Die Tür ist zu

Ein Kommentar von Werner Lauff

Man kann über alles reden. Über die unterschiedlichen Gründe, warum Menschen eine Wohnung brauchen. Junge Menschen, die zu Hause ausziehen. Alte Menschen, die kleinere Wohnräume wollen. Arbeitnehmer, die bei hiesigen Unternehmen einen Job bekommen. Flüchtlinge, die monatelang Vermieter für Vermieter abklappern, aber immer ist die Wohnung schon weg. Senioren, die generationsgerecht wohnen und Kontakte pflegen wollen, um nicht auf dem Abstellgleis zu sein.

Man kann über alles reden. Über die Ängste, dass die Mieten weiter ansteigen. Die Sorgen, dass erschwingliche Wohnungen immer weniger werden. Die Befürchtung, dass der Zeitarbeits-Lohn oder der befristete Vertrag die Wohnung, in der man noch sein darf, bald nicht mehr finanzieren kann. Den quälenden Gedanken, dass eine frei gewordene Wohnung demnächst nicht mehr an Landsberger geht, sondern meistbietende Münchener.

Man kann über alles reden. Zum Beispiel welche Ängste Menschen haben, die ein Haus besitzen. Dass sie lieber keine Nachbarn haben wollen, sondern freie Sicht. Dass sie sich um Wertverlust sorgen. Dass die hohe architektonische Qualität ihrer Häuser aus den 80ern durch moderne Bauten in der Nähe beeinträchtigt wird. Dass hundert Häuser mehr zweihundert Autos mehr bedeuten könnten, die aus den Tiefgaragen ja auch mal herausfahren.

Man kann über alles reden. Zum Beispiel darüber, dass unsere Gesetze das Bauen grundsätzlich erlauben und nicht verbieten. Dass es ein Recht gibt, Grundstücke zu verkaufen und zu teilen, um Liquidität für den nächsten Lebensabschnitt zu generieren. Dass Eltern sich nach Terrassen und Gärten sehnen, in denen sie ihre Kinder vom Wohnzimmer und der Küche aus spielen sehen können. Dass das Leben für „Alles soll so bleiben, wie es ist“ nicht wirklich geschaffen ist.

Man kann über alles reden. Auch darüber, ob und wie man Ursachen für all das beseitigen kann. Aber nicht so.

Was gestern Abend in der Bürgerversammlung geschah, war keine Mitwirkung, sondern eine Abrechnung. Sie war von Arroganz, Besserwisserei und Herablassung geprägt. Der Wunsch, Landsberg in Watte zu packen, „Fremde“ auszusperren und den Blick auf die Welt subquartiersmäßig zu begrenzen, hat bei vielen Anwesenden offenbar Grenzverschiebungen ausgelöst. Die anwesenden Stadträte, die sich intensiv um einen Ausgleich der gerade genannten Interessen bemühen, waren allesamt getroffen und verletzt. Keine der vertretenen Anliegergruppen hat sich einen Gefallen mit ihrer Mitwirkung getan. Die Tür ist erstmal zu.

Jede einzelne Initiative wäre gut beraten, sich auf den Dialog zu konzentrieren, der sie selbst betrifft. Die Idee, ein „Dach“ zu bilden, um massiver auftreten zu können, ist kontraproduktiv. Gestern Abend ist ein Stück Erde verbrannt worden, auf dem immer wieder Konsens hätte entstehen können.

In Sachen Staufenstraße ist das besonders grotesk: Die ersten drei Entwürfe werden heute gekürt. Erst dann gibt es erste Bilder, über die man reden kann. Mit welcher Intensität, wird nun abzuwarten sein. Bürgerbeteiligung ist keine Einbahnstraße. Man kann Einwände berücksichtigen oder auch nicht. Realisten wissen: Es ist Verhandlungssache.

So wie die Bürger in der Jahnstraße verhandelt haben. Übrigens abschließend – da gibt es nichts mehr dran zu rütteln. Sie haben, konzentriert auf das, was sie kennen und sie betrifft, unermüdlich Gespräche geführt. Sie haben niemandem apodiktisch Sätze wie „Wir kämpfen um den Wohnraum, den wir haben“ vor den Latz geknallt, sondern bei der Durchsetzung ihrer Forderungen dem Ausgleich von Interessen zugestimmt. Das war vorbildlich.

Aus der gestrigen Versammlung, der unwürdigsten die wir in den letzten Jahren erlebt haben, sollte sehr schnell etwas werden, was man als Gesprächskultur bezeichnen kann. Das was gestern geschah, passt unter diesen Begriff jedenfalls nicht.

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