäude ist bereits abgebrochen. Ab Montag wird die von-Kühlmann-Straße für drei Monate einseitig gesperrt; der Verkehr wird über eine Ampelanlage geregelt. Danach dürfte der Blick vom Aussichtsturm nördlich des Herkomer-Areals die umfassendste Möglichkeit darstellen, das Areal zu überblicken.

Unbeplant gleich Stadtverwaltung?

Von 1546 ist die Bauinschrift am Bachwirt. Das Gebäude wurde in diesem Jahr als Wohnhaus für den Salzstadelmeister errichtet. Die Größe des Hauses gibt eine Vorstellung von der Bedeutung dieses Amtes und des Salzstadels für die Stadt im 16. Jahrhundert.

Das schrieb der damalige Stadtheimatpfleger Anton Lichtenstern in der 109. Ausgabe der Landsberger Geschichtsblätter. Nachgeschlagen haben das die Stadträte Reinhard Skobrinsky (BAL) und Hans-Jürgen Schulmeister (Landsberger Mitte). Aus gegebenem Anlass: Das Gebäude am Infanterieplatz wird derzeit umgebaut und modernisiert.

Wenn in der Altstadt ein Gebäude verändert wird, ist ein Blick in die „Satzung über besondere Anforderungen an bauliche Anlagen im Altstadtgebiet von Landsberg“ hilfreich. Zum Beispiel wenn Bauherren über Solardächer, Mobilfunkantennen und Dachgauben nachdenken. Im vorliegenden Fall erreichten uns zunächst kritische Fragen der beiden Stadträte und anderer Bürger zu den Dachgauben. Das Gebäude hatte jahrhundertelang keine Gauben; nun entstehen beidseitig gleich zwölf Stück. Geht das denn? Und sind Gauben mit dem Denkmalschutz vereinbar? Immerhin ist das Bachwirt-Gebäude nicht nur Teil des Ensembles Altstadt, sondern auch ein Einzeldenkmal.

Wir erinnerten uns an einen KREISBOTEN-Spaziergang mit Kreisheimatpflegerin Heide Weishaar-Kiem. Denkmalschutz bedeute nicht, „die Käseglocke darüber zu tun“ und die Nutzung oder Weiterentwicklung von Gebäuden zu verhindern, hatte sie erklärt. Wenn einer ein Bauernhaus kaufe, das unter Denkmalschutz stehe, müsse er nicht wieder Kühe in den Stall stellen.

Tatsächlich erlaubt auch die Altstadtsatzung, Einzelgauben (nicht „einzelne Gauben“) in Dächern von mehr als 40 Grad Neigung zu errichten, wenn sie sich in Form, Farbe und Größe dem Ortsbild einordnen. Von den Giebelrändern ist ein Abstand von 1,50 Metern einzuhalten. Diese Voraussetzungen sind im Fall „Bachwirt“ erfüllt, zumal die Gauben über die Dachfläche verteilt sind, nicht aneinander anschließen und die untere Gaubenreihe größer als die obere ist – auf diese Anforderungen legt das Landesamt für Denkmalpflege besonderes Gewicht.

Skobrinsky und Schulmeister haben mit ihren Recherchen aber auch zwei weitere Themen auf die Tagesordnung gebracht, die in der Tat problematisch sind. Vom Infanterieplatz aus sind drei im Licht glänzende Kamine in beträchtlicher Länge zu sehen, die über den Dachfirst hinausragen; dafür fehlen zwei kürzere Kamine auf der anderen Dachseite – jedenfalls im Vergleich zu einer Planskizze, die dem landsbergblog vorliegt. Nach Informationen aus der Stadtverwaltung sind die Kamine so nicht beantragt und auch nicht genehmigt worden. Darüber wird in der jetzt beginnenden Woche zu reden sein.

Das zweite Thema ist die grundsätzliche Frage der Zuständigkeit. Immer dann, wenn es um die Einpassung eines Vorhabens in einen unbeplanten Innenbereich geht, entscheidet die Stadtverwaltung ohne die Stadträte; der Bau-, Planungs- und Umweltausschuss wird mit der Sache nicht befasst. Auch die Frage, ob die Altstadtsatzung erfüllt ist oder nicht, wird von der Verwaltung beantwortet; lediglich bewusste Abweichungen müssen vorgelegt werden. Ist die Verwaltung einmal tätig geworden, lässt sich nichts mehr ändern, weil Bauherren sich (zurecht) auf die Bestandskraft von Verwaltungsakten verlassen.

Es sieht so aus, dass der Stadtrat durch eine Änderung seiner Geschäftsordnung einige Entscheidungen an sich heranziehen und sie dem Bauausschuss überantworten wird. Dieser Plan existiert bereits seit dem unglückseligen Projekt „Hopfengarten“ – dort hatte die Verwaltung die Einpassung bejaht, der Bauausschuss, ein externer Sachverständiger und das Verwaltungsgericht München kamen aber zum gegenteiligen Ergebnis (ohne lange diskutieren zu müssen). Der „Bachwirt“-Fall könnte nun den letzten Anstoß geben, die Änderung auch tatsächlich vorzunehmen. Ein Fortschritt.

Gegen das Vergessen

Ein Kommentar von Werner Lauff

Die Arbeit der „Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung“ aus Landsberg ist heute Abend im festlichen Rahmen in Schloß Schleissheim mit dem Bayerischen Denkmalpflegepreis in Gold geehrt worden.

Offiziell geht es bei dieser Ehrung um denkmalpflegerische Maßnahmen in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Im April 2014 konnten die Arbeiten zur Konservierung der Tonröhrenbauten am sogenannten Außenlager „Kaufering VII“ beginnen, das auf Landsberger Boden steht. Die private Stiftung unter ehrenamtlicher Leitung von Manfred Deiler hatte darauf lange hingewirkt. Inzwischen ist der Erhalt der Bauten sichergestellt.

Im Grunde sprechen die Ingenieurekammer-Bau und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege der Stiftung aber Dank und Anerkennung für ein jahrzehntelanges Engagement gegen das Vergessen aus, das die Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert initiiert hat.

Inzwischen sind weitere Schritte eingeleitet. Die einzelnen Stätten des Grauens rund um Kaufering werden in Beziehung gesetzt. Demnächst wird auch darüber beraten, wo und wie die Befassung mit dem Geschehenen institutionalisiert werden kann.

Die Stiftung, in der auch Erich Püttner und Franz-Xaver Rößle mitwirken, ist heute Abend zurecht in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Es ist zu hoffen, dass es so bleibt.

Landsberger Stiftung erhält Denkmalpflegepreis in Gold

Die „Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung e.V.“ aus Landsberg unter Leitung von Manfred Deiler hat am heutigen Abend im Neuen Schloss Schleißheim den Bayerischen Denkmalpflegepreis 2016 in Gold erhalten. Den Preis vergibt die Bayerische Ingenieurekammer-Bau alle zwei Jahre gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Ausgezeichnet wird die von der Stiftung initiierte Konservierung der Tonröhrengewölbebauten auf dem ehemaligen Konzentrationslager Kaufering VII.

Das südwestlich von Landsberg gelegene, etwa 20.000 Quadratmeter große KZ-Lager Kaufering VII wurde im Sommer 1944 von der Organisation Todt als Teil eines Außenlager-Komplexes des KZ Dachau errichtet. Es bestand aus 55 Erdhütten, sechs Tonröhrenunterkünften und acht Holzbaracken.

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Das Material für die Tonrörenbauten hatte die Organisation Todt in Südfrankreich beschafft, wo die „Fusée Ceramique“ genannten Tonröhren auf Basis eines Patents des französischen Architekten Jacques Couëlle hergestellt wurden. Die sechs Meter breiten und 13 Meter langen Tonröhrenbauwerke sind etwa 75 cm in den Boden eingetieft. Über einem Sockel von etwa einem Meter Höhe erhebt sich das tonnenförmige Gewölbe mit 5,30 Metern Spannweite. Es besteht aus zwei Lagen ineinander gesteckter, unvermörtelter Tonröhren.

1978 und 1979 sollten auf Veranlassung des Landratsamtes und der Stadt Landsberg die Tonröhrenbauwerke von der Bundeswehr bzw. dem Technischen Hilfswerk „gesprengt und abgeräumt werden“, was jedoch nicht erfolgte. 1986 wurde durch bürgerliches Engagement – zu erinnern ist hier vor allem an den vor einem Jahr verstorbenen Landsberger Gymnasiallehrer Anton Posset – und eine Spende von Alexander Moksel der westliche Teil des Geländes des ehemaligen KZ-Lagers Kaufering VII erworben. Das noch bestehende Teileigentum der Bundesrepublik Deutschland an den Tonröhrenbauwerken wurde zum 1.1.2012 an die Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung e.V. übertragen, die Manfred Deiler zusammen mit weiteren Mitarbeitern leitet.

2011 wurde eine Machbarkeitsstudie zur Bestandssicherung der drei noch erhaltenen Tonröhrenbauwerke durchgeführt. Das positive Ergebnis dieser Studie bildete die Grundlage für die ab Frühjahr 2014 durchgeführten Sicherungs-, Restaurierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen an den Tonröhrenbauwerken 2, 3 und 4. Begleitend erfolgte eine Ruinensicherung der Tonröhrenbauwerke 1, 5 und 6. Die Baukosten betrugen 700.000 Euro.

Landsberg unter der Lupe

In der fünfteiligen KREISBOTEN-Serie „Landsberg unter der Lupe“ hat Werner Lauff in den vergangenen Wochen analysiert, welche aktuellen Herausforderungen der Stadtrat und die Stadtverwaltung in Landsberg bewältigt haben und welche noch zu lösen sind. Im Fokus standen dabei die Stadt- und Regionalplanung (Folge 1 in der Internet-Fassung des KREISBOTEN), Wirtschaft und Finanzen (Folge 2), die Infrastruktur (Folge 3), Soziales (Folge 4) sowie Altstadt, Tourismus und Kultur (Folge 5). Der letzte Beitrag erscheint in der morgigen Printausgabe. Wenn Sie etwas davon verpasst haben: Hier finden Sie alle fünf Folgen am Stück.


Stadt- und Regionalplanung


Da mag man Wachstum mögen oder nicht – es ist in Landsberg unvermeidlich. Viele Unternehmen in der Lechstadt und dem Landkreis haben Erfolg und expandieren. Und mit der Konversion des Fliegerhorstes Penzing ergibt sich die Chance für ein neues wirtschaftliches Aktionsfeld, das viele weitere Arbeitsplätze schafft. Folglich muss in Landsberg immer mehr Wohnraum entstehen. Doch damit nicht genug: Ist dieser Wohnraum auf der Skala von „einfach“ bis „Luxus“ aufgefächert genug, ist er auch für Münchener attraktiv, die sich die Landeshauptstadt nicht mehr leisten wollen. Damit schaukelt sich Landsberg einwohnermäßig in den nächsten Jahren hoch. Eine Herausforderung, auf die die Politik jetzt reagiert.

