Das Sonderopfer lohnt sich nicht

I

Fassen wir zusammen: Die Schloßberggarage wird in genau einem Monat für etwa ein Jahr geschlossen. Das ist ein Problem für 58 Dauerparker (24 Stunden), in der Regel Altstadtbewohner, 117 Dauerparker (14 Stunden, Tagparklätze), in der Regel Personen, die in der Altstadt arbeiten, und den Kurzparkern, die sich die 175 nicht dauerhaft vermieteten Parkplätze im Tagesablauf teilen. So weit dürfte die Sache unstreitig sein.

Nun gibt es zwei Lager. Das eine ist das Lager der Stadtwerke. Die Stadtwerke sagen: Die Altstadtbewohner und Altstadt-Mitarbeiter müssen Opfer erbringen. Sie sollen daher weit außerhalb parken, auf ihre Kosten den Bus nehmen und außer nachts auch keine Dauerplätze in der Lechgarage bekommen. Die Kurzparker hätten Vorrang, das seien schließlich die Kunden der Einzelhändler, diejenigen, die das Geld in die Stadt bringen. Deswegen schicken wir sie zur Lechgarage – da sind sie nah am Inselbad und den Geschäften.

Prüfen wir einmal, ob das wirklich so kundenfreundlich ist, wie die Stadtwerke behaupten.

Nehmen wir dazu zunächst eine feste Uhrzeit, nämlich die Innenstadt-Rush-Hour „10 Uhr morgens“. Da die nicht dauervermieteten Plätze in der Schloßberggarage zu dieser Zeit normalerweise fast vollständig ausgelastet sind, schicken wir 170 Fahrzeuge über die Schlossergasse und den Hinteranger zur Lechgarage. 120 davon werden keinen Platz finden, denn die Lechgarage ist da gerade bis auf 50 Plätze ausgelastet. Sie müssen über die Sandauer Brücke und die Schwaighofkreuzung zur Waitzinger Wiese weiterfahren.

So richtig toll ist schon das nicht; wir muten den Altstadtgästen, die eigentlich in die Schloßberggarage wollten, eine Suche zu, die mal so und mal so ausgehen kann. Aber selbst diejenigen, die gerade noch bei „Grün“ reinkommen, haben wohl keine Freude, angesichts der verwinkelten Struktur der Lechgarage, in der man Seitenarme befahren muss, um den letzten freien Platz auch tatsächlich zu finden. Und der ist möglicherweise nicht gut zugänglich, weil der Nebenmann „großzügig“ geparkt hat.

Aber die Stadtwerke haben damit das Problem nicht lediglich auf die  jetzigenNutzer der Schloßberggarage verlagert. Denn nun treffen ja die 170 Fahrzeuge der Schloßberggarege auf die 180 Fahrzeuge, die normalerweise in der Lechgarage parken. Also konkurrieren um 10 Uhr morgens 350 Autos um 230 Parkplätze. Zwei von drei Autos finden einen Platz, aber eines von dreien eben nicht. Mit anderen Worten: Auch für die Nutzer der Lechgarage bleibt nichts, wie es war.

Das alles setzt übrigens voraus, dass die insgesamt 175 Dauer- und Tagparker der Schloßberggarage ihr Auto tatsächlich weit entfernt oberirdisch beim DoIt im Landsberger Osten abstellen und mit dem Stadtbus hin und her fahren. Werden Sie das überhaupt tun, und wenn ja, auch im Herbst und Winter? Es kostet zwar einiges, mit einem Automatenticket fünf oder sieben Tage pro Woche in der Lechgarage zu stehen, aber Manche werden keinen Ausweg sehen. Nehmen wir an, nur jeder Siebte würde sich trotz der Gebühren dafür entscheiden – dann wäre die Zahl der freien Parkplätze auf einen Schlag halbiert und der Verteilungskampf würde noch größer.

Unabhängig davon: Nehmen wir weiter an, dass nur zehn Prozent aller gelegentlichen Altstadtgäste unter diesen Voraussetzungen den Eindruck bekommen, dass Parken in Landsberg zurzeit ein Problem ist, wie viele Altstadtgäste verlieren wir dann? Wer jetzt sagt: 35, weil er einfach zehn Prozent der Zahl der PKW nimmt, die um 10 Uhr einen Platz suchen, hat zu kurz gedacht.

