Franz Xaver Rößle (70)

Der ehemalige langjährige Oberbürgermeister und jetzige Altoberbürgermeister Franz Xaver Rößle ist 70 Jahre alt geworden. Ehrensache, dass der landsbergblog da gratuliert, heute hier und morgen auch persönlich, bei einem eher kleinen aber feinen Empfang im Historischen Rathaus.

In seinen zwölf Jahren an der Spitze der Stadt stand Rößle für den Umbau Landsbergs in Richtung Industrie und Arbeitsplätze, für die Konversion von Kasernen zu Wohngebieten, für die Bewahrung und Erweiterung der Kultur, für die Ausweitung der Städtepartnerschaften und für eine mutige geschichtliche Erinnerungsarbeit. Durch ihn initiiert wurde Landsberg von der kaum beachteten Kleinstadt im Dornröschenschlaf zu einer der dynamischsten Großen Kreisstädte in ganz Bayern.

Im Rahmen der „Spaziergänge“ des KREISBOTEN bestand vor Kurzem Gelegenheit, mit Rößle einige Stunden Zeit zu verbringen. Den Text, der daraus entstanden ist, drucken wir mit freundlicher Genehmigung des KREISBOTEN im Folgenden noch einmal ab.

Herzlichen Glückwunsch, Franz Xaver Rößle!

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Augenhöhe war mein Ziel

KREISBOTEN-Serie: Spaziergang mit … –
Heute: Altoberbürgermeister Franz Xaver Rößle

Als wir telefonierten, lag die Frage auf der Hand: Können wir uns in Ihrem ehemaligen Amtszimmer im Schmalzturm treffen? Dort wo Sie von 1988 bis 2000 die Geschicke der Stadt gelenkt haben? So ein Eintauchen in die Vergangenheit würde Erinnerungen an seine Zeit als OB wecken, spekulierte ich. Nirgendwo sonst würde man so viel aus Franz Xaver Rößle herauslocken können wie dort. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Balken gemacht.

Tatsächlich kommt Rößle, der kürzlich den Titel „Altoberbürgermeister“ erhielt, sofort ins Erzählen, als wir sein ehemaliges Büro betreten. Nur nicht über sich. Mit einem raschen „Dann schauen wir mal“ lenkt er meinen Blick auf die Deckenbalken im Amtszimmer, wo die Namen vieler ehemaliger Bürgermeister und Oberbürgermeister der Stadt eingraviert sind. Rößle, der Jurist mit Hingabe zu Geschichte und Kultur, kann über jeden etwas referieren, über einige hat er selbst geforscht und publiziert.

Rößle spricht über Dr. Ottmar Baur, der nach mehrjährigem Planungsprozess 1931 den Bau der Neuen Bergstraße initiierte. Soghar in Schülerarbeiten werde zuweilen behauptet, die Ablösung der Alten Bergstraße sei von Adolf Hitler angeordnet worden, nachdem er dort im Stau gestanden habe; das sei reiner Unsinn. Die – im Stadtrat nicht vertretene – NSDAP sei vielmehr gegen die Maßnahme gewesen. Dr. Karl Linn, Hans Pfannenstiel, Hermann Überreiter, Ludwig Thoma, Dr. Rudolf Engelshuber und natürlich Hanns Hamberger sind die nächsten Themen. Über alle gibt es Berichtenswertes. Ich schöpfe Hoffnung: Nach Hamberger kommt in der Zeittafel Franz Xaver Rößle. Wir nähern uns dem Spaziergangszweck.

Buch und Masken

Dennoch sind die Balken ein guter Einstieg. Neben den Namen gibt es dort auch Symbole. Bei Rößle sind es das unter seiner Federführung entstandene Stadtlogo (das L, an dessen Fuß der Lech fließt) sowie ein geöffnetes Buch und drei Theatermasken. „Das steht für Kunst“, sage ich, „ja, aber auch für etwas Anderes“, antwortet Rößle und hofft, dass ich es errate. Nach kurzer Pause – ich errate es nicht – erklärt Rößle, das offene Buch stehe dafür, dass ihm jeder in die Bücher schauen konnte. Und die Masken, die stünden für Intrigen, die man als Oberbürgermeister so zu ertragen hat.

Das waren kurze Wege damals, stelle ich fest: Die Stadtverwaltung war nebenan, wo heute die Sparkasse ihren Sitz hat, das Historische Rathaus gegenüber. Das hatte Rößle von seinem Amtszimmer aus immer im Blick, ebenso wie den Hauptplatz. Der bereitete ihm freilich auch Kopfschmerzen: Sein erster Versuch, ihn umzubauen, scheiterte an einem Bürgerbegehren, das er gegen eine Dreiviertelmehrheit der Abstimmenden verlor – „ein Wermutstropfen“.