Im Juni 2013 war es noch ein Schock: Landsberg rutschte aufgrund des „Zensus 2011“ kurzzeitig unter 27.000 Einwohner. Die Broschüren, in denen von 28.000 Einwohnern die Rede war, mussten wieder in die Setzerei. Das ist längst Schnee von gestern: Seit einigen Tagen hat die Große Kreisstadt die Marke von 29.000 Einwohnern überschritten. Das ist ein Plus von über 2.000 Einwohnern in fünf Jahren. Rechnet man das hoch, werden 2026 mindestens 33.000 Menschen in der Lechstadt beheimatet sein.

Diese Entwicklung zeichnete sich bereits ab, als der derzeitige Stadtrat im Jahr 2014 in sein Amt kam. Wohnungsbau war da eine vordringliche Angelegenheit. Stark steigende Immobilienpreise verdeutlichten den Mangel ebenso wie lange Wartelisten auf Sozialwohnungen. Hinzu kam, dass der Markt für Kaufimmobilien aufgrund der Finanzkrise kaum noch existent war. Der einzige Ausweg schien die Verdichtung zu sein, das Hineinpressen von Wohnraum in vorhandene planerische Strukturen. Allerdings können sich weder der Stadtrat noch die Verwaltung damit wirklich anfreunden. Zuletzt lehnte der Bau-, Planungs- und Umweltausschuss des Gremiums das „übermäßige“ Füllen einer Baulücke am Hopfengarten einstimmig ab. Das war mehr als eine Einzelfallentscheidung; es war ein Signal.

Inzwischen hat der Stadtrat – teils öffentlich durch Aufstellungsbeschlüsse für Bebauungspläne, teils nichtöffentlich durch vorbereitende Maßnahmen wie Grundstückskäufe – neun neue Wohnquartiere konzipiert, die insgesamt bis zu 5.000 zusätzliche Wohnungen schaffen. Grundlage dafür sind die spezifisch für Landsberg erstellten Prognosen des Nürnberger Büros für Stadtentwicklung „Planwerk“. Dessen neueste Studien liegen gerade auf dem Schreibtisch von Oberbürgermeister Mathias Neuner; sie sollen nach der Sommerpause dem Stadtrat vorgestellt werden. Die Gutachten umfassen zum einen Berechnungen über die Schülerzahlen in den Grund- und Mittelschulen, enthalten in einem zweiten Papier aber auch Angaben zum Wohnbedarf. Wie viele Wohnungen werden benötigt? Welchen Zuschnitt sollten sie haben? Welcher Flächenbedarf besteht jetzt und in Zukunft pro Person?

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Stadtrat und Verwaltung orientieren sich an solchen Prognosen, weil sie weder zu wenig noch zu viel Wohnraum schaffen wollen. Beides hätte negative Auswirkungen. Zu wenig Wohnraum führt zu hohen Preisen. Zu viel Wohnraum führt zum Preisverfall und dann zum Ausbluten weniger attraktiver Gebiete innerhalb der Stadt.

Von den neuen Projekten ist das inzwischen auch überregional Aufmerksamkeit erregende „Urbane Leben am Papierbach“ auf dem Gelände der ehemaligen Pflugfabrik am weitesten fortgeschritten. Es ist für die Stadt in dreifacher Hinsicht ein Glücksfall. Zum einen ist es Pflugfabrik-Besitzer Heinz Pöttinger gelungen, einen Projektentwickler zu finden, der nicht einfach kommt, baut, verkauft und wieder geht, sondern nachhaltig plant und in Landsberg bleibt. Im Grunde ist ehret + klein aus Starnberg keine Immobilienfirma, sondern ein Unternehmen zur Verwaltung großer Vermögen. Zwar werden Michael Ehret und Stefan Klein viele Grundstücke und Gebäude weiterveräußern; sie behalten aber auch Teile und sind damit dauerhaft auf dem Areal präsent.

Der zweite Glücksfall besteht darin, dass ehret + klein die Zeichen der Zeit erkannt hat. Dazu gehört es, nicht erneut Wohngebiete ohne Einkaufsmöglichkeit, ohne Kultur, ohne Achse und ohne Identität zu bauen, wie die Stadt Landsberg es an den Oberen Wiesen getan hat. Dazu gehört auch, Bürger und ihre Interessen, aber auch ihre Sprachrohre, ernst zu nehmen. Insofern hat die Pflugfabrik für Landsberg Maßstäbe gesetzt – die Gefahr des Rückfalls in die Reißbrett-Zeit ist eher gering.

Dritter Punkt: Mit dem „urbanen Leben“ kam auch SoBoN in die Stadt, die soziale Bodennutzung. Wenn ein Nicht-Baugebiet zum Baugebiet wird, müssen dort „auch“ Sozialwohnungen entstehen. Wohlgemerkt: Nicht „nur“ Sozialwohnungen, denn das würde zu Effekten wie in den Vororten von Paris führen – Ziel ist die Durchmischung. An der von-Kühlmann-Straße wird es sündhaft teure Penthouses mit Dachterrassen geben, aber eben auch erschwingliche Wohnungen mit eher bescheidenem Balkon. SoBoN ist seit der Pflugfabrik für Landsberg Maßstab und Konzept – inzwischen wird die Richtlinie sogar schon dort angewendet, wo sie gar nicht greift (zum Beispiel am Schongauer Dreieck, also dem Danziger Platz). Der zweite Effekt von SoBoN besteht in der geregelten Abschöpfung. Unter Abschöpfung versteht man die Beteiligung der Stadt an den Gewinnen, die das Baurecht mit sich bringt. Die ist nun einerseits gerichtsfest legitimiert, gleichzeitig aber auch begrenzt und kanalisiert. Die Zeit des Kuhhandels ist damit vorbei.

Kaum jemand hat damit gerechnet, dass die Pflugfabrik in absehbarer Zeit zum Wohnquartier werden würde. Ebenso wenig schien eine Lösung für die Freistaat-Enklaven in Landsberg in Sicht: Bayern besaß nördlich der Justizvollzugsanstalt und westlich der Ahornallee, also jeweils in guter Lage, große Grundstücke und ließ sie brachliegen.

Dass die Pfettenstraße nun überplant wird (dort ist ein Anteil von 40 Prozent Sozialwohnungen ins Auge gefasst) und die Konzeption des Bereichs Ahornallee bald beginnen kann, ist auf zwei Einflüsse zurückzuführen. Zum einen hat Oberbürgermeister Mathias Neuner bei einer der regelmäßigen Konferenzen des bayerischen Ministerpräsidenten mit den Stadtchefs deutlich auf die Brache hingewiesen. Zum anderen war der Freistaat mit seiner Baugesellschaft IMBY plötzlich drauf und dran, auf den beiden Arealen Asylunterkünfte zu errichten und sie somit für die langfristige Nutzung der Landsberger Bürger zu „sperren“. Die Stadt hat dagegen protestiert und eine Einigung erzielt. Nun werden die Gebiete bebaut und stehen allen Wohnungssuchenden zur Verfügung.

Acht von den neun Wohngebieten unterschiedlicher Größe finden sich im Landsberger Westen; dies wird bei der Diskussion darüber, wo Krippenplätze entstehen sollen, noch eine Rolle spielen. Ein umfangreicheres Gebiet ist für den Osten geplant: Dort vereint die Stadt zurzeit eigene und private Grundstücke, um das Baugebiet „Reischer Talweg“ entstehen zu lassen. Auch dabei ist eine Durchmischung geplant – „Eigenheimnutzer“ und Bewohner von Mehrfamilienhäusern sollen nah beieinander wohnen. Freilich geht die Tendenz eher in Richtung „Eigenheim“, ebenso wie an der Bürgermeister-Dr.-Hartmann-Straße südlich des Krankenhauses und an der Erpftinger Straße gegenüber der Firma Dittel. Letztlich kommt es Stadtrat und Verwaltung darauf an, alle Segmente des Wohnens abzudecken. Ein Geschosswohnungsbau (Ulrichswerk, wbl, Sozialwohnungen der Stadt) an der Schongauer Straße erlaubt dann eben auch mal den Neubau von Einfamilienhäusern anderswo.

So logisch diese Politik sein mag; sie ist auch ein Chamäleon. Sie befriedigt Nachfrage aus der Stadt und schafft gleichzeitig Nachfrage von außen. Manch anderer Ort in der Metropolregion München hat vor dem zweiten Aspekt Angst, tritt auf die Bremse und lehnt neue Bauvorhaben ab. In Landsberg ist die Sache anders: Der Großteil des Wachstums kommt aus der Stadt selbst. Immerhin ist Landsberg eine Einpendlerstadt – es kommen morgens mehr Menschen in die Stadt hinein als aus der Stadt herausfahren. Oberbürgermeister Mathias Neuner formulierte es so: „Wir bauen nicht, um Menschen aus München anzulocken; wir wollen keine Bettenburg der Landeshauptstadt werden. Wir halten aber mit den Unternehmen Schritt und sagen neuen Firmen: Landsberg hat die Infrastruktur, die Sie brauchen“.

Es gibt aber auch noch völlig unklare Baustellen: Was geschieht mit der Bosse-Wiese? Wie kann man das Schulgebäude an der Pössinger Straße erweitern – da sind doch eingewachsene Kleingärten? Was geschieht mit der Schlossbergschule? Dabei hängt alles mit allem zusammen: Die Finanzlage der Stadt mit der Kreisumlage, die Kreisumlage mit den Plänen zum Neubau eines Gebäudes des Landratsamtes und die Neubaupläne mit der Nutzung des bislang unbefestigten Parkplatzes am Schlüsselanger. Die Erweiterung der Grundschulen hängt von der Nutzungsänderung des Schlossbergs ab und der Frage, ob dort ein Hotel entsteht. Wer heute Mitglied im Stadtrat ist, der muss Visionen haben, muss mit Gebäuden und Nutzungen im Kopf jonglieren. Wie sieht künftig unser Stadtmuseum aus und wo gehört es hin? Hat die Volkshochschule genug Entwicklungspotential? Wo ist demnächst unser Stadtarchiv, wo das Museumsdepot?

Aber es wird noch komplizierter als bisher erkennbar war: Keine der Bevölkerungsprognosen berücksichtigt die wohnungspolitischen Effekte der Arbeitsplätze, die in Penzing auf dem Gelände des Fliegerhorstes entstehen könnten. Zwar wird nicht jeder, der dort eine Tätigkeit ausübt, nach Landsberg ziehen; aber ein großer Teil wird die Vorteile des Oberzentrums mit seinen kulturellen Einrichtungen, seinen Geschäften und seiner Gastronomie, seiner Verkehrs-Infrastruktur und seinem Freizeitwert gerne in Anspruch nehmen.