Denn nun müssen wir uns den ganzen Tag ansehen. In der Schloßberggarage reden wir bei einer durchschnittlichen Parkdauer von zwei Stunden und einer – zurückhaltend angenommenen – Dreifachbelegung eines Parkplatzes pro Tag über 525 PKW gleich 787 parkplatzsuchende Altstadtgäste (bei 1,5 Insassen pro Auto). In der Lechgarage sind es mindestens 540 PKW mit 810 Personen. Das Potential des Vergraulens liegt also pro Tag bei über 1.500 Besuchern. Zehn Prozent davon wären 150 Kunden.

Die Lösung der Stadtwerke, den Altstadtbewohnern und Arbeitnehmern in der Innenstadt ein Sonderopfer aufzuerlegen, löst das Problem also nicht – im Gegenteil: Es wird praktisch stadtweit ausgedehnt.

II

KREISBOTE und landsbergblog haben früh einen Gegenvorschlag gemacht. Wir würden jedem Altstadtgast an der Waitzinger Wiese einen kostenlosen Parkplatz zur Verfügung stellen. Und wir würden das breit kommunizieren: Ein Jahr lang parkt man in Landsberg kostenlos. Das würde die Stadt einen sechsstelligen Betrag kosten. Aber auf der Haben-Seite steht ein erheblicher Effekt. Wir schaffen Anreize zum Besuch der Innenstadt. Wir können den Verkehr eindeutig lenken. Wir produzieren keine enttäuschten Parkplatzsucher. Wir verlängern die Aufenthaltsdauer in der Innenstadt. Wir kümmern uns sichtbar und erkennbar um unsere Gäste. Das sind gute Nachrichten, ohne jedes Wenn und Aber. Und die kann man guten Gewissens offensiv verkünden.

Diese Grundlösung würde dann auch Möglichkeiten schaffen, den Dauerparkern einen Platz in der Lechgarage zu geben. Parallel müsste man noch über einen Transfer von und zum DoIt-Parkplatz sprechen für die Tag-Parker.

Manche mögen fragen, warum wir das alles noch einmal so detailliert darlegen. Die Antwort ist leider: Weil die Stadt, die 100%ige Gesellschafterin der Stadtwerke ist, es weder im Verhandlungswege noch über die Gremien geschafft hat, das Kommunalunternehmen zur Kundenorientierung zu bewegen. Der Verwaltungsrat hat die Öffnung der Waitzinger Wiese am Dienstag vielmehr abgelehnt. Er hat keine Lösung für die Dauerparker formuliert. Er hat keinen praktikablen Weg für die Tages-Dauerparker aufgezeigt. Eigentlich hat er nur beschlossen: Augen zu und durch.

Wie kann das sein, wo doch am Montag drei Stunden lang alle Fraktionen eine gemeinsame Lösung formuliert hatten (die der von uns skizzierten nahe kommt)? Ganz einfach: Von den sechs im Verwaltungsrat vertretenen Stadträten haben vier (die von der UBV, der CSU, der Landsberger Mitte und der Fraktionsgemeinschaft BAL/ÖDP) gegen die einvernehmliche überparteiliche Lösung gestimmt. Nur zwei Stadträte, Felix Bredschneijder (SPD) und Henrik Lüssmann (Grüne), haben für die Gemeinschaftslösung votiert. Der Oberbürgermeister war gar nicht erst anwesend und hat sich auch nicht vertreten lassen.

Apropos: Mathias Neuner trat heute vor und in der Stadtratssitzung so auf, als erkenne er das Problem nicht. Immer wieder sprach er davon, dass die Anwohner eben auch mal einen Weg zurücklegen müssten. „Der Verwaltungsrat hat an die gelegentlichen Parker gedacht, nicht an die, die dort wohnen. Das war durchaus auch eine Entscheidung für die Innenstadt. Das war eine nachvollziehbare Entscheidung.“ Allerdings: Auf die nachdrücklich vorgetragene Frage, warum der Verwaltungsrat beschlossen hat, selbst bei Kostentragung durch die Stadt (statt der Stadtwerke) die Umsetzung der Maßnahmen zu verweigern (der landsbergblog berichtete), gab er keine Antwort. War das für ihn auch nachvollziehbar?

Das ist auch so ein Mysterium: Der Vorstand der Stadtwerke gab auf Befragen an, dazu habe es keine Diskussion gegeben, nur den Beschluss. Aber irgendjemand muss diesen Satz doch formuliert haben. Stand er in einer Vorlage des Vorstands? Oder wurde er vom Sitzungsleiter entworfen?

