Zur Jagd geblasen

Wie die Stadtjugendkapelle zum Bauernopfer wird,  nachdem die Stadtkapelle darniederliegt

von Werner Lauff

Das Jahreskonzert 2017 der Stadtjugendkapelle am heutigen Samstag stand im Schatten der Stadtratssitzung vom 22. Februar. Das Gremium entscheidet dann nämlich über diese Fragen:

  • Sollen die (erfolgreiche) Stadtjugendkapelle und die (notleidende) Stadtkapelle aufgelöst und ein neuer Klangkörper gebildet werden?
  • Wenn ja: Wird der Dirigent der (erfolgreichen) Stadtjugendkapelle, Hans-Günter Schwanzer, aus seinem Amt entfernt?

Diese Fragen werden derzeit streitig und emotional diskutiert. Versuchen wir zunächst, die Fakten herauszuarbeiten.

Rücktritt mit Widersprüchen

Am 10. Januar 2017 schickt der Dirigent der Stadtkapelle, Martin Heller, der hauptamtlich Lehrer am IKG ist, ein Schreiben an Oberbürgermeister Mathias Neuner: Die fünf Beiratsmitglieder der Kapelle hätten sich am Vorabend „überraschenderweise gegen eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit mir ausgesprochen“ und ihn „genötigt“, seinen Rücktritt einzureichen, was er hiermit tue.

Vier Tage später richtet der Erste Geschäftsführer der Stadtkapelle, der Hornist Aaron Wiedner, ein Schreiben an den Stadtrat. Darin heißt es, Dirigent Martin Heller habe sein Amt „wie angekündigt“ niedergelegt, „um die Lösung zu ermöglichen“, die Oberbürgermeister Mathias Neuner für die Stadtkapelle vorgeschlagen habe.

Es ist verständlich, wenn Sie hier zum ersten Mal kurz hochschauen und Ihre Brille zurechtrücken. Beide Schreiben sind kaum miteinander in Einklang zu bringen. Ist Heller freiwillig zurückgetreten oder hat man ihn „genötigt“? War der Rücktritt „angekündigt“ oder kam die Forderung danach „überraschend“? Sie merken: Da stimmt etwas nicht. Jeder erzählt eine andere Geschichte. Versuchen wir mal, zu erfahren, warum.

Es fehlt tiefes Blech

Aus dem Antrag Aaron Wiedners wird deutlich, warum die Stadtkapelle kapituliert. Sie habe „extreme Besetzungsprobleme“, heißt es, vor allem „im tiefen Blech“ (Posaune, Tuba; die Red.). Die nächsten Auftritte und Konzerte „können nicht mehr in ausreichender Qualität gewährleistet werden“. Daher herrsche in der Kapelle „große Unsicherheit über die weitere Zukunft“.

Offenbar haben lang anhaltende Bemühungen der Stadtkapelle, Musiker zu gewinnen und langfristig zu binden, nicht zum Erfolg geführt. Das Problem hat sich „über die letzten zwanzig Jahre immer mehr zugespitzt“. Erfahrene Musiker aus anderen Ensembles sind nicht in ausreichender Zahl hinzugestoßen. Und die Jugendarbeit unter dem Titel „Youngsters“ war offenbar so erfolglos, dass man sie inzwischen aufgegeben hat – auf der Website steht, das 2007 begonnene Projekt „ruhe derzeit“.

Die „Lösung“, die der Geschäftführer der Stadtkapelle zum Antrag macht, bestehe darin, sowohl die Stadtkapelle wie auch die Stadtjugendkapelle aufzulösen und „unter einer neuen musikalischen Führung wieder zusammenzuführen“. Das soll Oberbürgermeister Mathias Neuner vorgeschlagen haben. Und dem diene auch der Rücktritt Hellers.

Merkwürdig: Heller räumt in seinem Schreiben zwar ein, die Stadtkapelle habe „eine schwierige“, eine „turbulente“ Zeit gehabt. Aber er sei doch bereits „am Erarbeiten eines Zukunftskonzepts gewesen“; hätte gerne noch nach weiteren Möglichkeiten für das Fortbestehen „seiner“ Stadtkapelle gesucht. Schreibt er in seinem Brief an den OB. Und plädiert für den Erhalt der Stadtkapelle in ihrer jetzigen Form.

Das verstehen Sie jetzt gar nicht mehr? Heller trat zurück, um die Zusammenlegung zu ermöglichen und spricht sich gleichzeitig dagegen aus? Das kann nicht stimmen. Fragt sich nur: Was wird hier vorgetäuscht – Konsens oder Dissens? Konsens vortäuschen kommt ja öfter vor. Dissens vortäuschen wäre eine Intrige.

Praktisch kein Wechsel

Aber schauen wir zunächst weiter. Denn sicher stellen Sie sich die Frage, welche Gründe es geben mag, nicht nur die gescheiterte Stadtkapelle, sondern auch die bestens funktionierende Stadtjugendkapelle zu schließen. Heißt es nicht „never change a winning team“?

Die Stadtkapelle begründet ihren Antrag so: In den letzten zwanzig Jahren seien praktisch keine Musiker mehr aus der Stadtjugendkapelle zur Stadtkapelle gewechselt.

Oh, sagen Sie, alles klar. Die Stadtjugendkapelle hatte den Auftrag, den Nachwuchs für die Stadtkapelle zu beschaffen und das hat sie nicht getan.

