Statt eines Nachrufs

Nein, wir sprechen heute nicht übers Essen. Obwohl: Wir hatten Lachs nach aquitanischer Art, danach „weibliche Barbarie-Entenbrust an Petersilien-Kartoffelpüree und gebratenem Lauchgemüse auf Rotwein-Madeirasauce“ und zum Abschluss eine Auswahl französischer Käse vom Brett. Das kam perfekt aus dieser kleinen Küche, die Ente à point und butterweich, der Lachs mit Kapern würzig, die Käse grandios. Aber wir sprechen heute nicht über Essen. Wir sprechen über einen Champagner und acht französische Weine, jeder von ihnen beachtenswert und mit eigenem Charakter, sorgfältig ausgesucht und gelagert. Und wir sprechen vor allem über den Mann, der uns fünf Stunden lang, von acht am Abend bis eins in der Nacht, bestens informiert, instruiert und unterhalten hat: Medardus Wallner, Inhaber des „Artisan du Vin“.

Dass Wein und Käse Wallners Leidenschaften sind, weiß jeder, der ihn in seinem Geschäft in der Schulgasse besucht. Wer aber an einem seiner Abende teilnimmt, wie wir gestern an der „Weinreise durch Frankreich“, der lernt seine Begeisterung so richtig kennen. Sein „Restaurant“ im Obergeschoss des Altstadthauses bietet Platz für 35 Personen und so viel waren es dann auch, die sich gestern Abend einfanden. Ein bestens präparierter Chef – seine Vorbereitung auf vielen karierten Ringbuchblättern hatten wir schon bei „10 Käse, 10 Weine“ bewundert – mit einer kritischen Haltung zu allem, was im Weinanbau und beim Weingenuss degeneriert. Wobei die Winzer immer besser werden, die Konsumenten oft aber nicht. Gestern Abend war diese Gattung glücklicherweise nicht vertreten, jene Neureichen, die meinen, weil sie teuren Wein bestellen, seien sie auch Kenner. „Die denken: Wenn Du so einen Wein im Glas hast, dann bist halt oaner. Ohne zu wissen, dass koaner bist.“ Sagt Wallner.

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Wallners Spezialität ist, mit Weinen zu verblüffen. Der Wein, den er da gerade so rühmt, kann 8,95 Euro oder 250 Euro kosten – seiner Schilderung kann man das nicht entnehmen und den Preis verrät er sowieso erst auf Anfrage am Ende der Weinreise. Wir begannen sie, nach dem Glas aus der Champagne, im Elsass mit einem 2008er Clevner, die elsässische Bezeichnung für Weißburgunder. Endpunkte waren ein 1990er Chambolle-Musigny aus der Domaine Georges de Vogüe und ein 2003er L’Egrégore aus Bordeaux.

Zu allem gab Wallner kenntnisreiche Erläuterungen, ohne uns mit Details zu überfrachten. Vieles werden wir wieder vergessen, manches aber auch behalten, zum Beispiel dass ein Wein, der kurz im Barrique war, mehr nach Holz schmeckt als einer, der dort lange gereift ist. Wallner scheut sich auch nicht, konkrete Anleitungen zu geben, wie man das Glas hält, schwenkt und den Wein im Mund mit Luft anreichert. Denn er will, dass wir Wein nicht trinken, sondern genießen. Dass wir zwischen Wein und Wein unterscheiden können. Und dass wir ein Bewusstsein für Qualität entwickeln. „Sich Qualität zu leisten, ist der größte Luxus“, sagt Wallner zum Schluss. Die fünf Stunden Wissen, neun Gläser Wein und drei Gänge kosten 75 Euro. Eine lohnende Investition.

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Dieser Beitrag erschien in der der Reihe Essblog im landsbergblog vom 19. Mai 2012. Medardus Wallner ist am Dienstag im Alter von 69 Jahren verstorben.

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