Was kommt nach Penzing? Fest steht bislang nur: Die Gemeinde Penzing und die Stadt müssen sich darauf verständigen, denn Teile des Gebiets gehören Landsberg. In Landsberg gibt es klare Visionen: Moderne forschende Industrie könnte sich dort niederlassen und die Infrastruktur, auch das Flugfeld, nutzen. Nicht zuletzt für den shooting star „3C Carbon“ wäre das eine Option – ist man dort nicht gerade auf der Suche nach einer Produktionsstätte für das Mega-Motorrad „Horex“? Es ist eine Floskel, aber: Auf die Entwicklung in Penzing darf man wirklich gespannt sein.

Der Stadtrat wird also in den nächsten Jahren noch eine Menge in Sachen „Stadt- und Regionalplanung“ zu tun haben. Es gilt, Wachstum zu planen und gleichzeitig den Charakter Landsbergs zu erhalten. Geht es mit dem Zuzug so weiter, dann kommt allerdings bald Verstärkung. Nach der Bayerischen Gemeindeordnung hat der nächste Stadtrat dann zehn Mitglieder mehr.


Wirtschaft und Finanzen


Über die Wirtschaft gibt es in der Lechstadt fast nur positive Nachrichten. Ob Rational, 3C Carbon oder SIP Scootershop: Viele Unternehmen wachsen beständig, vergrößern ihre Produktionsstätten und schaffen neue Arbeitsplätze. Landsbergs Arbeitslosenquote liegt aktuell 17 Prozent unter der Bayerns und 54 Prozent unter der des Bundes. Die Zufriedenheit der Mittelständler ist groß. Nur die öffentliche Hand hält da nicht mit. Trotz hoher Gewerbesteuereinnahmen und beträchtlicher Erlöse aus Grundstücksverkäufen ist die Lechstadt finanziell noch immer auf Reformkurs. Nun gerät auch der Kreis stärker in die Diskussion.

Fragt man Landsbergs Gewerbetreibende nach Wünschen an die Stadt oder den Kreis, gibt es aktuell kaum substantielle Antworten. Fast immer wird die gute Zusammenarbeit mit den Verwaltungen der beiden Gebietskörperschaften gelobt. Strukturell heben Unternehmer die gute Erschließung über die Autobahn und die inzwischen ausgebaute B17, die beeindruckende Lage und die hohe Lebensqualität Landsbergs hervor.

Allerdings weisen nicht nur Rational und 3C Carbon auf steigenden Flächenbedarf hin, der mittelfristig wohl nicht mehr in den bisherigen Industrie- und Gewerbegebieten erfüllt werden kann. Einige Firmen haben sogar signalisiert, an der Teilnutzung des Fliegerhorsts Penzing nach seiner Räumung im Jahr 2018 interessiert zu sein. Allerdings gehören 90 Prozent der Fläche zum Gemeindegebiet Penzing und die Stadt Landsberg wird ihre Unternehmen nicht einfach dorthin weiterreichen. Zu diesem Thema sind zuvor politische Lösungen erforderlich.

Ein offenes Thema, vor allem bei kleineren Gewerbebetrieben, ist die Anbindung ans Internet. Sie ist bei niedrigen Preisen zu langsam und bei dedizierten Leitungen zu teuer. Kein klassischer Internet-Provider wie die Deutsche Telekom oder Kabel Deutschland sah an den Lechwiesen bislang genug Potential, um zusätzliche Kabelverzweiger oder Kupferkoaxialnetze zu bauen. Das ändert sich nun. Die Deutsche Telekom wird die Stadt innerhalb der nächsten vier Jahre unter Einschluss der Gewerbegebiete komplett mit VDSL versorgen und damit Bandbreiten von 30 bis 50 Megabit ermöglichen.

Mit dieser Verpflichtung zum „eigenwirtschaftlichen Ausbau“ ist die Deutsche Telekom einer Ausschreibung und anschließenden Beauftragung von Wettbewerbern zuvorgekommen. Gleichzeitig hat sie die Stadtfinanzen entlastet, denn bereits eingeplante Zuschüsse entfallen dadurch. Freilich ist das für Landsberg Kleinunternehmen und Freiberufler nur vorübergehend eine gute Nachricht. VDSL ist eine alte Technologie, die auf den letzten Metern doch wieder die klassische Kupfer-Doppelader nutzt. Deren Kapazität ist aber begrenzt. Der Bandbreitenbedarf nimmt so zu, dass fast jedes Unternehmen in absehbarer Zeit Glasfaseranschlüsse benötigt. Das „Hineingrätschen“ der Telekom in die Breitbandförderung verzögert diese Infrastruktur um geschätzte zehn Jahre.

Kostengünstig Abhilfe könnten die Stadtwerke schaffen, die im Rahmen ihrer Kanalsanierungen am Hauptplatz, an den Oberen Wiesen und in anderen Straßen Glasfaserstränge bis ins Grundstück gelegt haben. Allerdings handelt es sich noch um eine „dark fibre“, eine unbeschaltete Glasfaser ohne Anbindung an einen Internet-Backbone. Das derzeitige Angebot eines Dienstleisters zur Beschaltung ist für viele Haushalte unattraktiv, weil sie entweder bereits hohe Bandbreite von Vodafone (Kabel Deutschland) erhalten oder mit der niedrigen Bandbreite der Telekom zufrieden sind. Die technische Aktivierung der Stadtwerke-Glasfaser ist daher eine noch zu lösende Herausforderung.

Generell sieht es so aus, dass die Stadtwerke auf einem guten Weg sind. In den Jahren 2006 bis 2013 hatte das Kommunalunternehmen insgesamt 11,8 Millionen Euro Verlust gemacht. Etwa die Hälfte davon hat die Stadt finanziell ausgeglichen; dafür musste sie teilweise Kredite aufnehmen. Das Jahresergebnis 2014 war dann mit 1,25 Millionen Euro positiv. 2015 betrug der Gewinn 248.000 Euro.

Allerdings erfordern die Stadtwerke weiterhin die volle Aufmerksamkeit des Verwaltungsrats, der zwischenzeitlich verkleinert und durch externe Experten ergänzt wurde. Zwar hat das Kommunalunternehmen seine Verbindlichkeiten auf 32 Millionen Euro gesenkt und die Eigenkapitalquote auf 39 Prozent erhöht. Aber diese Quote ist noch unterdurchschnittlich und das Plus im Jahr 2015 ist im Wesentlichen durch Entgelte für die Wasserversorgung und Entwässerung entstanden – die dürfen aber nur kostendeckend sein. Die Stadtwerke werden in Form einer Preissenkung nachregulieren. „Wasser wird wieder günstiger“ ist eine gute Nachricht für die Landsberger Haushalte, aber eine Hypothek für die Stadtwerke.

2016 schlägt der zweite Abschnitt der Sanierung der Lechgarage zu Buche; er kostet 765.000 Euro. Die dritte Phase folgt 2017. In diesem Jahr wird dann wohl auch das Inselbad anstehen – hier geht es um eine beträchtliche Summe, jedenfalls, wenn man die bisherigen Angaben zum erwarteten Aufwand summiert. Hätte das Kommunalunternehmen von der Stadt nicht die beiden Verlustbringer Inselbad und Parkgaragen aufs Auge gedrückt bekommen, läge der Gewinn 2014 bei 1,9 Millionen und 2015 bei 1,1 Millionen Euro.

Unter Druck ist auch das zweite große Unternehmen, an dem die Stadt (neben dem Kreis und dem Markt Dießen) als Gewährträger beteiligt ist: die Sparkasse Landsberg-Dießen. Zwar erfüllt sie die gesetzlich vorgeschriebene Eigenkapitalquote quasi spielend; auch lassen die für den Sparkassenvergleich (2014: Platz 202 von 416) relevanten Indikatoren Bilanzsumme, Kundeneinlagen und Kundenkredite leichtes Wachstum erkennen. Angesichts der niedrigen Zinsen und der steigenden gesetzlichen Anforderungen stehen die Zeichen der Zeit aber weiterhin auf Thesaurierung, also der Zuführung von Mitteln zur Rücklage. Die für die Kunden guten Zeiten der kostenlosen Girokonten und EC-Karten sind bei der Sparkasse Landsberg-Dießen inzwischen auch vorbei. Nach wie vor war die Sparkasse im Jahr 2015 allerdings in der Lage, das Kapital der Sparkassenstiftung um 500.000 Euro zu erhöhen und knapp 400.000 Euro zu spenden.

Mit der Übernahme des Betriebs des Heilig-Geist-Spitals durch die Caritas fällt für die Heilig-Geist-Spitalstiftung, die derzeit als nichtrechtsfähige Stiftung der Stadt geführt wird, ein Verlustbringer weg; außerdem wird das bisherige Spitalgebäude für unterschiedliche Nutzungen, auch Vermietungen, frei. Damit ist ein wichtiger Schritt erreicht: Der Gedanke, dass die öffentliche Hand selbst Alten- und Pflegeheim betreiben muss, stammt aus dem Mittelalter. Heute gibt es freie Träger und Unternehmen wie die Pichlmayr-Gruppe, außerdem erfordern Gesetzgebung und Sozialsystem mittlerweile größere Einheiten und ein spezialisiertes Management.

Der Wegfall des Spitals ist gleichzeitig auch eine Herausforderung. Die Stiftung muss sich nun neu aufstellen, denn ihre Einnahmen, vor allem aus Waldbesitz, müssen dem Stiftungszweck entsprechend verwendet werden. Nur: wofür? Gleichzeitig wäre es an der Zeit, die Rechtsnatur der Stiftung zu ermitteln: Ist sie nun eigentlich rechtsfähig oder nicht?

Ein früherer Klärungsversuch über das Landratsamt versandete, offenbar weil seitens eines Teils der Stadtverwaltung kein Interesse an einer Änderung bestand. Im Laufe der Jahre war man mit der finanziellen Gemengelage wohl ganz zufrieden; das Kapital der Stiftung diente zuweilen als Reserve, um anstehende städtische Maßnahmen zu bezahlen. „Beim Heiligen Geist vorbeischauen“ habe man diese Inanspruchnahmen damals in der Verwaltung genannt.

Heute ist die Kapital-Trennung weitgehend abgeschlossen. Die Bitte, nun auch rechtlich Klarheit zu schaffen, richtet sich an die staatlichen Stellen in Bayern. Dabei wird auch zu beurteilen sein, welche Wirkungen ein nationalsozialistischer Auflösungsbeschluss und ein in der Nachkriegszeit gefasster Wiederherstellungsbeschluss gespielt haben.