Dennoch klagte Rößle nicht; er gehörte selbst zur agilen Bürgerschaft. Gegen „Eli Lilly“, das geplante Chemiewerk im Industriegebiet, sammelte er in den 70er Jahren Unterschriften wegen der drohenden Industrie-Monokultur und des Flächenfraßes. In den 80ern war er Teil der Bewegung gegen die Nutzung des Lechwehrs als Wasserkraftwerk.

Ebenso wie Rainer Kuchinke (CSU), mit dem Rößle, wie es heißt, kongenial zusammenarbeitete. Kuchinke war es auch, der gemeinsam mit Norbert Kreuzer beim Geburtstag von Franz-Josef Strauß mit Finanzminister Max Streibl sprach und ihm das Zugeständnis abrang, es solle das Kraftwerk nicht gegen den Willen der Landsberger geben. Nachdem der Rechtsweg erschöpft war, hat Streibl, dann Ministerpräsident, als oberster Dienstherr der Bayerischen Wasserkraftwerke (BAWAG) Wort gehalten. Rößle wurde daraufhin zu Innenminister Gerold Tandler zitiert, der ihm die Entscheidung mitteilte, nicht ohne hinzuzufügen, er halte sie für falsch.

70 Prozent Wald

Die Landsberger Bürger wussten genau, was sie wollten, sagt Rößle und zählt Bürgerbegehren und -initiativen am Fließband auf. Schon vor seiner Zeit gab es die „Schutzgemeinschaft Landsberger Wälder“ gegen den geplanten Standortschießplatz im Oberen Stadtwald. Es gab das Bürgerbegehren für einen Kreisel an der Schwaighofkreuzung. Und es gab natürlich den Bürgerentscheid über die Nutzung des Frauenwalds für das Sägewerk Klausner, heute Ilim Timber. Bei der musste Rößle kämpfen; Tage vor der Abstimmung zeigte eine Umfrage, dass Stadtrat und Verwaltung verlieren würden. Erst mit einer eilig beschlossenen Plakataktion mit dem Versprechen „30 Prozent Gewerbe, 70 Prozent Wald“ kam das Vorhaben durch. Von dieser Formel ist man inzwischen weit weg; das Verhältnis hat sich fast umgekehrt.

„Auch der AKE-Kindergarten ist 1972 von engagierten Bürgern gegründet worden; das ist eine tolle Geschichte“, ergänzt Rößle. Ich muss aufpassen, nicht die Epochen zu verwechseln, sage ich. Sonst ordne ich Ihrer Amtszeit Themen zu, die zu anderer Zeit stattfanden. Rößle lacht und zeigt mir auf, wie schwierig die Abgrenzung ist. Das könne man gut an der B17 illustrieren. Als das Planfeststellungsverfahren 1988 begann und eine Trasse geplant war, die sehr nah an der Stadt war, habe es einen „berechtigten Bürgeraufstand“ gegeben. Stadtbaumeister Griesinger, Forstamtschef Dr. Gaudlitz und er hätten dann neue Schneisen gesucht und auch gefunden.

Dann aber kam das nächste Problem: Die Stadt hatte zum Schutz der westlichen Wohngebiete die Tieferlegung der Umgehung beschlossen und beantragt. 1999 erklärte das Bundesverkehrsministerium, auf dieser Basis nicht weiterarbeiten zu dürfen; die Immissionswerte reichten nicht aus. Rößle habe dann das Signal gegeben, die Planung ebenerdig fortzusetzen; die Forderung der Tieferlegung bleibe aber vorbehalten. Besser eine falsche Umgehungsplanung als gar keine Umgehungsplanung. Den Stadtrat habe er dabei nicht einbezogen; „er hätte das öffentlich so nicht beschließen können“. Rößle halte dieses Vorgehen nach wie vor für richtig. Sein Nachfolger habe die Tieferlegung auf der Grundlage der vorgenommenen Planung dann umsetzen können.

Die Stadt habe damals übrigens auch den großen Kreisel erfunden. Geplant war ein „vielblättriges Kleeblatt“ mit einer zusätzlichen Ausfahrt zum Krankenhaus, ein Konglomerat von Straßen, lauter Beton. „Ja muss das denn sein?“, habe Rößle den Stadtbaumeister gefragt. Letztlich sei mit Hilfe des städtischen Verkehrsgutachters Landbrecht die heutige Lösung entstanden.

19 Jahre von Planung bis Freigabe

„Es gibt offenbar wahrsinnig viele Dinge, die man in einer zweimal sechsjährigen Amtszeit nur auf den Weg bringt, aber nicht vollenden kann“, werfe ich ein. Tatsächlich seien in Sachen B17 vom Beschluss zur Planaufstellung 1988 bis zur Freigabe 2007 insgesamt 19 Jahre vergangen, sagt Rößle. Und mancher erinnere sich gar nicht mehr daran, wer eigentlich die Planungsarbeit gemacht habe. Als die B17 neu eröffnet wurde, habe man ihn noch nicht einmal als Teilnehmer begrüßt; „die Meisten hatten die Entstehungsgeschichte längst vergessen“.

