Daten frei Haus – ein Selbstversuch

Seit einigen Tagen steht auf http://www.landsberg.de das neue (siehe Ergänzung) Bürgerservice-Portal der Stadt zur Verfügung. Wer in Sachen Meldebestätigung, Aufenthaltsbescheinigung, „Statusabfrage Ausweis“, Übermittlungssperren, Umzug innerhalb der Stadt, Voranzeige einer Anmeldung, Wahlschein, Melderegisterauskunft, Geburtsurkunde, Eheurkunde, Lebenspartnerschaftsurkunde, Sterbeurkunde, Führungszeugnis oder Gewerbezentralregister etwas zu erledigen hat, kann das elektronisch tun.

Allerdings muss man Voraussetzungen erfüllen, um an diesem Verfahren teilnehmen zu können. Die sind auf den ersten Blick hoch: Da ist vom neuen Personalausweis, einem PC-Lesegerät und der sechsstelligen PIN die Rede. Alternativ kann man den Personalausweis von einem NFC-fähigen Android-Smartphone und der „AusweisApp2“ auslesen lassen und dort die PIN eingeben.

Ich zweifele zunächst daran, dass sich die Befassung mit diesem Thema lohnt. Immerhin haben wir in Landsberg ein gut funktionierendes Bürgerbüro, das zentral liegt, keine langen Wartezeiten kennt und zudem auch zu arbeitnehmerfreundlichen Zeiten geöffnet ist. Aber egal, die Neugier siegt.

Auf der Seite des Bürgerservice-Portals gibt es zwei Möglichkeiten des Zugangs. Entweder die „Registrierung“ oder „die Nutzung mit eingeschränkter Funktionalität“. Unklar ist, worin die Einschränkung besteht. Später komme ich zu der Erkenntnis, dass der Vorteil der Registrierung darin liegt, bei mehreren Wünschen an die Verwaltung nur einmal die persönlichen Daten eingeben zu müssen.

Im Text ist zusätzlich von der Einrichtung eines „Bürgerkontos“ die Rede. Ob die zuvor genannte „Registrierung zum Bürgerservice-Portal“ mit der „Einrichtung eines Bürgerkontos“ identisch ist, bleibt ungewiss. Später weiß ich: Die Verwaltung verwendet hier auf einer Seite zwei unterschiedliche Begriffe für die gleiche Aktion.

Da es aber ohnehin keinen Button „Einrichten“ oder „Bürgerkonto“ gibt, klicke ich auf „Registrieren“. Die Registrierung könne ich entweder mit meinem Ausweis oder mit einem Benutzernamen und einem Passwort vornehmen, lese ich auf der nun erscheinenden Seite.

Zum Thema „Ausweis“ heißt es: Bitte legen Sie jetzt Ihren Ausweis auf bzw. in das Lesegerät und starten Sie die AusweisApp2. Ich besitze zwar einen neueren Personalausweis, habe ein NFC-fähiges Handy und auch die kostenlose AusweisApp2. Aber natürlich versuche ich es zunächst mit „Registrieren mit Benutzername und Passwort“. Sollte das am Ende auch ohne die ganze Technik gehen?

Ganz ohne Ausweis

Ich erfinde also einen Benutzernamen und wähle ein Passwort, dessen Anforderungen erfreulicherweise gleich in einem Info-Feld angezeigt werden. Anschließend kann ich aus fünf Sicherheitsfragen auswählen, zum Beispiel: „Wie lautet der Name Ihres ersten Arbeitgebers?“ Bei mir wäre das ein Begriff aus zwei Worten, aber Leerzeichen sind nicht erlaubt und mehr als 15 Buchstaben auch nicht. Das ist ziemlich blöd, aber noch nicht ganz so blöd wie die neulich erfolgte Abfrage des Mädchennamens meiner Mutter, dessen Eingabe aber fehlschlug, weil er mit vier Buchstaben zu kurz war. Zu dumm, dass sie so hieß.

Ich ergänze noch Postleitzahl, Wohnort, Straße und Hausnummer sowie meine E-Mail-Adresse. In meinem Mail-Postfach finde ich nach einigen Sekunden einen Aktivierungslink. Nach einem Klick darauf werde ich beim „Bürgerservice-Portal der Stadt Landsberg am Lech“ herzlich willkommen geheißen. Das war einfach: Ganz ohne Ausweis, ohne Lesegerät, ohne NFC, ohne App, ohne PIN.

„Sie haben nun die Möglichkeit, Anträge an die Verwaltung der Stadt Landsberg am Lech online zu erfassen und direkt an das Bürgerbüro zur weiteren Bearbeitung weiterzuleiten“, heißt es dort. Tatsächlich werden unter der Rubrik „Bürgerservice“ wie zum Beleg zusätzlich die Einträge „Mein Konto“ und „Mein Postkorb“ angezeigt.