Der Stadt Landsberg selbst geht es inzwischen deutlich besser als noch vor einigen Jahren. Als Oberbürgermeister Mathias Neuner (CSU) im Jahr 2012 sein Amt antrat, war sie finanziell in desolatem Zustand. „Die Lage der Stadt ist sehr angespannt … Die Leistung des Schuldendienstes ist nicht mehr gewährleistet … Die Stadt hat eine negative Liquidität … Alle Investitionen und Aufwendungen aus dem Nachtragshaushalt müssen über Kredite finanziert werden.“ hieß es in Unterlagen im September 2012. Nach und nach wurde klar: Die Verwaltung hatte Jahresabschlüsse verschleppt, hohe Kassenkredite aufgenommen, den Wechsel von der Kameralistik zur Doppik nicht abgeschlossen und zudem noch Geld bei Derivatgeschäften verspekuliert. Der damalige Stadtrat hat das Meiste davon nicht mitbekommen.

Inzwischen hat Kämmerer Peter Jung mit Unterstützung der Gremien die Jahresabschlüsse nachgeholt, die Doppik fest verankert, die Kassenkredite praktisch auf Null reduziert und einen Teil der Schulden vorzeitig getilgt. Jetzt herrscht Transparenz; jedes Mitglied des Stadtrats kennt die finanzielle Lage der Stadt. Sie gibt nach wie vor etwas zu viel Geld aus; die eigentliche Herausforderung aber ist die Liquiditätssteuerung. Allerdings bewegt sich Landsberg damit bereits auf hohem Controlling-Niveau. Der Kämmerer, Haushaltsreferent Christian Hettmer (CSU) und der Vorsitzende des Rechnungsprüfungsausschusses Stefan Meiser (ÖDP) haben das gleiche Ziel: „Wir wollen nicht mehr über unsere Verhältnisse leben“.

Diesen Maßstab legen die Landsberger Stadträte und Oberbürgermeister Mathias Neuner nun auch an den Landkreis an, der die Kreisumlage für 2016 erhöht hat und dessen geplante Ausgaben für die nächsten Jahre nichts Gutes verheißen. Erstmalig gab es kürzlich ein Krisengespräch zwischen dem Oberbürgermeister, dem Kämmerer der Stadt sowie dem Landrat. Zwar betonte Thomas Eichinger (CSU) anschließend, zu irgendwelchen Versprechungen gar nicht befugt zu sein; dennoch dürfte das Gespräch Wellen geschlagen haben. Mitglieder des Kreistags stellen beantragte Maßnahmen der Schulen in Frage und sind auch dagegen, mit einer Kreditaufnahme für einen Neubau des Landratsamts den finanziellen Spielraum für die nächsten Jahre zu verengen.

Das Fazit: Der Stadt geht es viel besser, der Wirtschaft richtig gut – wer in Landsberg lebt, hat keinen Grund, zu hadern. In den letzten vier Jahren hat sich viel verändert und die Herausforderungen der kommenden Jahre lassen sich bewältigen.


Infrastruktur


Analysiert man, was Stadtrat und Verwaltung in den vergangenen vier Jahren in Landsberg erreicht haben, kommt man bei den Themen Wohnen sowie Wirtschaft und Finanzen zu positiven Ergebnissen. In Sachen Infrastruktur bleibt dagegen noch viel zu wünschen übrig. Das Megathema der nächsten Jahre ist die Neuordnung des Landsberger Westens.

Landsberg ist infrastrukturell gesehen eine Autofahrerstadt und dafür auch gut gerüstet. Wer hier oder hierhin auf vier Rädern unterwegs ist, profitiert von der A96 und der ausgebauten B17 sowie von innenstadtnahen Parkmöglichkeiten – unter anderem in zwei Tiefgaragen, die in Sachen Kapazität und Zentralität Maßstäbe setzen.

Zwar war die Erhöhung der Parkgebühren, die zur Minderung des Defizits erforderlich war, umstritten; der Stadtrat musste eine erste Gebührenneuordnung sogar korrigieren. Inzwischen gibt es aber kaum noch Kritik, zumal jeder selbst entscheiden kann, wieviel ihm Bequemlichkeit Wert ist. Oberirdisch oder unterirdisch, kurzer oder längerer Fußweg – die Staffelung vom teuren Parken am Vorder- oder Hinteranger über die Parkgaragen und die Waitzinger Wiese bis hin zum kostenlosen Parkplatz an der Max-Friesenegger-Straße ist vielfältig. Hinzu kommen die großzügige Landsberger Auslegung der Verweildauer im eingeschränkten Halteverbot und Kurzparkzonen auf Parkscheibenbasis.

Am Thema „Parken“ lässt sich illustrieren, wie stark Stadtrat und Stadtverwaltung bei der Verkehrspolitik Interessen ausgleichen müssen. Ein aktuelles Beispiel ist die Nutzung der Schwaighof- und der Altöttinger Straße durch Mitarbeiter des Landsberger Einzelhandels. Die Benutzer dieser entgeltfreien Ausweichmöglichkeiten argumentieren, es sei ihnen nicht zuzumuten, jeden Tag die maximale Tagesgebühr von zwei Euro für die Waitzinger Wiese auszugeben. Die Anwohner hingegen verweisen auf die Lärmbelastung und die Tatsache, dass sie für ihre Fahrzeuge keine Stellplätze auf öffentlichem Grund mehr finden.

Kommunalpolitiker, die den Einzelhändlern Recht geben, treffen im Grunde eine Subventionsentscheidung; faktisch befürworten sie, dass die Kommune das Parken von Händlern und ihrer Mitarbeiter begünstigt. Wer mehr auf der Seite der Anwohner ist, muss sich vorhalten lassen, dass er eine private Aufgabe kommunalisiert, denn Bauherren sollen ja eigentlich Stellplätze auf ihren Grundstücken schaffen. Wie man es macht, macht man es verkehrt; manchmal ist es dann einfacher, sich auf das Thema gar nicht einzulassen.

Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Letztlich können einfache Lösungen wie eine Anwohnerparkzone oder ein Tempolimit nur Symptome lindern. Sie bekämpfen die Krankheit nicht und schaffen oft neue Probleme. Verkehr lässt sich nur durch wirklich gute Maßnahmen lenken. Schlechte führen nicht zu verändertem Fahrverhalten, sondern erschweren die Mobilität auf gleich gebliebenem Weg. Wer wie an der Iglinger Straße Parkplätze auf der Fahrbahn ausweist, so dass Begegnungsverkehr nur möglich ist, wenn eines der beiden fahrenden Fahrzeuge anhält, produziert eine Schikane, veranlasst aber niemanden zum Wechsel der Route und trägt wohl auch kaum zur Lärmreduzierung oder Umweltschonung bei.

Daher besteht inzwischen in den Stadtratsfraktionen weitgehende Einigkeit: Die Verkehrsprobleme im Landsberger Westen lassen sich nur lösen, wenn man Ahornallee, Iglinger Straße, Lechwiesenstraße und Augsburger Straße gemeinsam betrachtet und zusätzlich die Bauprojekte „Ahornallee“ und „Pfettenstraße“ einbezieht: „Wir brauchen einen großen Wurf“. Hinter den Kulissen entwickeln Verkehrsplaner derzeit eine Lösung, die Jahre, bis zur Perfektion Jahrzehnte braucht. Teile davon sind bereits bekannt geworden, weil sie zum Projekt „Soziale Stadt“ gehören; andere Teile werden noch als Ideenskizze behandelt.

Die Gewerbebebauung auf der Ostseite der Augsburger Straße soll zum Straßenrand hin vorgezogen werden. Dadurch kann eine weitere Straße parallel zu den Bahngleisen entstehen. Sie entlastet die Augsburger Straße; da der Abbiegeverkehr wegfällt, verbessert sich der Verkehrsfluss zusätzlich. Die Kreuzung mit der Carl-Friedrích-Benz-Straße wird als Kreisverkehr gestaltet. So wird die Route über die Augsburger Straße ins Gewerbegebiet attraktiver. Die Ausweichroute über die Iglinger und die Lechwiesenstraße verliert ihren Reiz.

Freilich entsteht dann ein neues Problem an der ohnehin stark frequentierten Kreuzung der Carl-Friedrich-Benz- mit der Lechwiesenstraße. Das legt eine weitere Überlegung nahe: Wenn man die Lechwiesenstraße auf der Höhe des Zebrastreifens abriegelt, würde man nicht nur diese Kreuzung entlasten – damit würden faktisch die Route Augsburger Straße – Iglinger Straße – Lechwiesenstraße sowie Ahornallee – Iglinger Straße – Lechwiesenstraße obsolet.

Die Iglinger Straße würde damit wieder zur Verbindungsstraße für die reduzierte Zahl von Verkehrsteilnehmern, die aus der Innenstadt heraus nach Igling oder in den Frauenwald wollen. Tempo 30 sowie „rechts vor links“ könnten entfallen. Gleichzeitig würden sämtliche breite Straßen des Gewerbegebiets endlich ihrer Bestimmung als Hauptverkehrswege im Gewerbegebiet zugeführt. Schon am Danziger Platz würden sich Autofahrer für die Route Hindenburgring / Augsburger Straße statt für die Wegführung Breslauer Straße / Ahornallee entscheiden.

Für die Ahornallee ist diese Entlastung nur eine von zwei angedachten Maßnahmen. Durch das Wohngebiet Pfettenstraße, das wohl von der Akazienstraße und damit von der Ahornallee aus erschlossen wird, nimmt der Verkehr wieder zu. Gleichzeitig entsteht auf dem Gelände des Freistaats westlich der Ahornallee, praktisch in Verlängerung der Birkenstraße, ein weiteres großes Wohngebiet. Denkbar wäre daher, einen Bypass zur Ahornallee zu bauen, vom Klinikum zu Rational mit einer Abbiegemöglichkeit nördlich der Birkenstraße. Erste Überlegungen dazu gibt es bereits.

Das zweite große Thema ist die Erweiterung der Fußgängerzone in der Altstadt. Prämisse ist, dass die Verkehrsführung Neue Bergstraße / Schlossergasse / Hinteranger / Sandauer Tor ebenso bleibt wie der Durchgangsverkehr über den Hauptplatz – Gedankenspiele für eine neue Ost-West-Verbindung sind definitiv ad acta gelegt. Als dringende Aufgabe sehen es die Verantwortlichen aber an, den Vorder- und Hinteranger zu beleben sowie die Lärmbelastung im Hinteranger zu reduzieren.

