Snowdance 2018: Das Landsberger Manifest

Erstmals hat Snowdance heute Abend die Beratungen in drei Festival-Foren in Form des Landsberger Manifests zusammengefasst. Es dürfte in der Filmwelt Aufsehen erregen.

I

Ein vielfältiges Angebot deutschsprachiger Filme ist, ähnlich wie ein vielfältiges Angebot von Presse und Rundfunk, für die Meinungsbildung und den Diskurs in einer pluralen Gesellschaft schlechthin konstitutiv.

Wir brauchen dazu nicht nur die Wiederholung erfolgreicher Formate und die gelegentliche Ausstrahlung von neuen Produktionen, sondern die nachhaltige Förderung innovativer Ideen, nicht etablierter Talente und ungewöhnlicher Sichtweisen.

Nur ein breites kreatives Angebot von unterschiedlichen Genres und Darreichungsformen schafft das Potential zur permanenten Selbsterneuerung der deutschen Filmwirtschaft.

Nur so ist auch gewährleistet, dass internationale Vorteile, die durch große Sprachräume und Konzernstrukturen entstehen, keine publizistische Monopolwirkung entfalten und weltweit ausstrahlbarer Mainstream die notwendige Ergänzung erhält.

II

Das setzt voraus, dass es für Filmemacher reale Chancen gibt, über die Kinos, die Sender und neue Plattformen Zuschauer zu erreichen.

Dazu ist die Tätigkeit der öffentlich-rechtlichen Anstalten, von Pay-TV-Sendern und neuen Plattformen unverzichtbar. Gerade dieses diversifizierte und nicht ohne Grund duale Mediensystem sollte in der Lage sein, viele Sendeplätze für unabhängige Filme zu bieten.

Die Digitalisierung bietet weitere Chancen zum Ausbau der Angebotsvielfalt. Sie führt zur Reduzierung der Herstellungskosten, schafft zusätzliche lineare Kanäle und öffnet insbesondere die Tür zu on demand Angeboten und damit zur Unabhängigkeit von klassischen Verbreitungsgebieten und festen Sendezeiten.

Bei Anstalten, Sendern und Plattformen ist punktuell Aufgeschlossenheit gegenüber unabhängig produzierten Inhalten zu erkennen. Die Bereitschaft zum Dialog ist aber stark sender- und personenabhängig.

Zudem gibt es ein Problem im System: Die Vorfilterung von Inhalten bereits im Entwurfsstadium ist mit dem Grundgedanken des unabhängigen Films zumindest dann inkompatibel, wenn solche frühen Absprachen als Stellschrauben der Einflussnahme verstanden werden. Independent heißt gerade nicht, um Erlaubnis fragen zu müssen.

Es darf nichts Ungewöhnliches sein, dass Sender und Plattformen Filme außerhalb großer Deals ankaufen. Unabhängige deutsche Filme sind sehr oft die günstigste Möglichkeit, Sendeplätze qualifiziert zu füllen.

Die Sender und Plattformen benötigen dazu allerdings klar definierte Angebote, die besonders ein etwaiges zeitaufwändiges Nachverhandeln von Rechten überflüssig machen. Es wird angeregt, dass die unabhängigen Filmemacher dazu gemeinsam mit den Sendern Standards entwickeln.

Außerdem sollten sich nach Meinung der Forumsteilnehmer unabhängige Filmemacher so organisieren, dass sie sich über die Ansprechpartner in den Anstalten, Sendern und Plattformen gegenseitig informieren. Im Forum 1 fiel dazu als Stichwort „Share and Care“.

Es bedarf allerdings auch noch eines weitergehenden Hinweises. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind in besonderem Maße zur Schaffung kultureller Vielfalt aufgerufen. Soweit diesem Anspruch das permanente Schielen auf die Quote entgegensteht, muss die Medienpolitik es in Frage stellen.

Die unabhängigen Filmemacher schlagen konkret vor, ähnlich wie im Fall der Drittsendeplätze bei Privatsendern, die zu Formaten wie SPIEGEL TV geführt haben, feste Sendeplätze für unabhängig produzierte Filme einzurichten, die ein Bewusstsein für und Lust auf inhaltliche Vielfalt schaffen.

Ziel der unabhängigen Filmemacher ist es allerdings nicht, dass für sie dauerhafte Sonderregelungen gelten. Sie setzen darauf, dass Anstalten, Sender und Plattformen schrittweise mehr Mut, mehr Risikobereitschaft und mehr Fantasie entwickeln, schon um der veränderten Mediennutzung Rechnung zu tragen.

III

Der unabhängige Film macht nur dann einen Schritt nach vorn, wenn die unverzichtbare Film- und Verleihförderung angepasst wird.

Ideal wäre, dass Produktionsförderung auch nach Fertigstellung eines Werks in Anspruch genommen werden kann. Eine Änderung der entgegenstehenden Rechtslage könnte aus haushalts- und subventionsrechtlichen Gründen aber schwierig sein.

Zwei Möglichkeiten, auch ohne eine bestehende Kooperation mit Anstalten oder Sendern Fördermittel zu erhalten, liegen in der Nachwuchsförderung und der Low Budget Produktion.

Die bayerische Filmförderung versteht „Nachwuchs“ allerdings auch altersmäßig und hat eine Höchstgrenze von 40 Jahren festgesetzt. Es gibt aber, das ist ein konkretes Ergebnis aus Forum 3, die Bereitschaft, mit Vertretern von Snowdance über eine Aufhebung dieser Grenze zu sprechen.

Die zweite Möglichkeit, die Low Budget-Produktion, erfordert einen Verleihvertrag. Als weiteres konkretes Ergebnis in Forum 3 hat sich die Möglichkeit herauskristallisiert, dass Snowdance auch einen eigenen Verleih gründen könnte, also einen Verleih freier Filmemacher. Auch darüber soll demnächst mit der Filmförderung gesprochen werden.

In jedem Fall ist die Möglichkeit der Verleihförderung für Filme, die keine Produktionsförderung erhalten haben, nicht nur rechtlich, sondern auch in der Praxis stärker anzuwenden.

In Sachen Förderung bedürfen Kurz- und Serien-Formate besonderer Aufmerksamkeit, ebenso die nachträgliche Marketingförderung.

Filmförderung ist regionale Wirtschaftsförderung. Zumindest bei der Verleihförderung sollten die Anforderungen ans Geldausgaben im Förderland aber gelockert werden. Vorbild könnte hier „Szene Tirol“ sein; Voraussetzung dort ist lediglich, dass im Film Bilder aus Tirol enthalten sind.

IV

In den Foren war auch das Interesse und die Bereitschaft der beim Snowdance-Festival vertretenen Filmemacher zu organisatorisch verfestigter gemeinsamer Arbeit zu erkennen, unter Einschluss von Öffentlichkeitsarbeit, Förderfragen und die gemeinsame Gesprächsführung nach außen.

Abschließend:

Der unabhängig von TV-Redaktionen und initialer Filmförderung produzierte deutsche Film ist überlebenswichtiger Impulsgeber für das deutsche Filmgeschäft. Maßnahmen zu seiner Förderung sind Maßnahmen zur Stärkung des deutschen Films.

Die Teilnehmer des Snowdance-Festivals leisten aus ihrer Sicht einen unverzichtbaren Beitrag zur Medienvielfalt. Sie bitten dazu um Unterstützung.

Landsberg am Lech, 3. Februar 2018

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