Nachplappern ist eine Gefahr

Eine Anmerkung von Werner Lauff

Wer die 1.600 Beiträge des landsbergblog in den vergangenen fünfeinhalb Jahren verfolgt hat, der weiß, dass wir hohe Ansprüche an Recherche stellen – bei uns selbst wie auch bei anderen Medien. Sie erstrecken sich naturgemäß zunächst auf Tages- und Wochenzeitungen sowie Radio und Fernsehen in unserer Region; das ein oder andere hiesige Medium hat daher schon Manches einstecken müssen. Manchmal fallen uns allerdings auch Berichte überregionaler Medien auf, die wir für zweifelhaft halten.

Im konkreten Fall ging es um einen Bericht der Tagesthemen der ARD am 25. September 2017. Darin gab es einen Beitrag, der zu ergründen versuchte, warum Menschen im Landkreis Sächsische Schweiz / Osterzgebirge (dem Wahlkreis von Frauke Petry) die AfD gewählt haben. Zunächst formulierte eine ältere Passantin Unverständnis, wieso die Ausländerfragen nicht gelöst seien. Weiter hieß es: „Das Wahlergebnis wundert auch Doreen Lucius nicht.“ Eine junge Dame äußerte sich dann wie folgt:

„Auf der Straße wo ich wohne, da gibt es halt schon mehrere Fälle, stand auch in den Zeitungen, dass halt Frauen vergewaltigt wurden. … Klar gibt’s das auch in unserem Land. Dass es von uns welche sind. Sagt ja auch keiner. Aber es wird halt immer mehr.“

Das kam uns merkwürdig vor. In der gleichen Straße mehrere Vergewaltigungen, der Formulierung nach zudem von Ausländern? Also riefen wir am nächsten Morgen sehr früh bei der Pressestelle der zuständigen Polizeidirektion Dresden an. Die beiden Pressesprecher waren beide anwesend. Keiner von ihnen konnte sich an Vorkommnisse dieser Art erinnern.

Unmittelbar danach schrieben wir eine E-Mail an den Chef von „ARD aktuell“ (gleich Tagesschau und Tagesthemen), Kai Gniffke. „Uns würde interessieren, ob denn die Redaktion diese Behauptung der Dame einfach gesendet oder vorher geprüft hat“, formulierten wir – und bekamen erst einmal keine Antwort.

Die kam allerdings letztlich doch. Vierzehn Tage später erhielten wir eine verklausulierte E-Mail des Zweiten Chefredakteurs von „ARD aktuell“, Marcus Bornheim. Er berichtete, dass die Redaktion der Tagesschau unabhängig von unserer Mail am kommenden Tag darüber diskutiert habe, ob man das so stehen lassen kann.

Unabhängig von unserer Mail darüber diskutiert, ob man das so stehen lassen kann? Ja, war denn die Redaktion bereits darüber informiert, dass es gar keine Vergewaltigungen in der Straße gegeben hat, weder von Aus- noch von Inländern, und hat es trotzdem gesendet?

Aber egal: Die Diskussion (vielleicht doch unsere Mail?) habe dazu geführt, dass man das Thema am nächsten Tag erneut in den Tagesthemen aufgegriffen habe.

In diesem zweiten Beitrag stellt zunächst die Polizei dar, dass es gar keine Vergewaltigungen gegeben hat. Der Reporter – übrigens der gleiche wie am ersten Tag – sagt dann aus dem „Off“: „Also keine Vergewaltigungen.“

„Wie kam es dann zu diesem subjektiven Gefühl?“, fragt er weiter. Der Reporter befragt erneut Doreen Lucius, die dieses Gefühl damit erklärt, ihre Eltern hätten ihr schon früh eingeschärft, nicht mit fremden Männern mitzugehen; daher resultiere ihre Angst.

Das Fazit: Die ARD sendet eine völlig falsche Behauptung, offenbar ohne sie vorher zu prüfen, und versucht das am Tag danach mit einem Bericht über das subjektive Angstgefühl abzumildern. Das ist ein schlechter Versuch, die Falschmeldung zu kaschieren.

Auch in Landsberg haben viele Menschen die AfD gewählt (in einer Probeabstimmung übrigens auch zehn Prozent der Schüler). Viele machen dies, weil sie Falschmeldungen glauben. Die Medien haben eine große Verantwortung dafür, sie nicht zu verbreiten. Ob lokal oder national, dabei gilt kein zweierlei Maß. Das ist der Grund, warum wir Landsberg an dieser Stelle ausnahmsweise verlassen und grundsätzlich werden: Behauptungen nachplappern ist journalistisch unkorrekt – und eine reale Gefahr.

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