Auch hier geht es wieder um ein Maßnahmenbündel. Erwogen wird, den Vorderanger zur Fußgängerzone zu machen; er soll nur noch zu bestimmten Zeiten befahrbar sein. Einzelhändler aus anderen Städten würden gerne nach Landsberg kommen, ist zu hören; sie setzen aber ein Ladenlokal in der Fußgängerzone voraus. Gleichzeitig ist beabsichtigt, das Parken am Hinteranger einzuschränken (nur das Halten sowie Be- und Entladen soll möglich sein) und das Pflaster auszutauschen. Viele Läden im Hinteranger würden inzwischen von Dienstleistungsanbietern genutzt. Doch zu viel Haarschnitt, Massage oder Maniküre führen, so die Experten, letztlich zu einer Spirale in Richtung „Randnutzung“ und damit auch zu einer geringeren Besucherfrequenz. Mit beiden Maßnahmen sollen auch der Parksuchverkehr in diesem Bereich reduziert und die Schulgasse entlastet werden.

Nicht aufgegeben haben Landsbergs Stadtplaner die Idee, die Ost-West-Verbindung für Fußgänger und Radler zu verbessern. Auch die Verwirklichung dieses Projekts hängt allerdings wieder mit anderen Überlegungen zusammen, nämlich mit der künftigen Nutzung der Spitalplatzschule. Wird sie für kulturelle Zwecke verwendet, könnte ein „Schrägaufzug“ vom ehemaligen Schulhof zum Heilig-Geist-Spital machbar werden.

Nach sukzessiver Fertigstellung des Projekts „Urbanes Leben am Papierbach“ wird die Verkehrssituation rund um die ehemalige Pflugfabrik kritisch geprüft werden müssen. Die dortigen Probleme werden sich verstärken: Die Schwaighofkreuzung ist ohnehin stark belastet und unfallträchtig, die Anbindung der Spöttinger Straße an den Hindenburgring schon immer problematisch. Zudem wird der Schlüsselanger (die Bosse-Wiese) überplant und neu genutzt werden, möglicherweise für das Zweitgebäude des Landratsamts. Erwogen wird nur noch eine Zufahrt vom Hindenburgring, verbunden mit einem weiteren „Kreisel“. Letztlich hängt auch hier wieder alles zusammen: Wer sich zum Schutz der Altstadthändler bemüht, größeren Einzelhandel vom Papierbach fernzuhalten, produziert mehr Autoverkehr, den er dann wieder kanalisieren muss.

Eine weitere Herausforderung der nächsten Jahre besteht darin, die Stadt deutlich fahrradtauglicher zu machen als sie es bisher ist. Am Papierbach haben die Planer durch die Breite des neuen Lechstegs, die Erreichbarkeit des Bahnhofs „Landsberg Schule“, die direkte Zufahrt zum Landratsamt und einige bauliche Vorschriften die Radfahrer häufig „auf dem Radarschirm“ gehabt. Bei der Verkehrsführung auf der Augsburger Straße (kreuzende Autofahrer) oder der Iglinger Straße (gemeinsamer Geh- und Radweg ohne Vorfahrt an Kreuzungen) wird aber deutlich, wie stark die Interessen von Anwohnern und Gewerbetreibenden mit denen von Radlern kollidieren können.

Letztes großes Thema aus dem Bereich Infrastruktur ist die künftige Erhebung der Straßenausbaubeiträge. Hier gibt es zwei Optionen, von denen eine in Landsberg praktisch schon ausgeschieden ist: Keine Fraktion und kein Mitarbeiter der Verwaltung will auf das System der „wiederkehrenden Beiträge“ umsteigen, bei dem Straßenerneuerungen von jedem Bürger (auch „Nichtbetroffenen“) bezahlt werden. Gründe sind der hohe Verwaltungsaufwand und die fehlende Rechtssicherheit. Außerdem ist fraglich, was mit den Haus- und Wohnungseigentümern geschieht, die bereits individuelle Zahlungen für „ihre“ Straße geleistet haben. Erfolgversprechend ist hingegen die Verrentung der Beiträge, also die Möglichkeit, die Zahlungen in teils fünfstelliger Höhe auf zehn Jahre zu strecken. Problematisch ist noch die Frage der Absicherung: Muss dieser faktische Kredit der Stadt wirklich kostenpflichtig ins Grundbuch eingetragen werden?

Das Fazit: Vom Hauptplatz abgesehen ist in den zurückliegenden Jahren infrastrukturell in Landsberg nicht viel geschehen. Die Herausforderungen stehen noch bevor. Dabei ist Bürgerbeteiligung unumgänglich; Bürgerbegehren sind nicht ausgeschlossen. Denn beim Thema Infrastruktur kann jeder mitreden. Und es ist anzunehmen: Jeder macht es auch.


Soziales


Ob es um Kindergärten oder Kinderkrippen geht, um preisgünstige Wohnungen, Obdachlosigkeit, Asyl oder Pflege – der Bereich „Soziales“ steht im Stadtrat immer öfter auf der Tagesordnung. Dabei bedient sich die Politik unterschiedlicher Instrumente; teils handelt sie selbst, teils machen das private Investoren und sogar der Freistaat Bayern für sie. Nur so sind, angesichts geringer Liquidität in der Stadtkasse, die Herausforderungen im Sozialbereich finanzierbar.

Das beste Beispiel für dieses Spiel mit verteilten Rollen ist die vor einem Jahr erfolgte Einführung der Sozialen Bodennutzung (SoBoN). Wird ein größeres Grundstück durch die Entscheidung der Stadt erstmals bebaubar, gewinnt es an Wert. Projektentwickler und Bauträger, die davon profitieren, müssen in Landsberg seit Kurzem nicht nur die notwendigen städtischen Infrastrukturmaßnahmen erstatten, sondern auch 30 Prozent der Wohnflächen für Sozialen Wohnungsbau reservieren. Die hohen Gewinne werden damit für öffentliche Zwecke „abgeschöpft“. Freilich geht auch der jeweilige Investor nicht leer aus: Mindestens ein Drittel des Bruttowertzuwachses des Bodenwertes verbleibt garantiert bei ihm.

Oberbürgermeister Mathias Neuner (CSU) hat diese Form der Sozialpolitik aus München abgeschaut und an Landsberg angepasst. Stadtbaumeisterin Birgit Weber, die zuvor in der Landeshauptstadt tätig war, fand bei ihrem Amtsantritt daher ein vertrautes Thema vor. Beim ersten großen Anwendungsfall „Urbanes Leben am Papierbach“ – dort geht es um 82.000 Quadratmeter Geschossfläche mit einem Endwert von rund 40 Millionen Euro – hat die SoBoN-Richtlinie gut funktioniert. Kurz vor der Zustimmung zum Städtebaulichen Vertrag zwischen der Stadt und Investor ehret + klein konnten sich Stadträte durch Einsicht in Prüfungsunterlagen davon überzeugen, dass die Planer das Optimum realisiert haben – die Drittel-Regelung war in diesem Fall fast erreicht. Das ist eher Zufall, denn die Stadt darf nicht auf eine maximale Abschöpfung „hinsteuern“; insbesondere die infrastrukturellen Maßnahmen müssen in jedem einzelnen Fall erforderlich sein.

In Kürze entstehen daher in Landsberg jede Menge Sozialwohnungen, neben dem Papierbach-Quartier (Bauherr: Privatwirtschaft) unter anderem auch an der Pfettenstraße (Bauherr: IMBY, also Freistaat Bayern) und an der Schongauer Straße (Bauherr: Kommune, also Stadt Landsberg). Außerdem haben sich einzelne Bauträger zur freiwilligen Anwendung der SoBoN-Richtlinie verpflichtet, zum Beispiel am Danziger Platz. Die Stadt legt Wert auf soziale Durchmischung; die vereinzelt im Stadtrat erhobene Forderung, Sozialwohnungen an einer Stelle zu konzentrieren, ist nicht mehrheitsfähig.

Der Nachholbedarf an Sozialwohnungen – zurzeit stehen in Landsberg 200 Personen auf der Warteliste – resultiert vor allem aus der Bundespolitik, die steuerliche Anreize aus früheren Jahren abgebaut hat. Im Zuge der Anerkennung und Duldung von Flüchtlingen wird der Bedarf noch viel größer. Asylbewerber werden dann in den staatlichen oder Landkreis-Unterkünften zu Fehlbelegern und müssen von der Stadt in Wohnungen untergebracht werden. Zwar übernimmt der Bund auf Initiative Bayerns die städtischen Unterbringungskosten für drei Jahre komplett und entlastet die Kommunen dadurch. 2016 werden nach dem Königsteiner Schlüssel über die Bundesländer 400 Millionen Euro verteilt, 2017 sind es 900 Millionen, 2018 wohl weitere 1,3 Milliarden. Aber was nützt diese Unterstützung, wenn keine Wohnungen verfügbar sind? Landsberg hat also spät, aber wohl gerade noch rechtzeitig gehandelt, nicht zuletzt aufgrund dringender Appelle im Stadtrat.

In der Sache „Asyl“ ist Landsberg mit den Standorten Hochbauamt, Münchener Straße, Iglinger Straße und dem Tauscher-Gebäude im Gewerbegebiet Lechwiesen aufgrund des stagnierenden Stroms der Flüchtlinge derzeit gut aufgestellt. Die vom Stadtrat einstimmig getroffenen Entscheidungen zur Schaffung weiterer Unterkünfte – unter anderem am Penzinger Feld und an der alten Schule in Pitzling – sind zu Vorratsbeschlüssen geworden. Nicht viele Städte und Gemeinden haben es geschafft, ein heikles Thema so gut und sozialverträglich zu lösen wie Landsberg, zumal hier mit dem Freistaat Bayern als Grundstückseigentümer noch ein dritter Spieler beteiligt war. Der Asylbeauftragte des Stadtrats, Jost Handtrack (Grüne), und der Oberbürgermeister haben hier gute Arbeit geleistet.

Sobald allerdings die eigentlichen staatlichen oder städtischen Pflichtaufgaben beendet sind, nimmt das finanzielle und organisatorische Engagement der Gebietskörperschaften deutlich ab. Die Integration anerkannter Flüchtlinge, die Asylbetreuung und die Asylsozialberatung sind derzeit noch nicht zufriedenstellend organisiert. Das gilt auch für die Koordination des Ehrenamts. Wer die Ausgrenzung der Neu-Ausländer in Form eigener sozialer Strukturen und Subkulturen verhindern will, muss deutlich mehr tun, als zurzeit in
Landsberg geschieht.

Nächstes Thema im Stadtrat wird die Auswertung von zwei Gutachten von „Planwerk“ zur Bevölkerungsentwicklung in der Stadt sein. Schon jetzt ist klar: Landsberg braucht sieben weitere Krippengruppen; eine entsprechende Bestätigung des für die Bedarfsermittlung zuständigen Landratsamts liegt vor. Die Stadt deckt bislang nur 30 Prozent des theoretischen Bedarfs ab. Das entspricht zwar in etwa dem Bundesdurchschnitt. In mit Landsberg vergleichbaren bayerischen Städten sind es aber 50 Prozent.

