Unbeplant gleich Stadtverwaltung?

Von 1546 ist die Bauinschrift am Bachwirt. Das Gebäude wurde in diesem Jahr als Wohnhaus für den Salzstadelmeister errichtet. Die Größe des Hauses gibt eine Vorstellung von der Bedeutung dieses Amtes und des Salzstadels für die Stadt im 16. Jahrhundert.

Das schrieb der damalige Stadtheimatpfleger Anton Lichtenstern in der 109. Ausgabe der Landsberger Geschichtsblätter. Nachgeschlagen haben das die Stadträte Reinhard Skobrinsky (BAL) und Hans-Jürgen Schulmeister (Landsberger Mitte). Aus gegebenem Anlass: Das Gebäude am Infanterieplatz wird derzeit umgebaut und modernisiert.

Wenn in der Altstadt ein Gebäude verändert wird, ist ein Blick in die „Satzung über besondere Anforderungen an bauliche Anlagen im Altstadtgebiet von Landsberg“ hilfreich. Zum Beispiel wenn Bauherren über Solardächer, Mobilfunkantennen und Dachgauben nachdenken. Im vorliegenden Fall erreichten uns zunächst kritische Fragen der beiden Stadträte und anderer Bürger zu den Dachgauben. Das Gebäude hatte jahrhundertelang keine Gauben; nun entstehen beidseitig gleich zwölf Stück. Geht das denn? Und sind Gauben mit dem Denkmalschutz vereinbar? Immerhin ist das Bachwirt-Gebäude nicht nur Teil des Ensembles Altstadt, sondern auch ein Einzeldenkmal.

Wir erinnerten uns an einen KREISBOTEN-Spaziergang mit Kreisheimatpflegerin Heide Weishaar-Kiem. Denkmalschutz bedeute nicht, „die Käseglocke darüber zu tun“ und die Nutzung oder Weiterentwicklung von Gebäuden zu verhindern, hatte sie erklärt. Wenn einer ein Bauernhaus kaufe, das unter Denkmalschutz stehe, müsse er nicht wieder Kühe in den Stall stellen.

Tatsächlich erlaubt auch die Altstadtsatzung, Einzelgauben (nicht „einzelne Gauben“) in Dächern von mehr als 40 Grad Neigung zu errichten, wenn sie sich in Form, Farbe und Größe dem Ortsbild einordnen. Von den Giebelrändern ist ein Abstand von 1,50 Metern einzuhalten. Diese Voraussetzungen sind im Fall „Bachwirt“ erfüllt, zumal die Gauben über die Dachfläche verteilt sind, nicht aneinander anschließen und die untere Gaubenreihe größer als die obere ist – auf diese Anforderungen legt das Landesamt für Denkmalpflege besonderes Gewicht.

Skobrinsky und Schulmeister haben mit ihren Recherchen aber auch zwei weitere Themen auf die Tagesordnung gebracht, die in der Tat problematisch sind. Vom Infanterieplatz aus sind drei im Licht glänzende Kamine in beträchtlicher Länge zu sehen, die über den Dachfirst hinausragen; dafür fehlen zwei kürzere Kamine auf der anderen Dachseite – jedenfalls im Vergleich zu einer Planskizze, die dem landsbergblog vorliegt. Nach Informationen aus der Stadtverwaltung sind die Kamine so nicht beantragt und auch nicht genehmigt worden. Darüber wird in der jetzt beginnenden Woche zu reden sein.

Das zweite Thema ist die grundsätzliche Frage der Zuständigkeit. Immer dann, wenn es um die Einpassung eines Vorhabens in einen unbeplanten Innenbereich geht, entscheidet die Stadtverwaltung ohne die Stadträte; der Bau-, Planungs- und Umweltausschuss wird mit der Sache nicht befasst. Auch die Frage, ob die Altstadtsatzung erfüllt ist oder nicht, wird von der Verwaltung beantwortet; lediglich bewusste Abweichungen müssen vorgelegt werden. Ist die Verwaltung einmal tätig geworden, lässt sich nichts mehr ändern, weil Bauherren sich (zurecht) auf die Bestandskraft von Verwaltungsakten verlassen.

Es sieht so aus, dass der Stadtrat durch eine Änderung seiner Geschäftsordnung einige Entscheidungen an sich heranziehen und sie dem Bauausschuss überantworten wird. Dieser Plan existiert bereits seit dem unglückseligen Projekt „Hopfengarten“ – dort hatte die Verwaltung die Einpassung bejaht, der Bauausschuss, ein externer Sachverständiger und das Verwaltungsgericht München kamen aber zum gegenteiligen Ergebnis (ohne lange diskutieren zu müssen). Der „Bachwirt“-Fall könnte nun den letzten Anstoß geben, die Änderung auch tatsächlich vorzunehmen. Ein Fortschritt.

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