Stadttheater, Neues Stadtmuseum, Herkomermuseum, Rathaussanierung, Stadtbücherei, VHS-Umzug, Jugendzentrum, Stadtbusse, Wasserentsorgung, Städtepartnerschaften, Fußgängerzone Ludwigstraße, Schloßberggarage, Übergabe des Krankenhauses an den Landkreis, Erwerb der Kasernengelände, Gewerbegebiet nördlich der A96, Anrufsammeltaxi, Todesmarsch-Denkmal, wir könnten noch über viele Maßnahmen sprechen, die Rößle initiiert und gemeinsam mit dem Stadtrat erreicht hat.

Warum sind Sie trotz all dieser Erfolge im Jahr 2000 nicht wiedergewählt worden? will ich wissen. „Diese Frage habe ich erwartet“, sagt Rößle. Das habe viele Gründe gehabt. Es sei damals die Zeit gewesen, als lange Amtszeiten öffentlich in Frage gestellt wurden. Daher kam dann auch der Slogan der SPD „Zwölf Jahre sind genug, 18 wären zu viel“. Aber es habe natürlich auch inhaltliche Gründe gegeben. „Der Hauptplatz hat mir sicher nicht genutzt. Mir hat auch nicht genutzt, dass ich mich so sehr um die Erinnerungsarbeit gekümmert habe. Und dass ich ein neues Verwaltungsgebäude bauen wollte.“ Das Poesiefestival mit dem Poesieautomaten von Hanns Magnus Enzensberger falle auch in diese Gruppe.

Außerdem: „Die Stadt war verschuldet, denn wir mussten dem Bund die frei werdenden Kasernen abkaufen.“ Rößle habe ehrlich gesagt: Die nächsten sechs Jahre müssen wir Ausgaben reduzieren. „Wissen Sie“, sagt Rößle, „wenn so viele Dinge zusammenkommen und zwei große Parteien, die CSU und die SPD, einen Kandidaten gemeinsam unterstützen, nämlich Ingo Lehmann, dann sind Sie als Unabhängiger immer in der Defensive.“

So ganz hat Rößle seinen Frieden damit noch nicht gemacht: Lehmann habe gegen das Fachmarktzentrum argumentiert und es dann gebaut, sagt er. Ähnlich verhalte es sich mit dem Verwaltungsgebäude. Nach der Verkündung des Ergebnisses der Stichwahl war sein Zorn jedenfalls spürbar: „Dieses Ergebnis entspricht nicht meinen Leistungen“, sagte er in die Kameras.

Nachverdichtung zum Siedlungsbrei

„Das hat Sie getroffen, aber nicht umgebracht“, sage ich. „Nein“, sagt Rößle, „die Entscheidung der Landsberger war für mich persönlich nicht falsch“. Die folgenden Jahre als Anwalt seien für ihn nochmal ein Stück beruflicher Erfüllung gewesen.

Wie sehen Sie Landsberg heute? „Es ist eine tolle Stadt. Aber wir müssen aufpassen, dass wir sie nicht durch blinde Nachverdichtung zum Siedlungsbrei machen.“ Rößle erinnert an den Vortrag von Dr. Busse, der im Stadtrat gegen die Aufhebung von Bebauungsplänen und Baugenehmigungen nach dem „Einpassungsgebot“ des Baugesetzbuchs plädiert hatte („Lassen Sie doch den Leuten ihr kleines Glück“). „Als ich das las, habe ich Hoffnung geschöpft: Vielleicht ist jetzt die größte Gefahr vorbei.“

Damit meinen Sie nicht die Pflugfabrik? frage ich vorsichtshalber. Rößle verneint. Er habe ja den ersten Wettbewerb zur Neugestaltung des Areals selbst initiiert, berichtet er. Aber die Gebrüder Pöttinger hätten damals noch nicht verkaufen wollen, weil sie keinen Pfeiler aus ihrer Unternehmensstruktur herausnehmen wollten – „sie brauchten einfach Zeit“.

Der Titel „Altoberbürgermeister“ – freut der Sie nun oder erinnert er sie eher daran, dass sie älter geworden sind? frage ich. „Ach, das Wort alt hat viele Bedeutungen. Mein alter Freund zum Beispiel. Nein, es ist ein im Kommunalrecht enthaltener Ehrentitel. Ich bin jetzt 17 Jahre aus dem Amt. Nach so einer Zeit sieht man, losgelöst von Wahlkämpfen und dem politischen Wettbewerb, ob jemand etwas geschafft, etwas bewegt hat oder nicht. Meine Zeit war die Zeit der Weichenstellung. Mein Vater war immer der Meinung: Landsberg ist zurückgeblieben. Das konnte man in der Tat mit den Händen greifen. Hanns Hamberger hat die Stadt schon aus dem Dornröschenschlaf erweckt; das war ein richtiger erster Schub. Aber im Jahr 2000, am Ende meiner Amtszeit, hatten wir Augenhöhe mit den anderen großen Kreisstädten. Und das war mein Ziel.“

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Das Gespräch führte Werner Lauff

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