Felix Bredscheijder machte aus seiner Empörung jedenfalls keinen Hehl: „Ich teile Ihre Verwunderung vollständig. Wir haben am Montag lange und und konstruktiv diskutiert. Wir waren einvernehmlich, einstimmig, waren zufrieden mit dem Erreichten. Wir sind mit einem guten Gefühl nach Hause gegangen. 24 Stunden später haben sich vier Stadträte daran nicht erinnern können. Ich war komplett fassungslos. Das ist nicht mehr erklärbar.“ Übrigens: Mathias Neuner tadelte ihn sofort danach – er habe aus einer nicht-öffentlichen Sitzung berichtet und das dürfe er nicht.

Die anderen Stadträte stimmten Bredschneijder aber zu.

Christoph Jell (UBV): Wir wünschen uns, dass die Stadt belebt ist. Aber wir tun nichts, wenn es Schwierigkeiten gibt. Wir sollten die Kunden und die Einzelhändler nicht im Regen stehen lassen. Da erwarte ich von Ihnen, Herr Oberbürgermeister, besonderen Einsatz.

Dr. Reinhard Steuer (UBV): Ich verstehe nicht, dass man als Dienstleister nicht in den Schuhen seiner Kunden gehen kann. Das kann einen Bumerang geben. So eine Ausgliederung (der Parkgaragen an die Stadtwerke) kann man auch wieder rückgängig machen.

Dieter Völkel (SPD): Das ist ein völlig unbefriedigendes Ergebnis. Man muss nachverhandeln. Man muss zu einem Ergebnis kommen, dass dem von Montag so nah wie möglich kommt. Es muss eine Lösung geben!

Petra Kohler-Ettner (CSU): Wir sind Dienstleister für den Bürger. Im Moment arbeiten wir gegen den Bürger.

Doris Baumgartl (UBV): Ich kann das nicht verstehen. Wir hatten am Montag ein abgestimmtes Konzept. Wir können darüber diskutieren, wer das bezahlt. Aber warum ein derartiger Beschluss nicht möglich war, würde ich gerne wissen.

Christian Hettmer (CSU): Ich finde es unerträglich, dass wir als 100%iger Eigentümer der Stadtwerke nicht mehr erreichen können. Wir machen uns lächerlich. Der Verwaltungsrat hat aus einer monopolistischen Situation heraus entschieden. Wenn es zwei Parkhausbetreiber gäbe, wäre die Entscheidung anders gefallen.

Wolfgang Neumeier (UBV): Wir reden bei Baukosten über Millionen. Dagegen sind doch die jetzt entstehenden Kosten gering.

Am Ende der Sondersitzung des Stadtrats beschloss das Gremium einstimmig, Oberbürgermeister Mathias Neuner zu beauftragen, mit den Stadtwerken über eine Lösung im Sinne der Öffnung der Waitzinger Wiese zu verhandeln, auch wenn die Stadt die Kosten  tragen muss. Außerdem sollen „Job-Tickets“ für Pendler vom DoIt-Parkplatz und die Verlängerung der Fahrzeiten des Stadtbusses dorthin geprüft werden.

III

Was also ist das Fazit? Die Argumentation der Stadtwerke ist irreführend und kurzsichtig. Irreführend, weil das Kommunalunternehmen mit dem Verweis der Kurzparker auf die Lechgarage mehr Chaos schafft als Probleme löst und zudem die Psychologie von hin und her geschickten Altstadtgästen verkennt. Und kurzsichtig, weil man sich im Verwaltungsrat wie Studierende im Betriebswirtschafts-Seminar verhält, aber nicht wie Unternehmer im Markt.

Das Image der Stadtwerke nimmt dadurch massiv Schaden. Und Kunden merken sich so etwas. Die Stadtwerke, das ist doch das sympathische Unternehmen, das alternativ zu Konzernen Strom aus der Region anbietet – da geht man doch hin, da macht man doch mit! Oder lieber nicht? Was ist, wenn es mal ein Problem gibt? Kümmert man sich dann?

Aber auch der Stadtrat und der Oberbürgermeister sind nun gefordert. Das Kind liegt im Brunnen. Und es geht nicht an, zu behaupten, da liege es gut.

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