Nein, diesen Auftrag hatte sie nicht. Im Gegenteil: Die Stadtkapelle war nicht etwa nur für Erwachsene und Senioren zuständig. Sie hatte vielmehr auch den Auftrag, „die Jugend zur musischen Bildung zu gewinnen“. Sie sollte in verschiedenen Ensembles die „Ausbildung des Bläsernachwuchses“ fördern. Dazu sollte auch „Jugendaustausch“ gehören. Das alles steht in den Paragraphen 1 und 2 der Satzung der Stadtkapelle. In die Stadtkapelle konnten daher auch Minderjährige eintreten, wie Punkt 6.2 der Geschäftsordnung klarstellt: „Bei Nichtvolljährigkeit ist die Unterschrift der Erziehungsberechtigten erforderlich.“

Auch in den Regularien der Stadtjugendkapelle steht keine Pflicht zum Handover an die Stadtkapelle. Zwar ist das Alter „aktiver Mitglieder“ in der Stadtjugendkapelle auf 27 Lebensjahre begrenzt. Aber dass ein Mitglied dann weitergereicht wird, steht nirgendwo.

Das alles ist eigentlich auch unstreitig. Der Geschäftsführer der Stadtkapelle schreibt in seinem Antrag wörtlich: „Gegründet wurde die Stadtjugendkapelle ursprünglich, um einen ständigen Nachwuchs des Hauptorchesters zu gewährleisten. Durch Beschlüsse des Stadtrats wurde dieses vierlerorts bewährte Modell außer Kraft gesetzt, ohne alternative Nachwuchskanäle für die Stadtkapelle zu schaffen“.

Auch die Stadtjugendkapelle weist in ihrer Stellungnahme darauf hin: „Einen satzungsmäßigen Auftrag, Nachwuchs für die Stadtkapelle zu generieren, haben wir seit 2002 nicht mehr … Es handelt sich um zwei eigenständige städtische Einrichtungen, die selbstständig ihren Nachwuchs suchen müssen“.

Stadtjugendkapelle gegen Zusammenlegung

Die Stadtjugendkapelle möchte jedenfalls keine Zusammenlegung mit dem rudimentären Ensemble der Stadtkapelle hinnehmen. Sie habe sich zu einem großen, ausgewogenen, symphonischen Blasorchester entwickelt und große Erfolge erzielt. „Auf diesen Status sind wir stolz und sehen grundsäztzlich keinen Anlass, an der derzeitigen Aufstellung etwas zu ändern“. Es gebe ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die beantragte Zusammenlegung würde für eine sehr große Mehrheit der Musikerinnen und Musiker kaum vorstellbar sein. Es bestehe die akute Gefahr eines massiven Musikerverlusts.

An einem lassen die Mitglieder der Kapelle auch keinen Zweifel: „Die positive Entwicklung ist mit Sicherheit dem von uns gewählten Dirigenten Hans-Günter Schwanzer zuzuschreiben.“ Auch insofern wollten die Mitglieder keine Änderung.

Warum kann man dann überhaupt ernsthaft darüber nachdenken, die Stadtjugendkapelle zu gefährden, um die Stadtkapelle zu retten?

Hinter vorgehaltener Hand gibt es Antworten darauf. Verantwortliche der Stadt gehe es vor allem um die Entfernung von Hans-Günter Schwanzer aus seinem Amt. Hätte er sich kooperativer gezeigt, hätte die Stadtkapelle jetzt nicht diese Probleme. Wenn der eine (Heller) gehen müsse, dann müsse auch der andere (Schwanzer) gehen. Sonst würde der ohnehin selbstbewusste Dirigent Schwanzer noch selbstbewusster. Da die Verantwortlichen der Stadt Schwanzer aber nicht absetzen könnten, wäre der beste Weg, einfach ein neues Orchester zu gründen; dazu müsste man dann ja einen neuen Dirigenten wählen und Schwanzer, tja, der komme dafür dann leider nicht in Frage.

Blasmusikverband nimmt „privat“ Stellung

Das könnte auch erklären, warum dem Stadtrat eine Stellungnahme von Andreas Horber vorliegt, dem Geschäftsführer des Bayerischen Blasmusikverbandes, wenn auch – wieder so eine Merkwürdigkeit – nicht in seiner beruflichen Funktion, sondern eigener Erklärung zufolge als Beobachter der Landsberger Blasmusikszene. Das ist der Autor dieses Beitrags übrigens auch; er kommt daher für ein Gutachten ebenso in Frage.

In Horbers Stellungnahme stehe sinngemäß, so hören wir, dass er, der Beobachter der Landsberger Blasmusikszene, um die besonderen Befindlichkeiten der handelnden Personen wisse und daher (!) einen Neuanfang unter neuer Leitung vorschlage. Will heißen: Schwanzer soll weg.

Die Stadtjugendkapelle, die dann nur noch eines von mehreren Ensembles der Stadtkapelle wäre, solle von einem „Jugendleiter“ geführt werden. Ein neuer Beirat müsse dann auch her; der Kulturbürgermeister müsse ihm unbedingt angehören.

Wer auch immer diese Stellungnahme bestellt hat, wer auch immer Schwanzers  Demontage betreibt: Er ist drauf und dran, aus völlig indiskutablen Motiven heraus die Stadtjugendkapelle zu zerstören. Er schafft keine Kultur, er schafft Kultur ab. Hier wird nicht Blasmusik gemacht, hier wird zur Jagd geblasen. Hier geht es nicht um tiefes Blech, sondern um niedere Motive.

Schluss damit!

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