Werden Sie Stadtrat!

Sollte Landsberg demnächst wirklich 30.000 Einwohner haben, dann hat das zwei Konsequenzen. Erstens: Prostitution ist wieder zugelassen. Für die Bürgerversammlung am kommenden Montag um 19:30 Uhr im Sportzentrum ist daher der Antrag angekündigt, die Stadt möge alles tun, bei 29.999 Einwohnern abzuriegeln. „Obergrenze“ ist in Bayern ja ein bekanntes Wort.

Und zweitens: Bei der nächsten Kommunalwahl steigt die Zahl der zu wählenden Stadträte von 30 auf 40. Für die Parteien und Wählergruppen ist das keine gute Nachricht. Es ist ohnehin schwer, eine Liste zu füllen, selbst für die CSU. Von der BAL, der ÖDP und der SPD mal ganz zu schweigen. Für Sie ist das aber eine Chance: Wenn Sie mitmachen wollen, werden Sie wahrscheinlich herzlich willkommen geheißen.

Allerdings müssen Sie wissen, dass das bayerische Wahlsystem Prominenz belohnt. Selbst wer sein bisheriges Engagement nicht ganz so ernst nahm, wie man es hätte erwarten können, und dazu noch einige Male mit eher zweifelhaften Ideen in der Zeitung stand, wird mit großer Wahrscheinlichkeit wiedergewählt. Es gibt Beispiele dafür; wir nennen sie nur nicht. Sind Sie aus anderem Grund schon bekannt, etwa weil Autos mit Ihrem Namen herumfahren oder Sie eine Apotheke besitzen, haben Sie beste Chancen; beim erratischen Suchen auf dem Wahlzettel gilt für Sie der „Den kenn‘ ich“-Bonus.

Freilich sollten Sie vorher noch etwas Nettes über die Stadtverwaltung sagen: Die Damen und Herren dort sind zahlreich und gehen garantiert alle wählen, sofern sie denn hier wahlberechtigt sind. Wenn Sie diese Herausforderung auch noch bewältigen: Willkommen im Stadtrat!

Eines müssen Sie allerdings wissen. Von Montag bis Mittwoch dürfen Sie nichts anderes vorhaben. Gerade hat der Stadtrat sein neues Mitglied Franz Daschner begrüßt und der hat im KREISBOTEN-Gespräch gesagt, sein großer Vorteil sei, dass er Pensionär ist und Zeit hat. Daschner hat zwar noch andere Vorteile, aber egal: Was Sie zuerst brauchen, ist Zeit. Und die Möglichkeit, am Donnerstag auszuschlafen.

Zwar hat die Zahl der Nachtsitzungen abgenommen, aber diese Woche war wieder so eine, von sechs bis nach elf. Und das Spannende kommt bekanntlich immer zum Schluss. Es kündigt sich durch Anwälte an, die im Zuschauerraum warten, bis der öffentliche Teil beendet ist und das Spannende beginnen kann.

Was Sie dann noch brauchen, ist Lernbereitschaft. Sie tragen als Stadtrat eine Menge Verantwortung. Und egal ob Sie über Schulsprengel beraten oder Mittagsverpflegung, über Kindergartentarife oder Nachverdichtung, über 30er-Zonen oder die Verrentungsoption in Straßenausbaubeitragssatzungen – Sie müssen eine Menge Fakten kennen, eine Menge Interessen eruieren, eine Menge Wissen erwerben. Noch mehr ist all das gefordert, wenn Sie Beauftragter für irgendetwas sind oder einem Verwaltungsrat angehören. Ehrenamt? Profi müssen Sie sein.

Das hat seinen Preis. Zur letzten Sitzung gab es 400 Seiten Sitzungsunterlagen. Sonntagslektüre. Widmen Sie sich der, wenn Sie in vier Jahren im Stadtrat sind? Natürlich tun Sie das. Ansonsten fragen Sie nämlich genau das, was in der Unterlage schon auf Seite 237 steht. Und die Mitarbeiter der Verwaltung wissen genau, was da steht. „Steht doch in der Unterlage“, sagen sie dann gerne. Und Sie sind aufgeflogen.

Dann gilt es noch, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Das, was der OB oder der Kämmerer oder einer der Abteilungsleiter so en passant sagen, zu registrieren, einzuordnen, zu bewerten und zum Thema zu machen. Da kann die Presse ein wenig helfen, aber letztlich ist die Gewichtung Ihre Sache.

Was brauchen Sie noch? Teilnahmewille an der Montagsrunde, Absprachewille mit anderen Fraktionen, Nachfragewille bei der Verwaltung und Zuhören-Wille gegenüber den Bürgern.

Alle Achtung, werden Sie jetzt sagen, dann machen die amtierenden Stadträte ja einen verdammt schweren Job. Stimmt. Wer dennoch sagt: „Das ist genau mein Ding“, der sollte sich beizeiten aufmachen, es ihnen gleich zu tun. Die Chance war noch nie so groß wie jetzt. Die 30.000er Grenze ergänzt vielleicht Tugend um Sünde. Sie könnte aber auch Ihr Durchbruch sein.

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Dies war, Sie haben es gemerkt, ein Kommentar. Der landsbergblog ist ein Kommentar-Medium. Detaillierte Berichte zur Stadtratssitzung finden Sie in der nächsten und übernächsten Ausgabe des KREISBOTEN. Sie können einzelne Beiträge unter www.kreisbote.de auch online lesen. Sollten Sie die gedruckte Ausgabe nicht erhalten (wollen), gibt es sie unter der gleiche Adresse online zum „Durchblättern“.

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