Oberbürgermeister Mathias Neuner plädiert dafür, den Bedarf nicht nur durch die Schaffung weiterer Kapazitäten bei freien Trägern, etwa beim Heilig-Kreuz-Kindergarten in der Malteserstraße, sondern auch durch eine bauliche Aufstockung des Kinderhauses an den Römerauterrassen zu decken. Im Stadtrat ist das umstritten: Mehrere Mitglieder sehen den Bedarf eher im Osten; allerdings spricht die Neubaugebietskarte („Landsberg unter der Lupe“, Teil 1) mehr für zusätzlichen Bedarf im Westen.

Im Hintergrund scheint die Stadtverwaltung ihre Haltung zur Kinderkrippen-Alternative „Tagespflege“ geändert zu haben. Bislang wurde die Arbeit der Tagesmütter eher zurückhaltend betrachtet. Nun hebt die Verwaltung hervor, dass die durch die Tagespflege erbrachte Betreuung zeitlich besonders flexibel ist. Der Bedarf soll daher künftig zum Teil auch in Form der Großtagespflege gedeckt werden.

Auch bei Kindergärten fehlen offenbar Plätze, wenn auch nicht in einem solchen Umfang wie im Bereich der Krippen. Rechnerisch reichen die über 800 Kindergartenplätze eigentlich aus. Aber offenbar gibt es Unwägbarkeiten, die derzeit besonders stark wirksam werden. Man weiß nie, wie viele Menschen zuziehen und wegziehen, wie viele Kinder von Einpendlern aus dem Umkreis in einen Landsberger Kindergärten gehen und wie viele Landsberger Kinder morgens von ihren Eltern in Nachbargemeinden mitgenommen werden; außerdem variiert das Eintritts- und das Austrittsalter.

Zusätzlichen Bedarf gibt es wohl auch bereits jetzt bei den Grundschulen. Die Plat
anenschule ist aber nicht mehr ausbaubar und die Spitalplatzschule ist auf zwei Gebäude verteilt. Das Schulhaus auf dem Krachenberg an der Pössinger Straße wäre zwar erweiterbar, dann müssten aber Kleingärten weichen. Deswegen böte es sich an, mit der Nutzung der frei werdenden Schlossbergschule die Raumprobleme zu lösen. Dann könnte die Spitalplatzschule anders genutzt werden; Interesse aus den Bereichen Volkshochschule und Museen gibt es bereits. Aus Reihen der CSU-Fraktion ist aber die Überlegung eingebracht worden, auf dem Schlossberg ein „Schlosshotel“ zu errichten.

Ein langjähriges Problem im sozialen Bereich hat die Stadt bereits vor geraumer Zeit gelöst: Mit der Übergabe des Betriebs des Heilig-Geist-Spitals in die Hände der CAB Caritas Augsburg entfällt der Verlustbringer „Spital“. Gleichzeitig werden dadurch Räume für die kulturelle Nutzung und die Volkshochschule frei; andere Teile des Gebäudes werden vermietet. Auch die Landsberger „Tafel“ wird künftig dort untergebracht sein. Sie muss an ihrem derzeitigen Standort an der von-Kühlmann-Straße weichen.

Das ist nicht die einzige Veränderung, die das Projekt „Urbanes Leben am Papierbach“ mit sich bringt. Das Jugendzentrum wird in der Lechstraße auf Kosten des Investors neu errichtet. Im Areal der Pflugfabrik entstehen zwei Kindertageseinrichtungen, eine größere an Stelle des jetzigen Jugendzentrums, eine kleinere im nordöstliche Bereich an der von-Kühlmann-Straße.

Über die Trägerschaft beider Einrichtungen wollte Investor ehret + klein eigentlich nach Beratung mit der Stadt selbst entscheiden. Eine knappe Mehrheit im Stadtrat hat dieses Verhandlungsergebnis aber aufgehoben. Nun baut der Investor die Gebäude und übereignet sie anschließend kostenlos an die Stadt. Damit ist Landsberg ein Grundstückserlös entgangen; in Sachen SoBoN ging die Sache aber offenbar noch einmal gut. Der Investor zahlt außerdem eine festgelegte Summe an die Stadt, die ebenfalls auf SoBoN angerechnet wird, um weitere Grundschulplätze zu bauen; wenn 1.500 Menschen in 800 Wohnungen einziehen, sind eine Menge Grundschulkinder dabei und weitere werden im Laufe der Zeit auf die Welt kommen.

Zieht man in sozialer Hinsicht Bilanz, kann man durchaus der Meinung sein, dass Landsberg auf die Herausforderungen spät reagiert hat. Bei der Kinderbetreuung hat die Abstimmung zwischen Stadt und Kreis sowie der Stadt und den freien Trägern nicht gut funktioniert; erst jetzt bahnt sich die Anwendung eines einheitlichen EDV-Systems an. Auch im sozialen Wohnungsbau handelte die Stadt in letzter Minute, was auch auf ihre finanzielle Lage zu Beginn dieses Jahrzehnts zurückzuführen ist. Manches hätte man schon früher angehen können; dazu zählt auch der Neubau der Obdachlosenunterkünfte.

Im Ergebnis aber wird die Stadt in wenigen Jahren hinsichtlich ihrer sozialen Einrichtungen gut aufgestellt sein: Sie hat dann eine neue Mittelschule unter einem Dach, Grundschulen mit ausreichend Plätzen, genug Kinderkrippen und Kindergärten sowie Tagespflegeplätze und ein neues Jugendzentrum. Nun muss sie es noch schaffen, den Bereich der sozialen Arbeit besser zu fördern, der nichts mit Einrichtungen und Organisationen zu tun hat – die soziale und unbürokratische ehrenamtliche Hilfeleistung der Menschen untereinander; denn auch das ist Sozialpolitik.


Altstadt, Tourismus und Kultur


In kultureller Hinsicht ist die Stadt Landsberg eine Lebenskünstlerin: Aus ungünstigen Voraussetzungen macht sie immer irgendwie das Beste. Das gilt für ihre Museen wie für ihre Konzerte, für ihre Denkmäler wie für ihre Events. Freilich wäre in Sachen Tourismus noch mehr drin; die Frage ist nur: Wollen wir das überhaupt? Und die Altstadt hat ein grundsätzliches Problem: Sie macht zu wenig aus sich.

Das beste Beispiel dafür, dass Landsberg kulturell gesehen eine Lebenskünstlerin ist, bietet das Neue Stadtmuseum. Mit welch intelligentem Trotz die Museumsleitung auf die Schließung der Dauerausstellung in den Obergeschossen reagiert hat, ist beachtlich. Im Erdgeschoss mit Ausstellungs-Highlights wie „So ein Lech“, „Don’t take your guns to town“, „Typisch Landsberg“ sowie „Landsberg und das Salz“ immer wieder von sich reden zu machen und neue Ereignisse zu schaffen, die den Horizont der Besucher, nicht zuletzt vieler Schüler, erweitern – das ist schon eine besondere Kunst bei der Präsentation von Geschichte und Kultur.

Jetzt müsste es der Stadt nur noch gelingen, diesen Ideenreichtum bei der Planung des „neuen Neuen Stadtmuseums“ aufrecht zu erhalten. Viele Landsberger machen keinen Hehl daraus: Manchmal ist die behördliche Anordnung der Schließung eines Gebäudeteils wegen Brandschutzes auch eine Chance. Es darf bezweifelt werden, dass das überladene und angestaubte Sammelsurium, das man im alten Neuen Stadtmuseum betrachten konnte, in absehbarer Zeit ohne einen solchen Impuls in Frage gestellt worden wäre. Nun aber ergibt sich die Möglichkeit, ganz neu an die Sache heranzugehen.

Wie erfrischend ein Museum sein kann, lässt sich am Herkomerpark erkennen. Man hätte die Besucher bei der Neugestaltung, die vor allem aus baulichen Gründen notwendig war, auch nur mit Gemälden und ein paar Utensilien des „fin de siècle“ versorgen können. Aber Herkomer war ja in der Tat, wie der Ausstellungstitel sagt, „a man of many parts“, ein Mann mit vielen Talenten. Die Macher haben sich daher konsequent gegen den oberflächlichen Blick auf ein Lebensambiente und für den konsequenten Blick auf eine Lebensleistung entschieden. Wer das Herkomer Museum jetzt besucht, lernt das Denken und Handeln einen Menschen kennen und hätte, wenn man ihn denn persönlich im Park auf einer Bank anträfe, mit ihm Gesprächsstoff für einen ganzen Tag.

Das umgestaltete Herkomer Museum ist auch deshalb eine Errungenschaft der Landsberger Kultur, weil es in einer Zeit entstanden ist, als in der Lechstadt nicht daran zu denken war, Kulturausgaben aus der Stadtkasse zu finanzieren. Die Neugestaltung des Museums beruht ganz wesentlich auf privaten Spenden. Das macht es noch wertvoller. Umso erstaunlicher ist es, dass viele Landsberger das Museum noch nicht kennen. Selbst viele Mitarbeiter des schräg gegenüber liegenden Landratsamts haben es noch nicht geschafft, einen Blick hineinzuwerfen. Ein wenig mehr Öffentlichkeitsarbeit täte dem Museum sicher gut.

Nebenbei: Auch dem derzeit laufenden zweiten Projekt der Bürgerfinanzierung ist Erfolg zu wünschen. Die Rathauskonzerte im Festsaal des Historischen Rathauses sind wesentlicher Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt; allein es fehlt ein Flügel, der hohen künstlerischen Maßstäben genügt. Der von Bürgermeister Axel Flörke gegründete „Förderverein Rathauskonzerte Landsberg“ sammelt derzeit Spenden, um ein neues Instrument zu erwerben.

Wer auf Ideensuche für das „neue Neue Stadtmuseum“ ist, sollte einen kurzen Ausflug ins Büro von Oberbürgermeister Mathias Neuner machen, in dem mehrere Bilder der Künstlervereinigung „Scholle“ zu sehen sind. Weitere Werke im Besitz der Stadt gibt es im für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Museumsdepot in der Lechrain-Kaserne. Die Stadt Landsberg hat nach wie vor die Möglichkeit, der zentrale Ausstellungsort für die verstreuten Werke der im November 1899 gebildeten Gruppierung zu werden – angemessene Räumlichkeiten vorausgesetzt.