Allerdings bekomme ich nun langsam Zweifel. Was ist, wenn ich mich mit einer auf die Schnelle generierten gmx-Mailadresse unter dem Namen meines Nachbarn angemeldet hätte? Ich bin nicht nach meinem Ausweis gefragt worden. Weder musste ich ihn einscannen noch die Nummer eingeben. Ich könnte einfach behaupten, mein Nachbar zu sein.

Name des Nachbarn

Das will ich näher in Erfahrung bringen. Ich versuche zunächst, ihn zu isolieren, indem ich Übermittlungssperren für ihn einrichte. Nein, auf Meldedaten basierende Briefe von Kirchen oder Parteien soll mein Nachbar künftig nicht mehr bekommen; soll er doch versauern, der Depp. Und den Blumengruß der Genossenschaftsbank zur Goldenen Hochzeit, den gönne ich ihm auch nicht.

Tatsächlich kann ich nun frei auswählen, welche Übermittlungssperre ich für ihn einrichten möchte. Ich entscheide mich für „Auskünfte über Alters- und Ehejubiläen nach § 50 Absatz 5 i.V.m. § 50 Absatz 2 Bundesmeldegesetz“ und klicke auf „Sperre aktivieren“. Geschafft.


Guten Tag Herr (Name des Nachbarn),
Sie haben folgende Angaben für Ihre Übermittlungssperren übermittelt:
Die Sperre Auskünfte über Alters- / Ehejubiläen soll aktiviert werden.
Die Daten wurden an Ihre Meldebehörde übermittelt.
Ihre Übermittlungssperren gelten bis auf Widerruf.
Vielen Dank!
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Bürgerservice-Portal


Schon das darf ja nicht möglich sein. Bei der Anforderung einer erweiterten Meldebestätigung wäre aber die Grenze noch deutlicher überschritten. Frühere Anschriften, Einzugsdatum, Religion, Familienstand, Personalausweisdaten, Staatsangehörigkeit, Ehegatten-Daten, Daten zu minderjährigen Kindern, all das kann ich nun anfordern. Ich muss lediglich angeben, für welche Stelle ich die Angaben benötige. Da schreibe ich doch einfach mal „Rentenstelle“ – Rentenstellen brauchen immer irgendwas.

Nun muss ich nur noch das Angebot nutzen, die Versandanschrift zu ändern (die Infos sollen ja schließlich an mich geschickt werden und nicht an meinen Nachbarn) und per Giropay fünf Euro überweisen. Auch das funktioniert offenbar.

Kann es sein, dass man in diesem städtischen Portal eine Identität behaupten kann, ohne sie nachweisen zu müssen?

So schwer wäre das mit dem neuen Ausweis nicht. Jeder hat nach seiner Beantragung per Brief eine fünfstellige Pin erhalten. Viele haben sie bereits bei der Abholung der Plastikkarte in eine persönlich sechsstellige Pin umgewandelt. Wer das nicht getan hat, kann das leicht nachholen. Wer ein NFC-fähiges Smartphone hat, kann nun die kostenlose App laden, den Ausweis ans Smartphone halten und sich mit der sechsstelligen Pin legitimieren. Das funktioniert übrigens für viele Dienste, zum Beispiel BAföG-Ämter, die Online-Petition zum Deutschen Bundestag, die Steuererklärung und Briefe an das Kraftfahrt-Bundesamt.

Wieso man hier, in Landsberg und weiteren Kommunen, einen anderen, zweiten Weg zulässt, bleibt unklar – zumal es im realen Leben nicht möglich wäre, eine Meldebestätigung zu erhalten, ohne seinen Ausweis vorzuzeigen oder eine Ausweiskopie beizufügen. Hoffen wir also mal, dass man diese Lücke im System alsbald schließt und bei der Nutzung des „Bürgerportals“ und „Bürgerkontos“ einstweilen nicht wirklich auf die Rechner der Stadtverwaltung zugreift, sondern auf kluge Mitarbeiter trifft, die genau hinschauen.

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Der Nachbar war über die vorübergehende Nutzung seiner Daten informiert; es ist kein Schaden entstanden. Der Name des Autors ist der Redaktion bekannt.

ERGÄNZUNG: Die Stadtverwaltung Landsberg hat mitgeteilt, die Website sei zwar neu, das Bürgerservice-Portal aber nicht. Da hatte uns ein gestern eingegangenes städtisches Schreiben mit dem Text: NEU! Bürger-Serviceportal auf http://www.landsberg.de  irritiert. Die Stadtverwaltung hat im Übrigen nach unserem Beitrag eine Stellungnahme der beauftragten Stelle angefordert. Wir bleiben also am Ball.

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