Sozial, nicht funktional

Der Stadtrat hat einen Tagesordnungspunkt weniger: Die Zusammenlegung der Stadtkapelle und der Stadtjugendkapelle wird zumindest am heutigen Mittwoch nicht mehr diskutiert. Dies verlautet aus der Stadtverwaltung.

Freilich ist das Thema damit noch nicht erledigt. Die Stadtkapelle braucht Verstärkung im tiefen Blech und einen neuen Dirigenten. Sie braucht eine Perspektive.

Durch die beantragte Zusammenlegung wäre sie aber nicht entstanden. Man hätte das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, hätte nachhaltigen Qualitätsverlust riskiert. Es war der falsche Plan zur falschen Zeit.

Jetzt steht Schadensbegrenzung auf der Agenda. Die Stadtkapelle habe „ihren“ Antrag zurückgezogen, wird heute mitgeteilt. „Die Stadtverwaltung, die die Stadtkapelle gebeten hatte, den Antrag zu stellen, hat sie nun gebeten, den Antrag wieder zurückzuziehen“, müsste es eigentlich heißen. Aber Sie haben Recht: Der Satz wäre zu lang.

Auch der drohende Verlust des Dirigenten Hans-Günter Schwanzer wird nun in Abrede gestellt. Ganz im Gegenteil: Bürgermeister Axel Flörke habe Schwanzer doch die Leitung der neuen großen Kapelle angetragen und es habe nur noch ein vom Dirigenten erbetenes Gespräch zur neuen Struktur gefehlt. Das stand am Samstag im Landsberger Tagblatt.

Aha? Wie ist das vereinbar mit der fünf Tage zuvor erfolgten Äußerung Flörkes gegenüber der gleichen Zeitung, Hans-Günter Schwanzer „könnte sich ja ganz normal um den Posten bewerben“? Ging es plötzlich nicht mehr um einen „kompletten Neuanfang unter neuer musikalischer Leitung“, um die „Wiederzusammenführung der Kapellen unter einer neuen musikalischen Führung“, wie in den Stellungnahmen und Anträgen steht? „Die Dirigenten beider Kapellen werden von ihren Aufgaben entbunden“ hieß es im Antrag der Stadtverwaltung an den Stadtrat. War das eine Beförderung und keiner hat’s gemerkt?

Schwamm drüber; die Handelnden sind eh schon touchiert und die Sache wendet sich ja zum Positiven. Und wir wissen aus vielen Gesprächen: In dieser Angelegenheit ist nichts schwarz-weiß. Es gibt einen schmalen Grat zwischen Aufgabenerfüllung und Aufgabenübererfüllung.

Dass Kinder und Jugendliche allerdings an einem Dirigenten hängen, der sie fördert und motiviert, ist doch eher ein Glücksfall. Musische Bildung ist von enormem Wert. Musizieren in frühen Jahren wird das Leben der jungen Menschen nachhaltig prägen. Ein Kind, einen Jugendlichen oder einen Heranwachsenden interessiert es dabei kaum, welche Funktion die Stadt seiner oder einer anderen Kapelle beimisst. Sie sehen ihr Orchester nicht funktional, sondern sozial. Freude und Freunde sind das, was sie hält. Vorwerfbar ist das wohl nicht.

So, Thema erstmal beendet. Am heutigen Mittwoch Abend steht etwas ganz Wichtiges auf der Tagesordnung des Stadtrats: die Verabschiedung der Bauleitpläne zum „Urbanen Leben am Papierbach“. Ohne Streit, voraussichtlich einstimmig, ganz im Konsens. Durchatmen!

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