Und noch ein weiteres Thema ist bei der Konzeption des neuen Stadtmuseums zu beachten. „Landsberg hat wie keine andere Stadt Aufstieg, Schrecken und Fall des Nationalsozialismus hautnah erlebt. Den Aufstieg mit der Festungshaft Hitlers, den Schrecken mit den Außenlagern, den Fall mit den Displaced Persons und den Todesurteilen gegen NS-Verbrecher“, hat Oberbürgermeister Mathias Neuner vor einem Jahr gesagt. Wie und wo machen wir diese Epoche anschaulich? Punktuell an den Tonröhrenbauten an der Erpftinger Straße, in der Welfenkaserne und am Spöttinger Friedhof? So verdienstvoll die dortigen Arbeiten und Führungen auch sind und so wichtig es ist, die verstreuten „Kauferinger“ Außenlager in Beziehung zu setzen, so wenig kann man diesen Teil der Geschichte aus dem Stadtmuseum ausblenden.
Deswegen wünschen sich viele Stadträte, die bei von der Verwaltung organisierten Museumsbesuchen in anderen Städten dabei waren, ein Museum, das „keine Fossilien zeigt, kein Mobiliar präsentiert und keine Münzen zur Schau stellt“, sondern neue Zeitgeschichte erlebbar macht. Dies wird eine der anstehenden kulturellen Herausforderungen in Landsberg sein.

Zur Kultur gehört auch, die historische Bausubstanz Landsbergs zu erhalten. Vorübergehend sah es so aus, als würde dies nicht gelingen – die finanziellen Mittel für den Erhalt der Denkmäler waren dezimiert. Inzwischen ist mit der Restaurierung des Bayertors ein Anfang gemacht. Auch hier sind Spenden im Spiel. Noch steht Vieles auf der Wunschliste, beispielsweise die Fassade des Historischen Rathauses.

Attraktive Museen und gepflegte Denkmäler sind auch Voraussetzungen für den Tourismus. Bürgermeister Flörke überraschte in einer Sitzung des Stadtrats mit der Mitteilung, der Tourismus sei in der großen Kreisstadt leicht zurückgegangen. Das hat einige Stadträte nachdenklich gemacht. Andere allerdings sagen, sie wünschen sich keine Zunahme des Tourismus in der Stadt. Zwar seien Besucher gut für den Einzelhandel und die Gastronomie. Gleichzeitig verursache der Tourismus aber Infrastrukturkosten, belaste die Straßen und führe möglicherweise zu einer Überfüllung der Innenstadt.

Im Rahmen seiner Strategiediskussion wird der Stadtrat auch über dieses Thema in den nächsten zwölf bis 18 Monaten eine Entscheidung treffen müssen. Die Positionen treffen aufeinander: „Tourismus ist als Wirtschaftsfaktor zu vernachlässigen“, sagen die einen, „viel wichtiger ist es, dass wir ein Wirtschaftsstandort sind“. Andere meinen: „Tourismus schafft Arbeitsplätze und ist ein Türöffner für Investitionen. Wer Landsberg nicht kennenlernt, wird Stadt und Region als Standort nicht erwägen“.

Bei der Frage der Nutzung des Schlossberges wird man so grundsätzlich nicht diskutieren müssen. Gelänge es, dort ein „Vier Sterne plus“-Hotel zu etablieren, hätte es mit Sälen, Konferenzräumen, einem Biergarten, einem Restaurant und einer Bar auch einen hohen Wert für die Menschen, die hier oder in der Nachbarschaft leben. Der Preis dafür ist aber offenbar ein weithin sichtbares „Nebengebäude“ der jetzigen Schlossbergschule. Sind wir bereit, diesen Preis zu bezahlen? Auch an anderer Stelle ist ein Hotel angedacht, am Ort des jetzigen Verwaltungsgebäudes der ehemaligen Pflugfabrik. Eines ist klar: Zwei neue Hotels rechnen sich auf keinen Fall.

Freilich gilt auch: Landsberg muss das bevorzugte Ziel der Menschen aus der Ammersee-Region bleiben – fürs Einkaufen, fürs Spazierengehen, fürs Eis essen, für Schweinshaxe und Weißbier. Die Wettbewerber heißen Weilheim, Buchloe und Kaufbeuren. Deswegen bemüht sich der Stadtrat auch darum, ein attraktives Marktkonzept zu erarbeiten. Der Süddeutsche Töpfermarkt scheint am neuen Standort einen guten Start hingelegt zu haben. Andere Ereignisse müssen folgen. Ein bisschen „Soundlaster“ und ein konsumorientiertes Stadtfest sind nicht attraktiv genug. Insofern ist die Grenze zwischen „Touristenziel“ und „Regionaler Mittelpunkt “ fließend. Auf das eine kann man vielleicht verzichten, auf das andere bestimmt nicht.

Die Händler, Dienstleister und Gastronomen der Landsberger Altstadt täten gut daran, daran stärker mitzuwirken. Sie machen zu wenig aus sich, praktizieren zu wenig Selbsthilfe. Bei Gesprächen mit Händlern hört man viele Klagen, erkennt aber kaum Bereitschaft, sich besser zu organisieren und auch Geld für gemeinsame Aktionen in die Hand zu nehmen. Neben den kürzlich beschlossenen erweiterten Zuschüssen für Marketingmaßnahmen und den Aktivitäten im Bereich „Märkte und Events“ sind seitens der Stadt aber zunächst keine Maßnahmen zur Förderung der Altstadt geplant. „Wir können keine Ladengrößen beeinflussen, keine Pachtzinsen senken und keine feuchten Keller renovieren“, heißt es dazu aus der Stadtverwaltung.

Der neue Hauptplatz verstärkt die Attraktivität der Innenstadt – das ist jedenfalls die absolut herrschende Meinung. Vielleicht gelingt es, das dort entstandene Ambiente mit einer Fußgängerzone Vorderanger und einem beruhigten Hinteranger zu ergänzen. Zu kurz denken darf man dabei nicht; „niemand verzichtet auf den Kauf von ein Paar Schuhen, weil er es anschließend in einer Tüte zum Auto tragen muss. Wer es nicht kauft, hat dafür einen ganz anderen Grund“, sagen Stadtplaner.

Altstadt, Denkmalschutz, Tourismus und Kunst gehören in Landsberg eng zusammen. Wir haben Talente wie Johannes Skudlik, Franz Lichtenstern, Charles Logan und Matthias Utz. Wir haben Ereignisse wie Snowdance und den Orgelsommer, die Rathauskonzerte und die Sommermusiken. Wir haben Institutionen wie das Stadttheater und die Stadtkapelle. Wir haben Denkmäler wie das Historische Rathaus, das Bayertor, die Stadttürme und die Kirchen. Das alles ist kulturelle Erbauung. Aber noch ist die Stadt bei ihrer Gestaltung allzu oft Lebenskünstlerin. „Unser kulturelles Leben darf nicht ausschließlich dem Diktat der Ökonomie unterworfen werden, denn eine Gesellschaft, die glaubt, Kultur sei erst dann an der Reihe, wenn alle finanziellen und baulichen Wünsche erfüllt sind, beginnt ihre Seele zu verlieren“, hat Bürgermeisterin a.D. Sigrid Knollmüller gesagt. Aber auch sie weiß: So schnell ist Abhilfe nicht in Sicht.

Achtung: Hotel

Mit ihrer Pressearbeit hat die CSU-Fraktion im Landsberger Stadtrat nicht viel Glück. Zum zweiten Mal ist nun ein Antrag vor der Veröffentlichung ausgeplaudert worden, diesmal sogar vom Oberbürgermeister höchstpersönlich. Und das noch in einem personell reduzierten „jour fixe“, zu dem die Stadtverwaltung zuvor erklärt hatte, er sei überflüssig, weil es nichts Neues mitzuteilen gebe.

Allerdings sind die Auswirkungen nicht dramatisch. Neuigkeiten enthält der später nachgeschobene Antrag nämlich kaum. Dass die CSU seit Langem damit liebäugelt, die Mittelschule auf dem Schlossberg in ein Hotel umzuwandeln, ist bekannt. Präzisiert hat sie jetzt lediglich, dass sie daran denkt, das Landsberger Filetstück „wegen der schwer kalkulierbaren Kosten für die Bestandssanierung“ per Erbbaurecht Dritten zu überlassen.

Per Erbbaurecht

Erbbaurecht heißt: Wir geben das Areal für mehrere Generationen in fremde Hand. In der Hoffnung, dass daraus etwas für alle Nützliches entsteht. Das Vorhaben soll Touristen und Tagungsgäste in die Stadt locken und durch die Gastronomie auch eine Bereicherung für Einheimische sein.

Wenn man sich ein wenig in Kommunen umsieht, die Ähnliches im Sinn hatten, kann man nur sagen: „Achtung, Hotel“. Es gibt Dutzende Fälle, in denen Städte und Gemeinden an Aussichten und Prognosen geglaubt haben und bitter enttäuscht wurden. Manches Schloss-, Park- und Panoramahotel wurde zu einem Abschreibungsobjekt und von wechselnden Betreibergesellschaften genutzt, aber schnell wieder aufgegeben. Der Bezirk Oberbayern kann da übrigens auch ein Lied von singen: Sein Tagungshotel Kloster Seeon am Chiemsee ist – obwohl perfekt gelegen – seit Jahren defizitär und bleibt es wohl auch.

Zahlreiche Projekte

Zugegeben, der Antrag der CSU zielt nur auf Prüfung der Machbarkeit durch die Stadtverwaltung. Die CSU gibt aber einen ersten Hinweis darauf, dass sie das Vorhaben für machbar hält. Sie beruft sich dabei auf das Architektenbüro Krause Bohne, das Stadt- und Resorthotels, Freizeitanlagen, Spa- und Wellnesszentren, Golfresorts sowie Marina- und Hafenanlagen konzipiert. „Die CSU-Räte haben seit längerer Zeit über Harry Reitmeir Kontakt zum renommierten Hotelarchitekten und Hotelplaner Tom Krause, der dem Projekt gute Chancen attestiert. Die Krause Bohne GmbH aus Eschweiler kann auf zahlreiche nationale und internationale Projekte verweisen“, heißt es in der Presseerklärung der CSU, die den Antrag begleitet.

Aber: Bereits das erste von vier deutschen Referenzobjekten, die auf der Website des Büros genannt werden, ist gar nicht verwirklicht worden. Das „Mega-Resort Schloss Beberbeck“, von Krause Bohne in „Frankfurt/Kassel“ verortet – richtig ist: es war in Hofgeismar vorgesehen – wurde ad acta gelegt. Die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine schrieb dazu, die Stadtverordneten hätten bereits 2011 beschlossen, die Bauleitplanung sofort einzustellen und die Suche nach Investoren umgehend zu beenden. Außerdem wollten die Stadtverordneten „endlich alle Kosten erfahren, die im Zusammenhang mit den Planungen des Resorts angefallen sind und möglicherweise noch ausstehen.“ Das zweite Objekt ist auf der Insel Rügen, die jährlich 1,3 Millionen Besucher hat. Und das letzte der vier Häuser, das Grandhotel Kaiserstrand auf der Insel Usedom, ist noch nicht eröffnet.

