Anfang gesucht

Stadtratssitzung, heute Abend. Auf der Tagesordnung steht das Henne-und-Ei-Problem. Nicht explizit, aber faktisch. Das Henne-und-Ei-Problem heißt in diesem Fall: Gebe ich 50.000 Euro aus, um zu prüfen, ob ich fünf Millionen Euro investieren soll? Oder muss ich erst wissen, dass ich die fünf Millionen investieren will, bevor ich die 50.000 für die Prüfung ausgebe?

Darum geht es konkret: Wir bauen, das steht fest, an der Lechstraße ein neues Jugendzentrum. Schon vor vielen Jahren gab es Pläne, genau an dieser Stelle die Lechgarage zu erweitern. Jetzt ist die letzte Chance, das Vorhaben zu verwirklichen und 200 zusätzliche Parkplätze zu schaffen. Erstens als Dauerparkplätze für Anwohner. Und zweitens als temporäre Parkplätze für Einwohner und Besucher. Wir müssen uns entscheiden: Tiefgarage oder nicht? Lange zögern können wir nicht, denn das Jugendzentrum wird ja am Papierbach abgerissen, an seiner Stelle wird eine Kindertagesstätte gebaut. Zuwarten bedeutet: Wir haben entweder irgendwann kein Jugendzentrum mehr oder die Kinder werden nicht betreut. Keine dieser Varianten ist intelligent.

Warum könnten wir diese Parkplätze, vom Bevölkerungswachstum abgesehen, überhaupt benötigen? Ein Auslöser ist der Wunsch von vielen Anwohnern des  Vorder- und des Hinterangers, das Parken (nicht das „Halten“ im Landsberger Sinne) in beiden Straßen abzuschaffen. Das würde den Parksuchverkehr drastisch reduzieren und damit den Lärm. Die Wohnqualität nimmt zu. Gleichzeitig steigt auch die Aufenthaltsqualität für Besucher. Das ist noch lange nicht beschlossen. Natürlich geht so etwas nur mit Bürgerbeteiligung. Und vor allem nur dann, wenn man alternative Parkmöglichkeiten zur Verfügung stellen kann. Wir wollen ja nicht weniger Anwohner und Besucher in der Altstadt, sondern mehr.

Die Frage lautet also: Würde das funktionieren? Wäre eine erweiterte Lechgarage das passende Angebot dafür? Wenn eine solche Tiefgarage fünf Millionen Euro kostet, fast halb so viel wie die Mittelschule, müssen wir ja sicher sein, dass das auch funktioniert. Auch darf es keine negativen Wirkungen, zum Beispiel Staus, an anderer Stelle geben. Die Stadtverwaltung hatte daher den Stadtrat gebeten: Gebt uns bitte 50.000 Euro, um diese Fragen in den kommenden sechs Monaten klären zu lassen.

Falsch herum, sagten andere Stadträte. Wir müssen uns erst entscheiden, ob wir die fünf Millionen überhaupt ausgeben wollen und wer sie ausgibt. Bauen die Stadtwerke? Baut die Stadt? Wenn letzteres, sind die Stadtwerke dann Pächter oder übernehmen sie das Eigentum? Nein, es ist schon richtig herum, sagen wiederum die einen, wir brauchen doch erst ein Konzept, eine Entscheidungsgrundlage. Moment mal, sagen die anderen wieder, die 50.000 sind doch zum Fenster rausgeworfen, wenn wir anschließend meinen: Fünf Millionen sind uns doch zu teuer. Sehen Sie, das ist das Henne-und-Ei-Prinzip, heruntergebrochen am 24. Mai 2017 auf Landsberg am Lech.

Wer hat Recht? Niemand. Das ist ja das Dilemma. Man kann sich so oder so entscheiden. Dennoch können Dilemmata dieser Art etwas Positives bewirken. Hier war es die Tatsache, dass die Prüfung auf Anregung mehrerer Stadträte auch auf das mögliche Parkhaus am Bahnhof und die erwogene Freigabe der Waitzinger Wiese zum kostenfreien Parken ausgedehnt wird. Damit wird die Prognose zwar 70.000 Euro kosten, aber wir haben noch mehr Szenarien abgedeckt und können die Wirkungen der möglichen Optionen besser einschätzen. Übrigens soll die Stadtverwaltung Angebote einholen, damit nicht allein das Institut Fahrnberg zur Auswahl steht (wobei: niemand hat schon so viele Daten über Landsberg wie dieses Verkehrsplanungsbüro).

Letztlich ist das alles nach langer Diskussion mit nur wenigen Gegenstimmen verabschiedet worden. Über drei Viertel der Stadträte konnten mit der nun gefundenen (teureren) Lösung aber besser leben. Ein Paradoxon? Ein klassisches Beispiel für Kostenmehrung durch Stadtratssitzung? Nein, eher ein Beleg für das harte Ringen um den richtigen Anfang. Dass wir einen solchen Anfang brauchen, ist unstreitig. Deswegen: Egal wie, lasst uns beginnen. Hauptsache die neue Landsberger Verkehrsplanung geht endlich los.

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