Man muss sicher sein

Wohlgemerkt: Renommee hat das Unternehmen zweifellos, auf das sich die CSU beruft. Ein wirksamer Beweis von Einschätzungskompetenz für oberbayerische „Schlosshotels“ sieht aber anders aus. Zumal man aus Häusern, die in Venedig, Moskau, Dubai, auf Mauritius und in Santiago di Chile liegen, kaum auf die Erfolgsaussichten des Landsberger Projekts schließen kann.

Es ist also extreme Vorsicht angebracht. Es sagt sich so leicht: Da machen wir ein Hotel. Aber schon die Planungskosten können erheblich sein. Das Risiko des Fehlschlags ist hoch. Es geht nicht um irgendein Gebiet, sondern um einen der schönsten Orte in der Stadt. Das Areal der „Landespurch“ darf man nur mit zitternden Händen überplanen. Und man muss ganz sicher sein.

So fundiert soll Landsberg sein

Eigentlich ist Geschichtsunterricht hierzulande ganz einfach. Man muss nur die „Landsberger Geschichtsblätter“ zur Hand nehmen, die jährlich erscheinen. Darin finden sich so viele Themen, dass man ein ganzes Schuljahr damit bestreiten könnte. Vor allem, weil die Schauplätze so nah sind. Was da über Herkomer, Zimmermann, Inflations-Notwährung, Tonröhren und die Andechswallfahrt steht, um nur einige von vielen Beiträgen aus den gerade veröffentlichten Geschichtsblättern 2016 zu nennen, lässt sich vor Ort anschaulich machen. Der „Feinbäcker Karl Manhart“, der da erwähnt ist, ob der verwandt ist mit …? Kennen wir den Namen „August Zirnheld“ nicht? Können wir uns die Röhren mal ansehen? Und: Wie fand das Kriegsende in Landsberg statt?

Die Geschichtsblätter bieten quer durch die Epochen genug Stoff für die Befassung mit der Vergangenheit. Wenn Schüler am Ende ihrer Schulzeit nur das von Geschichte wüssten, was in den Landsberger Geschichtsblättern steht, könnte man zufrieden sein. Wohlgemerkt: In dieser jährlichen Publikation des „Historischen Vereins Landsberg am Lech e.V.“ geht es nicht um rührselige Heimatkunde, touristisch motivierte Selbstdarstellung oder Historie um der Historie willen. Hier regiert die Absicht, Gegebenheiten, Entwicklungen und Ereignisse zu ergründen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Deswegen sind die „Landsberger Geschichtsblätter“ auch aktuell, weil sie aus gegebenem Anlass zurückblicken. Und sie sind wissenschaftlich, weil jeder (ehrenamtliche) Autor gewissenhaft ist.

lgb2016

Die Landsberger Geschichtsblätter sind eine einzigartige Leistung von historisch und damit auch politisch engagierten Bürgern, die dokumentieren, was sie ergründet haben. Wer bedenkt, dass diese Geschichtsblätter schon 114 Jahre erscheinen, von einem Verein, der in diesem Jahr 160 Jahre alt wird, der kann eigentlich nicht anders als Respekt bezeugen. So fundiert soll Landsberg sein.

Die rund 170 Seiten umfassenden Geschichtsblätter 2016 sind ab jetzt für 15 Euro im Tourismusbüro, im Buchhandel und im Reisebüro Vivell erhältlich. 

Trauer um Dieter Kolbe

Landsberg hat eines seiner Originale verloren. Von Harry Reitmeir *

Dieter Kolbe starb am vergangenen Freitag nach kurzer schwerer Erkrankung nur wenige Tage nach seinem 67. Geburtstag.

Er gehörte sicher zu den wohl bekanntesten Landsbergern. Gastwirt im Stadt München, danach fast 30 Jahre im Mohren und zuletzt in „Kolbe’s Wirtshaus am Spitalplatz“. Kaum eine Landsbergerin oder ein Landsberger war nicht zu Gast bei ihm. Seine alten Freunde trafen sich am Montag zum Stammtisch beim Kolbe, die Landsberger Bühne, die Musiker, die Sportler und die Kulturinteressierten – alle fanden sich bei Dieter Kolbe ein. Und die Politiker natürlich auch. Im Mohren gab es bereits in den 60er Jahren die sogenannte Ratsstube, in der man sich nach den Sitzungen des Stadtrats traf. Und als ich 2002 in den Stadtrat kam, erklärte man mir, dass man nach der Sitzung zum Dieter geht. Ziel sei die „Polithygiene“, denn wenn man sich mal gestritten hatte, dann sagte man spätestens nach dem zweiten Bier „samma wieder guat“. Und der amtierende Stadtrat war bis drei Tage vor Schließung seines Lokals im Oktober dieses Jahres noch zu Gast – Dieter selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen aber nicht mehr da sein.

Dieter Kolbe war von 1990 bis 1996 im Stadtrat und dort hochengagiert – auch in seinem Resort. Als Referent für das Heilig-Geist-Spital setzte er sich mit viel Herzblut für die Belange der städtischen Alten- und Pflegeeinrichtung ein. Und auch nach seiner Stadtratstätigkeit blieb er immer irgendwie der 31. Ratsherr.

Dieter interessierte sich für alle Themen, die „sein Landsberg“ betrafen. Er ließ sein Wirtshaus offen, auch wenn der letzte Gast bereits gegangen war, denn er wartete auf die Stadträtinnen und Stadträte, die noch im Sitzungssaal diskutierten. Und auch wenn es spät war – Dieter stellte sofort etwas zum Knabbern oder eine kleine Brotzeit auf den Tisch – natürlich auf Kosten des Hauses. Dann brachte er Bier und war ganz Ohr, was denn in der Sitzung so entschieden wurde. Und er kannte auch das Meinungsbild der Menschen, denn die „Lufthoheit über den Stammtischen“ war ihm stets bekannt. Ob Hauptplatzumbau, Herzog-Ernst-Straße oder Lechsteg – Dieter diskutierte gerne mit und gab gute und fundierte Ratschläge.

Und wenn es dann im Rathaus mal so spät wurde, dass Dieter bereits zugesperrt hatte, dann war man fast a bisserl traurig, denn es fehlte etwas.

Er engagierte sich von Beginn an stark für die Städtepartnerschaft mit Waldheim und bald war der Sächsische Stammtisch mit Bürgen aus Waldheim und Landsberg Tradition in seinem Lokal. Als zweiter Vorsitzender des damaligen Verkehrsvereins nahm er gemeinsam mit Bürgermeister Norbert Kreuzer maßgeblichen Einfluss auf die positive Entwicklung des Landsberger Christkindlmarkts.

Für Dieter gab es aber nicht nur Politik, sondern auch den Sport. War es die große Zeit im Landsberger Eishockey – Dieter Kolbe war dabei. Sehr am Herzen lagen ihm auch die Handballer des TSV Landsberg und deren Jahrzehnte andauernde Freundschaft mit den Sportlern aus Gänserndorf in Niederösterreich. Und natürlich war auch die Kultur sein Element. Selbst leidenschaftlicher Musiker – er streichelte seinen Contrabass – da war es klar, dass sich Künstler jeden Genres bei ihm die Klinke in die Hand gaben und auftraten. Und die Landsberger Bühne war auch eine von Dieter hoch geschätzte Institution.

Sein Herz schlug aber auch für den Ruethenfestverein. Wer kennt ihn nicht als Landsknecht, wie er mit seinem Leiterwagen beim Festumzug dabei war. Den Wagen mit Getränken und Brotzeit bepackt, grüßte Dieter Kolbe mit einem herzlichen „Hussa“. Die Teilnahme am diesjährigen Ruethenfest war ihm nicht mehr möglich, wenngleich er noch in seinem Wirtshaus am Spitalplatz auf Gäste und Freunde wartete.

Dieter war ein lebensbejahender Mensch, einer der gern lachte und die Geselligkeit liebte.
Sein Herz schlug für vieles in „seinem Landsberg“. Am vergangenen Freitag hörte es für immer auf zu schlagen. Landsberg verliert eines seiner letzte Originale. Der Spitzname „Sonnenwirt“ passte perfekt zu ihm und als sonnigen Menschen und guten (Partei)freund werde ich ihn stets in bester Erinnerung behalten. Sein früher Tod macht nicht nur mich, sondern viele Landsbergerinnen und Landsberger betroffen und traurig.

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*Harry Reitmeir ist Stadtrat der CSU und war langjähriger Weggefährte von Dieter Kolbe. Er hat diesen Nachruf auf Bitte des landsbergblog geschrieben. Dafür bedanken wir uns. Die Red.

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Harry Reitmeir (links) mit Dieter Kolbe. Foto:privat

Herkomers Ambivalenz

Herkomer

Herkomer in Oxfordrobe, Öl auf Leinwand, 1907

Nach zweijähriger Renovierungszeit geht das Herkomer Museum ab 25. Oktober 2015 mit neuem Konzept in Betrieb. Die aufwendige Generalüberholung des Gebäudes ist abgeschlossen: alle technischen Anlagen wurden von Grund auf erneuert: Heizungsanlage, Lüftungssystem, Elektroinstallation, Einbruch- und Brandmeldeanlage. Sanitäranlagen, Böden und Treppen wurden erneuert, ein Aufzug erschließt nun das Museum barrierefrei. Weiteren Service bietet das Herkomer Café mit Außenterrasse. Inmitten der verträumten und durch Bachläufe durchzogenen Parkanlage finden Gäste und Besucher hier einen Anziehungspunkt, der seine Attraktivität aus der Kombination Kunst und Natur speist.

Mit der Baufertigstellung geht nun auch die Einrichtung des Museums in die Zielgerade. Gleich im Eingangsbereich ist durch die großzügige Verglasung im Entrée sowie die helle und freundliche Gestaltung des Mobiliars die Handschrift des Gestalterteams Unodue aus München, erkennbar: sie schaffen eine moderne, aber warme und ganz eigene Atmosphäre. Die Ausstellungsfläche liegt im ersten Stock. Fünf Räume erschließen sich nacheinander, die jeweils für einen eigenen Themenbereich stehen. Mit dem Audioguide ausgestattet, der im Eintrittspreis von 5 Euro inbegriffen ist, starten die Besucher mit einem 5 minütigen Film, wahlweise auf Deutsch oder Englisch. Nicht nur wegen des hohen Anteils an Touristen vor Ort, sondern auch aufgrund Herkomers deutsch-britischer Biographie fand Museumsleiterin Sonia Fischer die konsequent zweisprachige Vermittlung unabdingbar. Jeder Text, ob Raum- oder Objekttext, jeder Audiobeitrag und eben auch der Film zu Anfang wurden entsprechend ins Englische übersetzt.

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